Haltung braucht Übung

Elf Gebote für eine würdige Streitkultur in unübersichtlichen Zeiten
Adolf Freiherr von Knigge (1751 – 1796). Punktierstich, zeitgenössisch, mit faksimiliertem Namenszug.
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Adolf Freiherr von Knigge (1751 – 1796). Punktierstich, zeitgenössisch, mit faksimiliertem Namenszug.

Kann es einen Kompass geben für das Austragen des alltäglichen Meinungsstreites in unserer Gesellschaft? Man sollte es versuchen, meint der Theologe Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter des Rates der EKD. Claussen ist mit anderen dabei, in einem ökumenischen Projekt die Möglichkeit des konstruktiven Streits zu vermessen, und stellt nun erste Ergebnisse vor.

An diesem Beitrag habe ich über ein Jahr lang gearbeitet. Und ich habe ihn nicht allein verfasst, sondern gemeinsam mit Joachim Hake, dem Direktor der Katholischen Akademie zu Berlin. Ohne zu wissen, dass zeitzeichen sein Aprilheft 2021 dem Schwerpunktthema „Streit“ widmen würde, hatten wir im November 2019 mit einem Projekt begonnen, das sich mit dem guten und schlechten Streiten im digitalen Zeitalter beschäftigen sollte. Wir wollten herausfinden, wie eine bessere Kommunikation im Internet möglich sein könnte. #anstanddigital haben wir unser Vorhaben genannt, denn um mehr Anstand sollte es uns gehen – und nicht um die technologische oder juristische Frage, wie „hate speech“ zu unterbinden sei. Ob eine so schön altmodische Tugend wie Anstand in den allzu oft asozialen Netzwerken eine Chance hat?

Um das herauszufinden, veranstalteten wir eine Reihe von Workshops und führten viele Gespräche mit Fachleuten aus der Medienwissenschaft und der Szene der Netzaktivisten. Gefördert wurden wir dabei von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Unterstützt wurden wir von unserer Projektmitarbeiterin Marina Sawall. Ein Zwischenergebnis ist nun gerade fertig geworden. Joachim Hake und ich haben – den verehrten Mose ebenso wie den Freiherrn Knigge nachahmend – elf Gebote für eine Streitkultur in der digitalen (und damit auch der analogen) Welt verfasst.

Das ewige Thema „Streit“ hat durch die medialen Innovationen unserer Zeit eine neue Dynamik gewonnen. Das Internet macht die Kommunikation schneller, leichter, freier und luftiger, es baut Hindernisse und Hierarchien ab, eröffnet einen barrierefreien Zugang zu weltweitem Wissen, verführt zum Spiel, zum Suchen und Finden, ist ein Ort der Empfehlungen. Es erhöht die Chancen der Beteiligung. Jeder und jede kann hier zum Autor und zur Autorin werden, eine Meinung äußern und ein Publikum finden.

Die Vorzüge des Netzes machen gleichzeitig seine Gefährdungen aus. Seine Schnelligkeit ist ein Problem, wenn jeder Kommentar gleich niedergeschrieben wird, jede Meinung gleich vieltausendfach geteilt wird. Das Internet hat kaum Filter und keine Puffer. Es neigt zu Eskalation, Polarisierung und dem Auftürmen von Erregungswellen. Da sind Vorsicht und Zurückhaltung, das Bemühen um Haltung und Anstand angezeigt. Die Bewegungen in der digitalen Welt brauchen eine eigene Haltung. Und diese Haltung braucht Übung. In ihr kommen Distanz, Entschleunigung und ein eigener Rhythmus zusammen. Um zu einer eigenen Einstellung zu finden, braucht es zunächst einmal Zeit und Ruhe. Ich muss die Gelegenheit haben, über mich und meine Kommunikationserfahrungen nachzudenken, sie nachträglich zu prüfen und daraus Konsequenzen zu ziehen.

Nur über den Abstand findet man zum Anstand. Mit „Anstand“ meinen wir keinen moralischen Heroismus, sondern eine alltäglich eingeübte Haltung. Sie verbindet Entschiedenheit mit Zurückhaltung. Anstand ist sich selbst gegenüber skeptisch, kommt mit wenigen, aber klaren Worten aus und wittert nicht immer bei den anderen die Unanständigkeit, widersteht ihr aber dort, wo es geboten ist.

