„Klagen ist eine Form des Machens“

Am Karfreitag kommt das ökumenische Projekt „Klagezeit Leipzig“ zu einem vorläufigen Abschluss
Klagemauer in der Leipziger Peterskirche
Foto: Klagezeit Leipzig
Peterskirche Leipzig: Eine der beiden Klagemauern, die in der Stadt in den vergangenen Wochen entstanden.

Seit dem 15. Januar finden in der Leipziger Propstei-Kirche und der Peterskirche wöchentliche Klagezeiten statt. Jede Woche tragen zwei Leipziger*innen jeweils eine Klage vor, in der sie über die Auswirkungen der Corona-Pandemie und ihrer Bekämpfung auf ihr Leben berichten. Das Projekt entstand auf Anregung aus dem Institut für Praktische Theologie an der Uni Leipzig, getragen und organisiert wird es gemeinsam vom Institut, dem evangelischen Kirchenbezirk und dem katholischen Dekanat der Stadt. Am Karfreitag soll das Projekt zu einem vorläufigen Abschluss kommen, danach voraussichtlich aber fortgeführt werden. Über das Projekt und die Klage in Zeiten von Corona sprach zeitzeichen Redakteur Stephan Kosch mit Kerstin Menzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Praktische Theologie der Uni Leipzig, und Lüder Laskowski, Pfarrer für missionarische Arbeit beim Ev.-Luth. Kirchenbezirk Leipzig.

Frau Menzel, Herr Laskowski, wird nicht schon genug geschimpft über die politischen Maßnahmen, fehlende Impfstoffe und die negativen Auswirkungen der Pandemiebekämpfung? Müssen die Kirchen jetzt auch nKlage zusätzlichen Raum geben?

Laskowski: Es gibt einen Unterschied zwischen Klage und Anklage. Wenn Sie über „Schimpfen“ sprechen, beziehen sie sich wohl eher auf die Anklage. Klage in der biblischen Tradition ist zwar auch nicht nur ein innerliches stilles Gespräch, aber es geht nicht darum, sofort einen Schuldigen zu benennen und so den Druck loszuwerden, weil man jemanden für das Leid verantwortlich machen kann. Bei der Klage werden zunächst die Bedrängnisse ausgesprochen. Dann stehen sie da, vor aller Augen und Ohren, aber auch vor denen Gottes. Darin liegt der entscheidende Unterschied zum Gemecker.

Menzel: Uns geht es ums Hören, Schweigen und Beten. Es ist wichtig, dass man nach der Klage schweigt. Es fällt uns ja schwer, die Ohnmacht auszuhalten, in die wir mit Blick auf die Corona-Pandemie und ihre Folgen oft gestellt sind. Auch Pfarrerinnen und Pfarrer haben oft den Impuls, den klagenden Menschen etwas zu geben. Aber zu viel erklären zu wollen, macht da oft was kaputt.

Laksowski: Wir sind ja kaum noch gewohnt, an Grenzen unserer Wirksamkeit zu stoßen. Die Pandemie führt uns immer wieder an diese Grenzen. Diese fundamentale Erschütterung im Selbstverständnis der modernen Menschen miteinander auszuhalten, in Sprache zu bringen und damit wieder in den Fluss vor Gott zu bekommen, das erzeugt Resonanzräume, für die wir gar nichts tun müssen.

Denn es ist ja Teil des Konzepts, keine Predigt als Antwort auf die Klagen anzubieten.

Menzel: Bei der ersten Klagezeit hatten wir noch eine Predigt, die war auch gut. Aber wir kamen dann schnell zu dem Schluss, dass das nicht nötig ist.

Laskowski: Es hat auch etwas mit dem Respekt gegenüber den Klagen zu tun. Mit einer Deutung darüber zu gehen und so letztendlich doch zu vermitteln, wir müssten diese Erfahrung interpretieren und einordnen, das kam uns übergriffig und dissonant vor.

Menzel: Selbst auf eine Reformulierung der Klage in einem Gebet haben wir verzichtet, auch das wäre ja schon wieder eine Form von Aneignung und Deutung, die gar nicht nötig ist. Die Klagen sind Gebet, auch wenn sie nicht als Gebet formuliert sind, weil sie in diesem Rahmen und diesem Raum ausgesprochen werden. Sie haben eine Richtung.

Wie werden die Klagenden ausgesucht?

Menzel: Das geht über Beziehungen und deshalb ist es ein Vorteil, das das Vorbereitungsteam so breit aufgestellt ist. Irgendjemand kennt dann eben eine Stadtführerin, einen Barkeeper, einen Krankenpfleger…Wir planen von Woche zu Woche und schauen jedesmal neu, was gerade passt und versuchen möglichst viele unterschiedliche Perspektiven zu vermitteln: Alleinlebende, Angehörige von Kranken und Verstorbenen, Jugendliche. Wir wollen auch denen eine Stimme geben, die oft nicht gehört werden, etwa Obdachlosen oder Menschen mit Psychiatrie-Erfahrungen, die jetzt keine betreuten Treffpunkte mehr haben.

Laskowski: Es ist ein großer Schritt für alle, die sich dort geäußert haben. Viele wollen ja lieber „Macher“ sein, und nicht klagen. Dann erfahren sie aber, dass Klagen auch eine Form des Machens ist. Dass dies geschieht und eine so große Intensität entsteht, hat vor allem damit zu tun, dass vorher Vertrauen entsteht zwischen den Liturg:innen und den Klagenden, die ja häufig gar nicht aus dem kirchlichen Raum kommen. Wir haben versucht, so viele Perspektiven wie möglich zuzulassen.

