Schwurbelfrei

Zukunft des Gottesdienstes

Dieses Buch wirkt mindestens so erfahrungshungrig wie -gesättigt. Denn der Autor Thomas Hirsch-Hüffell hat mehr als zwanzig Jahre eines der ersten landeskirchlichen Gottesdienstinstitute geleitet, dasjenige der Nordkirche in Hamburg. Hirsch-Hüffell und seine Kolleginnen haben Pfarrkonvente und Vikarskurse mit Chancen und Klippen liturgischer Präsenz vertraut gemacht, dankenswerterweise auch über die eigene Landeskirche hinaus. Ebenso wurden Gemeinden vor Ort in ihren eigenen Räumen im Blick auf Gottesdienste beraten und ermutigt.

Dabei hat den evangelischen Theologen die Sehnsucht nach Gottes Glanz im Angesicht von Menschen angetrieben und auch jetzt nicht verlassen – das ist dem Buch abzuspüren. Wer es studiert, findet vielfach erprobte alte und neuere Schätze zum Gottesdienst. Jedoch alle von ihnen ziehen Fragen und Ausblicke nach sich, Stehenbleiben ist nicht hilfreich. Denn am Gottesdienst zu arbeiten, heißt Ausprobieren, dabei Wege und Irrwege einschlagen, reflektieren und dann üben, üben, üben: langer Atem, ohne langatmig zu werden.

 

Gottesdienste sind nach wie vor jeder Mühe wert, aber sie verändern sich. An etlichen Stellen wird Kritik am – gleichwohl geliebten – „Bollwerk“ Hauptgottesdienst am Sonntag um zehn Uhr geübt. Denn er bindet viele Kräfte und verhindert so viele gottesdienstliche Ereignisse in alltäglichen, kleineren Formen. Davon bietet das Buch eine Fülle von Beispielen, so für „Kirche aus dem Häuschen“ jenseits des klassischen Freiluftgottesdienstes: Predigt vor dem Supermarkt, Taufe am Strand, gerne in Zusammenarbeit mit kommunalen Partnern.

Heute sind Kirche und Glaube begründungspflichtig, früher war es umgekehrt. Das hat Hirsch-Hüffell am eigenen Leibe erfahren, denn er ist ohne kirchliche Riten aufgewachsen. Doch er hat sich bewahrt, Sakrosanktes mit nüchternem Abstand in den Blick zu nehmen. Aber gleichzeitig eine tätige Liebe zu liturgisch gebundenen Formen zu pflegen.
Denn bei allem gottesdienstlichen Feiern möge zum Ausdruck kommen: „[Das] wirklich ist, was es sagt, dass es sei.“ Gottesdienste können nicht informativ behauptend gefeiert werden, sondern nur performativ vollziehend. Dabei geht kaum etwas allein und schon gar nichts ohne Ehrenamtliche. Der Gottesdienst geht über in die Hände vieler.

Im ersten Teil „Wie geht es dem Gottesdienst allgemein?“ zeichnet der Autor Neuentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nach, markiert Gottesdienstlandschaften und Erfahrungen mit Körperlichem, Räumlichem und verschiedenen Sinnen im Gottesdienst.

Im folgenden „Gottesdienst im Detail“ geht er an den Stationen entlang und bietet ein Füllhorn an Gestaltungsvariationen dar. Es finden sich Tipps zur Zelebration von Psalmen und welche für präsentes Predigen. Verschiedene Austeilungswege von Brot und Kelch beim Abendmahl sind skizziert, teils mit konkreten Positionszeichnungen und knapp gehaltenen Regeln. Hinweise zu verschiedenen Orten von Stille im Gottesdienst sind konkret formuliert und – hilfreich – Hinweise zum Ge- und Misslingen erörtert. Alles in präziser, dabei oft lakonisch-poetischer Sprache – stets schwurbelfrei.

Teil drei nimmt alte und neue Kasualien in säkularer Zeit in den Blick, darin besonders eindrucksvoll: Beichte als Selbstbefragung und eine Themensammlung für Lebenspredigten anlässlich von Bestattungen.

Der vierte Teil „Arbeit an der Zukunft des Gottesdienstes“ markiert Unbewährtes, noch zu wenig Erprobtes. So den Mut zur Lücke in der Fläche: An einem Sonntag mal mit allen Pastores der Region gemeinsam Gottesdienst feiern und erfahren, dass er so alle für ihre anderen Dienste stärken kann.

Auch vermeintlich bewährte Zweite-Programm-Gottesdienste setzen Staub an und sind nur noch begrenzt attraktiv. So heißt es immer – weiterziehen.

Am Schluss steht ein großer Doppelpunkt: eine Internetadresse mit Zugangscode für alle, die hungriger geworden sind bei der Lektüre des Buches auf Methoden, wie Gottesdienst gelernt, geübt und fortentwickelt werden kann. Ein Vermächtnis mit Blick nach vorn, auch wenn zur Abfassungszeit des Buches die pandemiebedingten Onlineformate noch nicht so prominent im Blick sein konnten. Es befördert die Lust, die Zukunft des Gottesdienstes am Ort sofort zu beginnen. Ein Stück wirklich praktische Theologie im besten Sinne.

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