Die Gebote, für deren Formulierung Joachim Hake und ich so lange gebraucht haben, sind denkbar unspektakulär und unoriginell. Nichts an ihnen ist in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nie gedacht worden. Vieles ist aus uralten Weisheitstraditionen geschöpft. Wir haben nur versucht, es für unsere digital-bewegte Zeit anzuwenden und für die Streitigkeiten, in denen wir heute stehen, zu übersetzen. Ich stelle im Folgenden unsere elf Gebote vor, jeweils mit einer kurzen Hinführung von mir.

Darf man das überhaupt: Regeln aufstellen und Gebote formulieren? Gerade aus der Szene der Netzaktivisten wurden wir dazu ermutigt. Da wir über sie keine Macht haben und die Leserschaft sich eh ihre eigenen Gedanken macht, haben wir es gewagt. Das erste Gebot: Empörungen unterscheiden. Ohne Empörung ist Demokratie nicht möglich. Sie ist die treibende Kraft, wenn es gilt, Ungerechtigkeiten zu erkennen und zu beheben. Ohne sie verliert die Demokratie an Kraft und Leidenschaft. Gleichwohl liegt hier eine große Gefährdung. Das Internet fördert eine fragwürdige Erregungsunkultur, in der sich empörte Urteile über andere in rasender Geschwindigkeit aufschaukeln und verstärken. Ressentiments, Wut und Hass ziehen wie Wellen durchs Netz und beschädigen die demokratische Gesprächs- und Streitkultur und verstärken Atmosphären gegenseitiger Verdächtigungen und Verschwörungstheorien. Die Themen, die man eigentlich verhandeln wollte, gehen darin unter.

Gleich zu Beginn markieren wir, wo wir herkommen. Ob wir damit auf offene Ohren stoßen? Oder wird eine so erkennbar christliche Grundhaltung viele eher verschrecken? Das zweite Gebot: Nicht richten. Ohne eine ausgeprägte Urteilskraft ist demokratisches Handeln nicht möglich. Demokratische Prozesse brauchen klare Unterscheidungen und Entscheidungen. Vorschnelle moralische Urteile über andere beschädigen diese Bemühung. Denn Urteilskraft wird im Gespräch gebildet. Das Internet befördert die Neigung zum schnellen, oft letzten Urteil über andere. Im vernichtenden Kommentar oder in der moralischen Verächtlichmachung von Mitmenschen. Stets gilt es zu bedenken, dass die eigenen Urteile ein Irrtum sein können und wir selbst Schonung und Nachsicht nötig haben. Und vor allem: Letzte Urteile übereinander stehen niemandem zu.

Gute Gebote führen in die Freiheit. Sie sprechen Möglichkeiten zu, die zu ergreifen man sich ohne sie nicht erträumt hätte. Das dritte Gebot: Sich Zeit lassen. Die Demokratie lebt von guten Entscheidungen, nicht von schnellen. Um diese zu finden, hat sie in Institutionen und Verfahren viele Verzögerungen, Filter, Verlangsamungen verordnet. Viele sehen darin eine Schwäche, aber es liegt auch eine Stärke darin. Dies gilt auch und vor allem im Internet. Sich mit Äußerungen im Netz Zeit lassen, heißt, diese stets einmal zu überdenken, sie zu überschlafen, grundsätzlich das Tempo herauszunehmen. Denn wer sich vom schnellen Netz hetzen lässt, hat schon verloren, und kurz ist der Weg vom Gehetzt-Werden zum Selbst-Hetzen.

Nicht alles nachtragen

Es gibt eine Emotionalität des Rationalen, in der ein wichtiger moralischer Impuls liegt: von sich selbst absehen und auf die Sache schauen! Das vierte Gebot: Sachlich werden. Demokratische Kultur lebt von der leidenschaftlichen, aber auch sachlichen Debatte. Im Internet wird dieser Streit der Argumente ohne Abstände und ohne Filter ausgetragen. Da gehen leicht die Affekte durch. Die Chancen, im Internet Wissen zu teilen, werden verspielt. Es regieren die Emotionen. Mehr als in der analogen Welt braucht es hier einen kühlen Kopf und eine Leidenschaft der Sachlichkeit sowie eine Haltung, dem anderen seine Affekte und Emotionen nicht immer nachzutragen.

