Der Tanz ums Goldene Kalb

Vom Wahn der Digitalisierung in der evangelischen Kirche
Foto: privat

Geht es nach Veröffentlichungen der EKD und der Landeskirchen, dann ist die „Digitalisierung“ die Heilsbringerin, die den verbliebenen Mitgliedern der Kirche des Leibes Christi den Weg in die Zukunft weisen wird. Sucht man auf dem Internetportal der EKD nach „digital“, erhält man 246 Fundstellen für das Jahr 2020 – für „Jesus“ nur 77!

„Wie Kirche digital erfahrbar wird“, „Digitalisierung hält Einzug in den Gottesdienst“ lauten die Überschriften. Digitalisierung wird verbunden mit sozialer Nähe, neuer Zuversicht, offenen Kirchen, Aufbruch in die Zukunft und vielem mehr. Was Kirche genau mit „Digitalisierung“ meint, erschließt sich unter #DigitaleKirche und der „Stabsstelle Digitalisierung“: Es geht unter anderem um Streaming, Videoangebote und um Präsenz auf Social Media – letztlich unter Benutzung der allseits bekannten Angebote der Internet-Konzerne, deren extensive Nutzung Mitarbeitenden und Glaubenden empfohlen wird. In der Corona-Pandemie wird dieser Prozess nun vollends umgesetzt.

Problemen und Gefahren damit weicht man lieber aus, irgendwie erscheint Hoffnung auf eine segensreiche Wirkung der Digitalisierung alternativlos. Das Internet wird als ein guter Ort gesehen, in dem friedliche Teilhabe mit Menschen auf der ganzen Welt möglich ist. Natürlich nimmt man am Rande negative Potenziale noch wahr, glaubt aber, hier gestaltend gegenwirken zu können. Ein schwerer Irrtum.

Der Zugang zu den Segnungen des Internets wird von den Plattform-Konzernen Facebook, Google, Amazon und Co gesteuert. Für sie ist es ein Milliardengeschäft, das auf der freiwilligen Auslieferung unserer Lebensspuren beruht. Mit ihren Algorithmen treffen sie dann nicht nur Aussagen über unser Leben, sondern können mittlerweile Verhalten steuern und produzieren, sodass es zu von ihnen gewünschten Resultaten führt. Kann das im Interesse der Kirche sein? Es kommt aber noch schlimmer.

In den Händen der Digital-Konzerne ist das Internet zu einem Ort quasi-religiöser Verehrung geworden. Dessen Propheten sind deren charismatische Gründer. Ähnlich wie zuvor die alten Religionen umgeben sie sich mit mythischen Narrativen – zum Beispiel spielt die angebliche Gründung von Apple und Google in Garagen fast aufdringlich an die Geburt im Stall an. Und erinnert Apples angebissener Apfel nicht an den Sündenfall?

Ihre Produkte – seien es Geräte oder Apps – sind längst unverzichtbar für unseren Alltag. Wir messen ihnen eine religiöse Dimension zu: Statt eines Morgengebetes checken wir nach dem Aufwachen die Posts, die über Nacht reingekommen sind. Das Wischen über das Smartphone wird zum Fingerzeig Gottes. Die jährlichen Konferenzen der Internet-Konzerne werden von den jeweiligen „Gemeinden“ gefeiert wie sonst Ostern oder Weihnachten. Likes von oft unbekannten Personen empfinden wir als spirituelle Belohnung, Shitstorms als Abwendung des gnädigen Gottes. Wenn mein Smartphone mal defekt ist, bin ich ganz vom Heilsweg ausgeschlossen.

Im gleichen Maße wie die „neue“ Kirche der Internet-Konzerne ihre Mythen, Symbole und Kulte erschafft, baut die alte die ihren ab: Sonntägliche Gottesdienste sind inzwischen ein Auslaufmodell; Sünde, Buße, Beichte – nicht mehr vermittelbar. Kanzeln, Altäre, Kreuze sind verzichtbar. Die Taufe ist nicht mehr erforderlich zum Christsein, und eine theologische Notwendigkeit für das Abendmahl gibt es auch nicht (mehr).

Und in die Hände dieser quasi-religiösen Unternehmen will #DigitaleKirche die Zukunft der Kirche legen? Der Ratsvorsitzende der EKD konstatierte noch 2018, dass es nicht Google sei, sondern Gott, zu dem wir im Psalm 139 sagen: „... du verstehst meine Gedanken von Ferne ...“. Das alles sind nun Rufe aus einer anderen Zeit.

Verkündigung über Instagram, Gottesdienste in YouTube und Zoom, PR als Tweets, Videoandachten auf Facebook: #DigitaleKirche hat vor den religiösen Heilsversprechen der Internetkonzerne längst kapituliert – was ja durchaus gesellschaftlicher Trend, bei Kirche aber unheilvoll ist.

Wir haben einen Gott, und wir sollen keine fremden Götter neben ihm haben. Unseren Glauben an den Gott der Fürsorge, Barmherzigkeit und Nächstenliebe opfern wir jetzt den vermeintlichen Heilszusagen der Digitalisierung auf dem Altar des Kommerzes, der Gleichgültigkeit und der Apathie.

Das erinnert an Aaron, der in Moses Abwesenheit unter Druck gerät, das Kalb kreiert und dennoch glaubt, durch „des HERRN Fest“ das Unheil noch aufhalten zu können – was ihm aber am Ende nicht gelingt! 


 

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