‚Warmer Wind‘ kontra ‚Muskelpaket‘

Eine Reaktion auf Ann-Helena Schlüters Sexismus-Kritik an der Orgelszene

Einen "Sexismus in der Orgelszene" kritisierte die Organistin Ann-Helena Schlüter in einem Beitrag der Rubrik "Störfall" in der Juli-Ausgabe von zeitzeichen. Darauf reagiert nun der Bochumer Konzertorganist und Kantor Ludwig Kaiser und wirft Schlüter ein zu selbstbezogenes Wirklichkeitsverständnis vor.

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier

Und kenne doch keine Note.

Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Es spielen Sternenhände vier

- Die Mondfrau sang im Boote -

Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür …

Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir

- Ich aß vom bitteren Brote -

Mir lebend schon die Himmelstür -

Auch wider dem Verbote.

 

(Else Lasker-Schüler[1])

 

Die Geschichte Hans Castorps,

die wir erzählen wollen,

nicht um seinetwillen,

sondern um der Geschichte willen …

 

(Thomas Mann[2])
 

Wie erfahre ich Wirklichkeit? Noch dazu eine, von der Else Lasker-Schüler schon 1943 in ihrem Gedicht „Mein blaues Klavier“ schreibt, dass „die Klaviatur des allzu Selbstverständlichen zerbrochen ist“?

In einem in zeitzeichen jüngst erschienenen Beitrag der Konzertpianistin, angehenden Konzertorganistin, Komponistin, Musikwissenschaftlerin, Autorin und Lyrikerin Ann-Helena Schlüter schlägt allerdings eine bizarre Sicht auf musikalische und gesellschaftliche Wirklichkeiten seltene Blüten.

An eine Autorin, die sich derart mit Berufsbezeichnungen schmückt, können zweifellos höchste Maßstäbe angelegt werden. Umso verheerender ist die Bruchlandung, die eine „extrovertierte, ehrgeizige, auffällige, emotionale, gläubige“ – ach ja und mit „vielen Fans, Ideen und Leidenschaft“[3] gesegnete – Autorin letztendlich in ihrem Artikel mit ihrer allzu selbstbezogenen Sichtweise auf ihre Person und das sie umgebende Tätigkeitsfeld unbekümmert inszeniert.

So lässt der Artikel insgesamt Kohärenz und Stringenz vermissen. Da wird eine „von unten gesehene große Orgel“ auf der Orgelempore „feminin und zerbrechlich“ beschrieben, gleichzeitig ist sie „Kalkül“ und „beinahe sachliches Wissen“.

Zudem werden ebenso schlichte wie belanglose Zusammenhänge notiert: Es ist unerheblich, ob die Zärtlichkeit einer künstlerisch agierenden Organistin proportional zur Größe der Orgel wächst – erheblich ist allerdings, welche künstlerischen Spielräume der Interpretation durch ein größeres Instrument zu gestalten sind.

Frau Schlüter pauschalisiert, insbesondere was die Beschreibung einer sexistischen, männlich dominierten Orgelszene betrifft. Dagegen werden Orte verschwiegen, an denen dies gerade nicht passiert. Da hätte durchaus auch eine Differenzierung zwischen evangelischen und katholischen Traditionen gut getan.

Ärgerlich sind zudem gedrechselte Falschaussagen statt schlichter Tatsachen-beschreibungen. So kann ich wohl eine künstlerische Reifeprüfung oder ein Konzertexamen ablegen, „virtuose Orgel“ studieren aber nicht!

Zu einer Wirklichkeit, die Frau Schlüter anklagt, aber anscheinend nur sehr selektiv wahrnimmt, gehört auch eine auffällige Anzahl herausragender Konzertorganistinnen, wie sie seit Jahren im Rahmen des Orgelfestival.Ruhr auftreten. Dazu zählen beispielsweise Els Biesemans, Maria Magdalena Kaczor, Maria Wolfsberger, Iveta Apkalna - um nur einige zu nennen. Auf diese Künstlerinnen muss der missionarische Anspruch von Frau Schlüter, „die Orgel für Frauen attraktiv zu machen“, befremdlich wirken.

So haben wir im Kollegenkreis des Orgelfestival.Ruhr auch keine männerbündlerischen Foren nötig, um über Kolleginnen abzulästern, uns sexistisch zu äußern oder gar – o Gott, o Graus – „neidvoll und atheistisch“ herumzuschmollen.

Für Kolleginnen mag es auch ärgerlich sein, wie Genderfragen auf billige und selbstbezogene Weise instrumentalisiert werden: „Je größer die Orgel, desto zärtlicher muss frau sein?“ 

Skurril erscheint auch die euphemistisch verdrehte, gegenüberstellende Beschreibung der Instrumente Flügel und Orgel. Mir ist selten ein spitz zulaufendes Muskelpaket namens Flügel untergekommen, das sich mir in Probe und Aufführung „entgegengebogen“ hätte.

Zudem vermisse ich, besonders im Winter, dass mir die Orgel „warm entgegen-bläst“. Trotzdem sind ihre Klänge nicht „beinahe feminin“, sondern: Prinzipal-stimmen sind herb, Flötenstimmen rund und grundtönig, Zungenstimmen schnarrend oder brillant, eine barocke Orgel eher obertonreich, eine romantische Orgel vor allem grundtönig ...

Gerade an der Orgel ist es wichtig, wie ich „in die Taste hineingehe“, wie Ansprachevorgänge mittels Artikulation ausgelotet werden. Artikulation überhaupt beschäftigt sich mit der Art und Weise der lockeren oder gebundeneren Verbindung zwischen einzelnen Tönen. Um das zu erfahren und künstlerisch umzusetzen, braucht es kein geschlechtsspezifisches Einfühlungs-vermögen – jedoch eine gute Portion künstlerischer Achtsamkeit und die Fähigkeit, sich im eigenen Spiel zuzuhören.

