Genuss

Fundstücke und Glaubenssachen

Johann Hinrich Claussen, ehemaliger Hamburger Hauptpastor an St. Nikolai und derzeitiger Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ist ein Kommunikator ersten Ranges, ein belesener Vermittler und Anreger aus Leidenschaft. Mit Genuss liest man seine kenntnisreiche Einführung in die Kunst, Kirchenbauten zu verstehen (Gottes Häuser, 2010), seine Geschichte der Kirchenmusik (Gottes Klänge, 2014) oder seine Gegenwindgedanken. Auf dem Fahrrad durch das Kirchenjahr (2013). Auch das neue Buch mit dem Titel "Über den Takt in der Religion. Fundstücke – Glaubenssachen" sei Lesern und Leserinnen ans Herz, vor die Nase oder jedenfalls in die Hand gelegt – eine Leseempfehlung also.

Diese Fundstücke und Glaubenssachen sind kurze, fürs Radio geschriebene Texte über christliche Lebensfragen und ethische Themen wie Scham, Armut, Reichtum, Hoffnung, Nüchternheit, über Religionspraktiken mit vielfältigen Bezügen: über das Beten, über die Frage, ob man alte Gesangbuchlieder noch singen könne, über die schöne Abgründigkeit der großen Weihnachtsoratorien. Aber auch darüber, was mit unserer Religion in der Moderne geschieht und welche Kirche wir in Zukunft brauchen. Über Fragen also, wie sie viele stellen, denen das Christentum nicht gleichgültig ist.

Auslöser für seine Texte sind oft Funde und Entdeckungen, etwa eine Konfirmationspredigt aus dem Jahr 1942, die Claussens Vater damals als Junge mitten im Krieg hörte und auf dem Estrich aufbewahrte, und die nun in den Händen des Sohnes wieder zu sprechen beginnt. Sätze eines längst verstorbenen Pfarrers Röhricht, der im Gewand traditioneller Theologie seinen Konfirmanden mitten im Krieg klare und mutige Sätze auf den Lebensweg mitgibt: „Von wem werdet ihr euch führen lassen?“. Oder ein Brief Julius Wellhausens, des großen Erforschers der hebräischen Bibel, der seinen Glauben an die Reformierbarkeit der damaligen lutherisch-konservativen Kirche verliert (und deshalb aus der Theologischen in die Philosophische Fakultät wechselt), nicht aber seinen Glauben. Er könne, so schreibt Wellhausen an einen Freund, keine Kompromisse mehr machen auf Kosten der Aufrichtigkeit. Und dann zitiert Claussen freudig dessen liberalprotestantisches Credo, das auch sein eigenes ist: „Ich bin meines Glaubens gewiss genug, und keine Zweifel können ihn erreichen.“

Eine andere Fundsache führt zu dem für mich schönsten Text dieses Buches. Claussen stößt zufällig auf einen kleinen Aufsatz des Kirchenhistorikers Karl Holl, der einen Titel trägt, den Claussen für seinen Band ausleihen wird: „Über den Takt in der Religion“. Hier bestreitet dieser Lutherforscher mit Vehemenz, dass Religion etwas mit Takt zu habe, und es also „taktvolle Religion“ geben könne. Weder die alten Propheten noch Jesus seien taktvoll gewesen, sie hätten keine Kompromisse geschlossen und Höflichkeiten ausgetauscht, sondern um der Sache Willen klar und mit der nötigen Härte gesprochen. Denn Religion sei kein Spiel, keine Sache des Genusses, sondern eine des Ernstes. Was Claussen nun zu einer Gegenrede in­spiriert, nicht gegen den Ernst des Glaubens, aber gegen einen unbarmherzigen Dogmatismus, gegen Rechthaberei in Sachen Religion. Es ist eine wunderbare Rede geworden, in der er für die Feinheit, die Freundlichkeit und eben für den Takt in der Religion wirbt. Man meint ihn beim Lesen vor sich zu haben. Denn er selbst ist ein taktvoller Mensch.

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