Gab es eine Klage, die sie besonders beeindruckt hat?

Laskowski: Ich würde keine herausheben wollen. Jeder Versuch, sich der Klage auszusetzen, ist aller Ehren wert, weil sie ja oft nicht ins Selbstbild oder in die beruflichen Zusammenhänge passt.

Menzel: Mich persönlich haben die Klagen besonders berührt, zu denen ich einen Bezug hatte durch biographische Ähnlichkeiten oder die besonders anschaulich erzählt waren. Es sind viele kleine Sätze und Bilder, die mir hängen geblieben sind.

Sollte Kirche wieder mehr Mut machen zum Klagen?

Menzel: Kirche sollte Gelegenheiten und Räume dafür bieten und tut dies ja auch. In alltäglicher Seelsorge, an Krankenbetten und in Gemeinden geschieht ja genau das immer wieder an vielen Orten. Unser Eindruck war aber, dass es mehr öffentliche Orte und Rituale geben könnte. Hier hat Kirche gegenwärtig schon eine Verantwortung, damit sich das Schwere, das auf allen lastet, nicht nur in Protest artikulieren muss, sondern auch in dieser Form zum Ausdruck kommen kann. Das hilft, die Pandemie gemeinsam zu ertragen. Es wird doch noch länger um die Frage gehen: Welchen Tribut haben wir eigentlich gezahlt? Ist das Leiden nicht sehr vielfältig?

Laskowsi: Ich habe das Klagen wieder neu gelernt. Es ist uns ja auch schwer gefallen in der Arbeitsgruppe, die passenden Formen und Räume zu finden. Kirche selbst muss auch wieder Klagen lernen und der Kraft des Glaubens in so weit zu vertrauen, dass diese Klage auch stehen bleiben darf, ohne den – oft etwas zu billigen - Trost hinten dranzuhängen.

Wer ist die Zielgruppe dieser Klagezeit? Die Gemeinden vor Ort? Die Menschen im Stream?

Menzel: Konzipiert haben wir dieses Format für die Stadtöffentlichkeit und die Christinnen und Christen der Stadt mit der Option auf größere Reichweite über den Stream im Internet. Aber wir sind zunächst eine Kirche für die Menschen in dieser Stadt Leipzig, wir wollen hinhören und haben auch nicht immer eine Antwort parat. Das Konzept hat viel Resonanz in den Medien erzeugt, viele wissen, dass wir es tun, ohne dass sie alle kommen. Wir haben aber unter der Woche dreistellige Klickzahlen und sind nicht unzufrieden mit der Resonanz. Viele Gemeinden nehmen das auch auf ihre Websites auf und es kommen viele positive Rückmeldungen.

Laskowski: Wir hatten schon bei unserer multimedialen Aktion "Leipzig singt Stille Nacht" festgestellt, dass sich viele Menschen aus anderen Regionen und zum Teil auch aus anderen Ländern über das Internet einklinken, aber ihnen die Verortung in einer konkreten Stadt wichtig ist. Es geht um die Menschen und die Einrichtungen in Leipzig – und um die Kirche in dieser Stadt. Die Vernetzung der unterschiedlichen Institutionen – Universität, Kirchenbezirk und Dekanat – hat für mich durchaus Modellcharakter in einer Stadt, in der es für Kirche gar nicht mehr so einfach ist, in der Öffentlichkeit Resonanz zu erzeugen.

Was ist Karfreitag geplant?

Menzel: Wir sind flexibel aufgestellt und können entweder nur streamen oder mit einer Gemeinde vor Ort eine Veranstaltung machen und diese gleichzeitig streamen. Den Stream übernimmt der Mitteldeutsche Rundfunk, der auf uns zukam. Es wird eine ganz normale Klagezeit stattfinden mit einem anschließenden zweiten Teil, mit dem wir einen Punkt setzen, eher einen Doppelpunkt als einen Schusspunkt. Wir wollen unsere Erfahrungen der vergangenen Wochen sammeln und auch die Klagen, die über die Zettel und das Internet ihren Platz in der Klagemauer in den beiden Kirchen fanden. Wir wollen diese Klagen vergraben, wie es in Jerusalem mit den Zetteln der Klagemauer auch getan wird. In der Propsteikirche wird die Klagemauer dann zu den Randsteinen für das Osterfeier, in der Peterskirche wird die Klagemauer stehen bleiben. Diese beiden unterschiedlichen Wege fand ich sehr stimmig. Einerseits feiern wir Ostern in der Pandemie und es gibt die Zuversicht, dass der, der am Kreuz hängt, diese Klagen trägt. Und gleichzeitig löst Ostern die Situation nicht auf. Deshalb werden wir auch nach Ostern vielleicht noch einmal Klagezeiten anbieten. Wie genau die dann aussehen werden, ist aber noch offen.

Weitere Informationen über die Klagezeiten stehen auf der Website www.klagezeit-leipzig.de. Dort ist der Stream der jeweils letzten Klagezeit zu sehen, aber auch alle Klagen, die seit Januar formuliert und ausgesprochen wurden. Zudem können dort Klagen formuliert und an die Organisatoren geschickt werden. Diese werden in der folgenden Woche mit in die "reale" Klagezeit genommen und in die Klagemauer gesteckt.

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Foto: Lilly Schaack

Kerstin Menzel

Dr. Kerstin Menzel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe „Sakralraumtransformation“ am Institut für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.


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