Insgesamt steht der Artikel der Autorin für ein ausgesprochen selbstbezogenes Wirklichkeitsverständnis. Dass damit notwendige Fremderfahrungen[4] auf der Strecke bleiben, zeigt ihr Beitrag deutlich. Diese Erfahrungen von Fremde sind aber nicht nur konstitutiv für unsere Persönlichkeitsentwicklung[5] oder das Wachsen unserer künstlerischen Sensibilität,[6] sondern können im ganz konkreten Fall auch neue, unerhörte Zugänge eröffnen. So wollte der argentinisch-deutsche Komponist, Dirigent, Librettist und Regisseur Mauricio Kagel die „gewöhnliche Majestät des königlichen Blabla“[7] der Orgel zerstören. Und der Komponist György Ligeti wurde vor allem von den Mängeln der Orgel angezogen, von ihrer „Unbeholfenheit, Steifheit und Eckigkeit ... Dieses Instrument gleicht einer riesigen Prothese. Es reizt mich herauszufinden, wie man mit dieser Prothese von neuem gehen lernen kann“.[8]

Und warum sollten wir uns überhaupt der Anstrengung unterziehen, die Heimeligkeit des eigenen begrenzten Erfahrungsraums zu verlassen? Warum sollten wir der eigenen Wahrnehmung grundsätzlich misstrauen?

Georg Wilhelm Friedrich Hegel gibt in seiner Phänomenologie des Geistes eine ebenso lapidare, wie unzweideutige Antwort: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[9] Zudem eröffnen sich im Auszug aus der Selbstbezogenheit unerhörte Horizonte. So schreibt Marcel Proust in seinem Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ über seinen Protagonisten Swann: „Aber seit mehr als einem Jahr, nachdem die Liebe zur Musik … wenigstens für einige Zeit in ihm aufgekommen war,“ wusste Swann, „dass … das eigentliche Feld, das dem Musiker offen­steht, nicht die Klaviatur mit ihren sieben Tönen ist, sondern ein unendliches Manual, das noch ganz unermessen ist, in dem nur hier und da, durch dichtes unerforschtes Dunkel ge­trennt, einige von Millionen Klangtasten der Zärtlichkeit, der Leidenschaft, der göttlichen Heiterkeit … entdeckt worden sind ...“.[10]

Was bleibt für die Zukunft, wenn deutlich geworden ist, dass „die Klaviatur des allzu Selbstverständlichen zerbrochen ist“ und „der Wunsch verschont zu bleiben nicht taugt“[11] – um mit Worten von Else Lasker-Schüler und Hilde Domin zu sprechen?
Was bleibt jenseits aller Plattitüden, was bleibt jenseits eines unglücklich instrumentalisierten Genderdiskurses?

Es bleibt dabei, andere Geschichten zu erzählen, nicht um unseretwillen, sondern um der Geschichte willen, die die Dinge uns erzählen. Und es bleibt die ZuMUTung, sich ins Offene stoßen zu lassen – denn: Erst in der neugierigen Suchbewegung ins Fremde erfahre ich die eigene Identität, wächst die eigene Geschichte.

 

[1] Else Lasker Schüler, Gesammelte Werke in drei Bänden, Frankfurt, 1996, S. 337

[2] Thomas Mann, Der Zauberberg, Frankfurt am Main 1980, S. 5

[3] Die Zitate beziehen sich immer auf den Beitrag ‚Meine zweite große Liebe‘ von Ann-Helena Schlüter
https://zeitzeichen.net/node/9131

[4]Erfahrung als Erfahrung von etwas Fremden weist über sich selbst hinaus. Die Fremderfahrung macht deutlich, dass wir bei der Wahrnehmung nicht bei uns selbst bleiben, sondern uns auf die Welt hin ausrichten. Die Welt ist immer auch das Unbekannte, das wir nur im Vollzug entdecken. Deshalb gibt es immer Unsichtbares im Sichtbaren.“ Vergl. Bernhard Waldenfels auf einer Tagung der Ev. Akademie im Rheinland, 2014 - https://www.mensch-welt-gott.de/waldenfels-sichtbar-unsichtbar-2204.php

[5] Vegl. Thomas Fuchs, Leib, Raum, Person – Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 2000, S. 120 ff.

[6] Vegl. Juan Allende-Blin, Musiktradition im Exil, Zurück aus dem Vergessen, Köln 1993, S. 7

[7] Dieter Schnebel, Improvisation ajoutée. Musik für Orgel, in: ders., Mauricio Kagel. Musik, Theater, Film. Köln 1970, S. 92

[8] György Ligeti zu ‚Volumina‘. In: Ludwig Kaiser, Workshop neue Orgelmusik, Bochum 1999

[9] Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Phänomeologie des Geistes, Vorrede, S. 25. In: Wessels, Hans-Friedrich und Wolfgang Bonsiepen, Hamburg 1968

[10] Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Darmstadt 1969, S. 114

[11] Hilde Domin, Bitte. Aus: Der Baum blüht trotzdem, Frankfurt 1999, S. 11

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Ludwig Kaiser

Ludwig Kaiser ist Konzertorganist und Komponist und Kantor an der Melanchthonkirche Bochum. Zudem ist er Lehrbeauftragter in der Fächerkombination ‚Ästhetische Bildung‘ an der Ev. Hochschule RWL und künstlerischer Leiter der Bochumer Tage für Neue Musik und Mitveranstalter des Orgelfestival Ruhr.


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