Kleriker als Schmuggler

Schatz der Mönche jetzt in Freiburg zu sehen
Theaterscheinwerfer
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Die Abtei St. Blasien im Schwarzwald gilt als sagenhaft reich. Am 10. Oktober 1806 wird sie säkularisiert. Sofort stehen großherzoglich badische Beamte aus Karlsruhe vor der Tür, um alles zu beschlagnahmen. Insbesondere auf die 147 Edel- und Halbedelsteine des legendären Adelheidkreuzes hat es der evangelische Großherzog abgesehen. Sie sollen die neue badische Krone schmücken. Doch die Beamten finden fast nichts. Einige Bücher in der legendären Klosterbibliothek sind noch da, sie kommen sofort nach Karlsruhe. Ansonsten: keine Schätze, kein Gold, kein Elfenbein, kein Silber, keine Münzen, Noten, Urkunden – alles, was das Kloster berühmt gemacht hat. Mit Bedauern klagte Abt Rottler, dass beim großen Klosterbrand 1768 alles vernichtet worden sei. Leider!

Dabei dürfte er heimlich nach innen gelacht haben. Denn schon sein großer Vorgänger, Abt Martin Gebert, hatte begonnen, die Schätze heimlich in die Schweiz zu schmuggeln. Und ab 1806 ist der sagenhafte Reichtum von St. Blasien mit den ausgewanderten Mönchen nach und nach in St. Paul in Kärnten angekommen. 170 Kostbarkeiten davon sind nun wieder leihweise in den Schwarzwald gereist und werden im Augustinermuseum in Freiburg bis zum 19. September 2021 gezeigt. Es ist wahrlich „Der Schatz der Mönche“.

Ins Auge fällt das Adelheidkreuz das größte Reliquienkreuz des Hochmittelalters. Aus dem späten 11. Jahrhundert, Adelheid von Rheinfelden, die spätere Königin von Ungarn, hat es dem Familienkloster gestiftet und die Holzstücke aus dem Kreuz Christi mit den Nagellöchern darin unterbringen lassen. Mit leuchtenden 147 edlen Steinen versehen, jeweils in Silber eingefasst (Gemmen), kann man es auf Augenhöhe genau betrachten. Durch Glas geschützt, kommt man dennoch an das Kreuz, wie auch an alle Ausstellungsstücke direkt heran. Auf Deutsch, Französisch und Englisch werden alle Schaustücke erklärt, leider nicht durch einen Audio-Guide. Im Hintergrund gregorianischer Mönchsgesang per Lautsprecher.

Es gibt viel zu staunen. Da ist der Buchkastendeckel von 1260 übervoll mit plastischen Figuren. Alles Silber, vergoldet. Oder der Buchdeckel des Reichenauer Sakraments. Das geschnitzte Elfenbein ist aus dem neunten Jahrhundert. Das Missale speciale abbreviatum aus Basel von 1473 dürfte wohl der älteste Buchdruck der Welt sein – gedruckt mit Drucklettern aus Gutenbergs Werkstatt, aber Bleilettern noch, mit denen er für seine berühmte Bibel 1492 experimentierte. Daneben ein Evangelienfragment vom Anfang des fünften Jahrhunderts – auf Lateinisch. Es ist der älteste überlieferte Text der Vulgata. Es gibt auf der ganzen Welt kein älteres Exemplar. Ein paar Vitrinen weiter ein alter griechischer Bibeltext aus Italien aus dem sechsten Jahrhundert. Ein Abschreiber hat um 800 im Kloster Reichenau zwischen den Zeilen eine deutsche Übersetzung gleich mitgeliefert – auf frühalemannisch. Es ist das früheste Schriftzeugnis der alemannischen Sprache, das es gibt.

Lust auf Nackte kannten die Mönche auch schon. In ihrer Bibliothek hatten sie ein Bild des Dürerschülers Sebald Beham um 1535: Das Frauenbad. Praktisch ein mittelalterlicher „Playboy“. Kein Wunder, dass auch wegen solcher Bilder Beham als „gottloser Maler“ aus Nürnberg vertrieben wurde.

Unbedingt anschauen sollte man sich nach all diesen Kostbarkeiten aber auch noch die Kirche des ehemaligen Augustinerklosters. Sie ist praktischerweise gleich ein Stockwerk über den Ausstellungsräumen. Dort sind die Orignalfiguren des Freiburger Domes zu sehen – aus rötlichem Schwarzwaldsandstein gehauen. Und in Nebenräumen leuchten die Glasfenster des Münsters: echt seit dem Mittelalter. Auf Augenhöhe. 

 

Information

„Der Schatz der Mönche“, Augustinermuseum, Freiburg i. Br., bis zum 19. September 2021. Tickets unter Corona-Bedingungen im Internet buchbar. www.freiburg.de/museen.

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