Auch kritisch

Ökumene im 20. Jahrhundert

Gerhard Rein hat Willem Visser’t Hooft einmal „die bedeutendste unbekannte Person in Deutschland“ genannt. Das ist 35 Jahre nach seinem Tod wohl noch zutreffender als damals. Die Biografie, die Jurjen Zeilstra veröffentlicht hat, wird daran wenig ändern, sie kommt nicht als leicht-lockere Lektüre daher. Aber genau so ist sie auch nicht gedacht. Zeilstra macht sehr deutlich, dass frühere Texte über den langjährigen Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen entweder freundschaftlich und damit unkritisch daherkamen oder stark von Visser’t Hooft selbst beeinflusst waren. Und so bringt sie vielleicht doch einigen einen Mann nahe, der beeindruckend war, vieles geleistet hat, aber auch an Grenzen kam.

Zeilstra zeigt in seiner Biografie einerseits die unbestrittene Bedeutung des Niederländers für die Ökumenische Bewegung. In den Kriegsjahren war er es, der in Genf die Fäden zusammenhielt, die Flüchtlingshilfe der Kirchen, ihren Einsatz für Kriegsgefangene und auch für Juden öffentlich vertrat. Mit diplomatischem Geschick versuchte er, die europäischen Kontakte zu den verschiedenen Kirchen – auch in Deutschland – zu erhalten. Die Lektüre seiner Überlegungen und Aktivitäten zeigt, dass er früh hoffte, dass mit einer kirchlichen Bereitschaft, Schuld einzugestehen, die deutschen Kirchen bald wieder in gemeinsame Aktivitäten eingebunden werden könnten. Er hielt gegen alle Enttäuschungen an der Vision fest, dass die Ökumene an einer gerechten internationalen Ordnung mitwirken könnte. Regelmäßig hielt er Kontakt zu Mitgliedern des Deutschen Widerstandes. Es ist Visser’t Hooft zu verdanken, dass 1948 in Amsterdam die deutschen Kirchen Gründungsmitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen werden konnten.

Teilweise liest sich die Biografie wie eine Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen theologischen Positionen etwa mit Karl Barth werden detailliert geschildert. Und doch war es Barths theologischer Ansatz des Offenbarungsdenkens, der Gott dem Menschen gegenüberstellt, der Visser’t Hooft als angemessen gegen die natürliche Theologie der Deutschen Christen überzeugte. „Die prophetische Stimme der kollektiven Kirchen war notwendig, um zu den Kirchen und für sie zu sprechen, um Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu bekämpfen und um den Weg zu Versöhnung und Frieden für die Welt zu finden.“

Das Ringen um die Beteiligung der orthodoxen Kirchen im Ökumenischen Rat und das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche werden eindrücklich geschildert. Visser’t Hooft hatte ein enormes internationales Netzwerk an Beziehungen hergestellt, gab viele inhaltliche Impulse und „setzte Probleme der Welt als Herausforderung für die Kirche auf deren Tagesordnung“.

Spannend zu lesen, wie dabei auch nicht-theologische Aspekte eine Rolle spielten. Mal ist Barth beleidigt, weil Visser’t Hooft seinen Vortrag als beendet erklärt, obwohl dieser weiterreden wollte. Mal ist Visser’t Hooft verletzt, weil Barth den „Konferenzzirkus“ für Zeitverschwendung hält. Gut auch die kritischen Anmerkungen, etwa, dass Visser’t Hooft nicht erkannte, als seine Zeit vorbei war. Und tragisch, wie wenig seine Familie in seinem Leben vorkam, wie sehr er bedauerte, seiner Frau Jetty nicht mehr Zeit gewidmet zu haben – eine Formulierung, die das Verhältnis deutlich einordnet. Die Ökumene war eine „men’s world“: Männer trafen sich, disputierten theologisch, während ihre Ehefrauen Zuhause die Familie versorgten. Gerade Jetty Visser’t Hooft hatte durchaus eigene Gedanken zur „Frauenfrage“, aber jemand wie Karl Barth, den sie in der Sache kontaktierte, hatte keinerlei Interesse an solchen Themen.

Die Biografie zeigt auch die Entfremdung, die stattfand, als sich der Ökumenische Rat der Kirchen ab der Vollversammlung in Uppsala 1968 deutlich veränderte. Hatte Visser’t Hooft in Uppsala noch viel Eindruck hinterlassen, weil er „Kirchen, die praktisch die Verantwortung für die Bedürftigen auf der ganzen Welt ablehnen, der Ketzerei“ bezichtigte, so fühlte er sich in Nairobi 1975, auf der nächsten Vollversammlung, fremd. Er hatte den Eindruck, der ÖRK habe sich „zu einer kirchlichen Aktionsgruppe gewandelt“. Er selbst sah die Säkularisierung als moralischen Niedergang an.

Die Biografie ist eine bewegende Lektüre. Zum einen, weil sie das Ringen der Ökumenischen Bewegung im 20. Jahrhundert, ihre Bedeutung für Christen und Kirchen deutlich macht. Zum anderen, weil sie einen Mann zeigt, „der nicht nur unzählige Fäden zusammenführte, sondern es auch schaffte, sie eine Weile zusammenzuhalten, selbst als sich das Feld zu erweitern begann“. Aber vor allem, weil hier keine Hagiografie betrieben wird, sondern die kritischen Momente, die theologischen Auseinandersetzungen, die persönlichen Schwächen deutlich werden. Und weil Zeilstra zeigt: „Visser’t Hooft vertrat eine europäisch-amerikanische Elite, die sich für den Erhalt der westlichen Zivilisation einsetzen wollte“, die aber von der Säkularisierung, dem Dialog der Religionen und den Stimmen des globalen Südens vor neue Herausforderungen gestellt wurde, denen nicht mit den theologischen und methodischen Ansätzen des 20. Jahrhunderts begegnet werden kann.


 

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Foto: epd

Margot Käßmann

ist Landesbischöfin a.D. und ehemalige Ratsvorsitzende der EKD. Bis 2018 war sie Herausgeberin von "zeitzeichen". Sie lebt in Hannover.


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