Geschichte aller

Über das Gehen

Die Erinnerung hat sich fest ins Gedächtnis eingebrannt. Denn der heimische US-Amerikaner erkannte die Touristen sofort: zwei Westeuropäer im Urlaub in den Südstaaten, die als einsame Gestalten außerhalb der Innenstadt die Umgebung zu Fuß zu erkunden suchten. In den USA heißt es: „Entweder sie können sich kein Auto leisten oder sie kommen aus Europa.“ Aber das erfuhr die Urlauberin erst später. Eine Entdeckung beim Gehen ist die US-Amerikanerin und Kulturhistorikerin Rebecca Solnit, die selbst unermüdlich zu Fuß geht und spaziert, wie der Lesende ihrer fulminanten Geschichte des Gehens unter dem Titel Wanderlust erfährt.

Schon vor zwanzig Jahren im englischen Original erschienen, liegt ihr kulturhistorisches Werk nun auf Deutsch vor. Und es hat nichts an Aktualität eingebüßt. Solnit nimmt ihre Leserschaft mit auf ihren Streifzug vornehmlich durch ihre kalifornische Heimat, durch den Joshua-Tree-Nationalpark, den von Yosemite oder durch Las Vegas und San Francisco, die Stadt, die den Ruf genießt, die europäischste der amerikanischen Städte zu sein. Die Schriftstellerin und begnadete Essaystin hält sich draußen im öffentlichen Raum auf. Sie weiß, dass in vielen neuen Städten öffentlicher Raum schon gar nicht mehr vorgesehen ist, Straßen keine Gehwege mehr haben und Städte designt sind für ihre motorisierten Bewohner. Und dass heutzutage „viele Menschen in einer Aneinanderreihung getrennter Innenräume leben – Zuhause, Auto, Fitnessstudio, Büro, Geschäfte“.

„Die Geschichte des Gehens ist eine Laiengeschichte, so wie Gehen eine Laienhandlung ist“, schreibt Rebecca Solnit. Und sie beginnt mit den Philosophen, den philosophischen Schriftstellern wie Jean-Jacques Rousseau oder Søren Kierkegaard, mit Paläontologen und Anthropologen. Schließlich bringt die Rhythmik des Gehens eine Art Denkrhythmus hervor: Es entsteht eine „sonderbare Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung“. Wie Menschen zu Zweibeinern wurden, über anatomische und funktionale Details und den aufrechten Gang klärt sie mit einem Blick in die Evolutionsgeschichte und mit einem Exkurs in die Bipedie auf, die Zweifüßigkeit.

Was hat Solnit bewogen, eine Geschichte des Gehens zu verfassen? Es waren Atomwaffen, die sie das erste Mal mit dem Thema in Berührung brachten. In den 1980er-Jahren nahm sie an Demonstrationen am Nevada-Testgelände teil, wo die USA seit 1951 Atombomben zündeten. Solnit betont, dass diese Demonstrationen Formen des Spaziergangs annahmen. Ihr Buch, geteilt in 17 Kapitel, hält Seite für Seite die Höhe, zieht den Lesenden in seinen Bann und reißt ihn mit. Es besticht durch seine Klugheit und Gelehrsamkeit, seine Assoziationsketten und durch seinen lesbaren Stil, genauer: durch seine lustvolle Prosa.

Eine der Grundformen des Gehens, das Pilgern, nimmt sie in ihrem vierten Kapitel in Augenschein und nennt es „Gehen auf der Suche nach etwas Ungreifbarem“. Auf dem Santuario de Chimayo, einer berühmten amerikanischen Pilgerstätte im Norden von New Mexico, verknüpft sie virtuos eigene Erlebnisse und Erfahrungen mit denen von Regisseuren oder Schriftstellern wie Werner Herzog oder Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Ein anderes Mal beschreibt sie die Erfindung des Landschaftstourismus von Karl Philipp Moritz über Jane Austen und die britischen Schriftsteller William Wordsworth und Thomas Harding.

Dass das Wandern und Gehen sowohl physische und geistige Freiheit in diesen Zeiten verband, deuten viele Schriftstellerinnen an. „Für die Autorin und ihre Leserinnen … drücken diese einsamen Wanderungen die Unabhängigkeit aus, die die Heldin buchstäblich aus der gesellschaftlichen Sphäre der Häuser … hinausträgt, in eine größere, abgeschiedenere Welt, in der sie ihren Gedanken freien Lauf lassen kann“, formuliert Solnit über Jane Austens Stolz und Vorurteil. Gehen ist auch eine Emanzipationsgeschichte.

Ob einsame Spaziergänger, Frauen im öffentlichen Raum, Wandervereine – Rebecca Solnit geht von einem zum anderen, auch über Zeiten, immer elegant und tiefgründig.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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