Lehrbuch

Kirchengeschichte kompakt

Kirchenhistoriker in Deutschland sollen sich einerseits auf den Feldern hochspezialisierter Forschung tummeln, andererseits ihren Studierenden in Vorlesungen einen breiten Überblick von Pfingsten bis fast zur Gegenwart bieten. Dass diese weite Spanne im neuen Lehrwerk Evangelische Theologie auf zwei Bände aufgeteilt wurde, erleichtert die Aufgabe für die Autorinnen und Autoren nicht wesentlich. Wolf-Friedrich Schäufele hat sich ihr mutig und souverän gestellt. Von etwa 1300 bis 1989 führt er sicher durch die Untiefen des reichen Stoffs.

Das Werk will ausdrücklich ein Lehrbuch sein, und das heißt für Schäufele auch: Er stellt „Spezialinteressen des Verfassers“ zurück (XVIII). Stattdessen versucht er auch dort, wo Forschungskontroversen bekannt sind, eine milde Via media. Die Kontinuität der Reformation zum Spätmittelalter etwa wird benannt, Luthers Wirken zugleich als „grundstürzend“ charakterisiert. Diese Zurückhaltung führt auch dazu, dass manche wichtige Gesichtspunkte wie etwa die Frage nach der Rolle von Frauen in der Reformation nur angedeutet, nicht aber ausgebaut werden, und bringt es mit sich, dass nicht alle Lesenden mit allem einverstanden sein werden – aber kein Grund besteht, sich allzu sehr provoziert zu fühlen.

Er ermöglicht so insgesamt Studierenden in ganz unterschiedlichen Kontexten eine solide Examensvorbereitung. Und er tut dies mit einer deutlichen theologiegeschichtlichen Konzentration. Die sozialhistorischen Formierungen des Pietismus oder der Aufklärung etwa treten zurück, ja, selbst die weidlich etablierte Forschung zur städtischen Reformation erscheint eher anhand der theologischen Protagonisten als in ihrer gesellschaftlichen Funktion.

Einzelne theologische Systeme, das Luthers wie auch Calvins, werden ausführlicher dargestellt, auch Schleiermacher erhält noch ein eigenes Unterkapitel, während sich Karl Barth dann eines mit Otto, Bultmann und Tillich teilen muss. Hier zollt der theologiehistorisch interessierte Kirchenhistoriker der Aufgabenteilung mit den Systematikern und Systematikerinnen Tribut.

Das Nebeneinander von Luther und Calvin in der Darstellung weist noch auf ein anderes Charakteristikum hin: Schäufele trägt der für die Kirchengeschichtsschreibung in Deutschland sicher unausweichlichen Konzentration auf Luther Rechnung, fixiert sich aber nicht auf den mit diesem verbundenen Strom des modernen Christentums. Auch Zwingli wird sehr fair und ausführlich gewürdigt, und international werden Entwicklungen in England und den Niederlanden, aber auch in den katholischen Ländern angemessen dargestellt. Dies reicht bis in die Ausführungen zum „kurzen 20. Jahrhundert“ hinein, in denen das Zweite Vatikanische Konzil eine gründliche Würdigung erfährt.

Überhaupt ist dieser Abschnitt, der nicht zu den engeren Forschungsgebieten des Autors gehört, in seiner Auslotung des Feldes interessant und gewinnbringend. Kirchengeschichte der Bundesrepublik und der DDR werden gleichermaßen dargestellt, letztere ohne die von manchen Deutern gepflegte Fixierung auf die Stasi-Thematik, die gleichwohl Aufnahme findet.

Unterstützt wird die außerordentlich materialreiche, dichte und klare Darstellung durch sinnvoll ausgewählte Bildmaterialien, die jeweils eigens kommentiert werden. Manchmal blitzt in den Fußnoten auf, dass der Autor gerne die Fesseln des Lehrwerks gesprengt und mehr von seiner Gelehrsamkeit preisgegeben hätte. Manche von ihnen – etwa zur Rolle des Reichsgrafen bei Zinzendorf oder zu Umberto Eco als Ockham-Deuter – lassen erahnen, was der Autor alles entfaltet hätte, hätte er den Platz dazu gehabt. Aber Verzicht und Konzentration machen die Stärke eines Lehrbuches aus. Schäufele bietet den Studierenden den Stoff, den sie brauchen. Dieses Buch kann man getrost für die Exa­mensvorbereitung empfehlen.

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Foto: epd

Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.


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