In der Ethik geht es darum, die Allgemeingültigkeit der eigenen Handlungsmaximen zu prüfen. Es geht aber auch darum, zu sich selbst zu finden. Das fünfte Gebot: Abstand halten und sich nicht gemein machen. Demokratische Gesellschaften brauchen ein rechtes Maß von Nähe und Distanz. Das Internet verkürzt die Abstände, ohne jedoch leibliche und körperliche Nähe zu ermöglichen. Diese digitale Nähe ist eine Chance, aber gleichzeitig eine Gefährdung, gegen die Diskretion, Aufmerksamkeit und Empathie für den anderen eingeübt werden müssen. Hierzu gehört auch die Zurückhaltung, fragwürdige Inhalte im Internet zu rasch und ohne Prüfung zu teilen und zu verbreiten. Gerüchteküchen, Klatschblasen oder missionarisches Verteilen von „fake news“ werden im Netz allzu leicht zu Hetzmeuten und Verschwörungsgemeinschaften.

Eines der hehrsten Prinzipien klassisch-idealistischer Ethik heißt „Achtung“. Ins heutige Alltagsdeutsch übersetzt, würde man von „Respekt“ sprechen. Er ist gerade dem zu erweisen, mit dem man sich streitet. Das sechste Gebot: Das Gegenüber im Netz respektieren. Der Respekt vor dem anderen gehört zu den Grundhaltungen der Demokratie. Der andere ist wie ich: endlich und fehlbar, frei und verletzbar, versucht, sich seine Meinung zu bilden, und ist dem Wechsel von Missverständnissen und Einsichten unterworfen. Im Umgang miteinander braucht es den Mut, die eigene Position klar zu vertreten, aber auch zur Diskussion zu stellen, die faire Auseinandersetzung mit dem Gegner und immer wieder der Willen zur genauen Interpretation der gemeinsamen Situation.

Über das nächste Gebot haben wir am intensivsten gestritten. Einige meinten, Anonymität im Netz sei ein unverzichtbares Gut: Man denke nur an diejenigen, die in Unrechtsregimen für Demokratie streiten. Dennoch haben wir diese Gebot so formuliert, weil es uns für anständige und konfliktfähige Kommunikation unerlässlich erscheint, dass man den anderen sieht und selbst sichtbar ist. Das siebte Gebot: Sein Gesicht zeigen. Wie immer in der Öffentlichkeit sollte man auch im Netz genau überlegen, was man von sich preisgibt und was man für sich behält. Anonymität kann in repressiven Verhältnissen ein legitimer Schutz der Schwachen sein. Sie kann aber auch feige, verlogen und zerstörerisch sein. Dem sollte man mit gutem Beispiel entgegentreten. Dazu gehört, dass man sich auf das, was man sagt und schreibt, ansprechen lässt. Gesicht zu zeigen, bedeutet zum Beispiel, eine deutliche Haltung zu vertreten, an der sich auch andere orientieren oder der sie mit Gründen widersprechen können.

Neugier gehört in der christlichen Tradition nicht zu den Tugenden, sondern zu den Lastern. Das sehen wir anders. Wir wollen neugierig bleiben auf Auffassungen, die wir nicht kennen oder nicht teilen. Das achte Gebot: Vor allem den Wider-spruch schätzen. Demokratie setzt Opposition voraus. Ohne den Widerspruch der Opposition gegen die Regierung verliert die Demokratie ihr Herz. Das Internet und seine Neigung, dies und das für gut zu erklären oder zu empfehlen, kann in eine Atmosphäre sentimentaler Positivität und der Widerspruchslosigkeit führen. Widerspruchsfähigkeit ist eine demokratische Haltung. Sie sollte zwar nicht zur Dauerempörung oder zum kindlichen Trotz verkommen. Wer aber auf Widerspruch nur gereizt oder überempfindlich reagiert, nimmt sich die Chance auf bessere Einsichten.

Alle Gebote, die auf eine bestimmte Sensibilität abzielen, sind ein Widerspruch in sich. Genau deshalb sind sie so wichtig. Das neunte Gebot: Berührbar bleiben und sich entrüsten. Nicht: Empört euch! Und auch nicht: „Entpört euch!“ (#JoachimBittner). Warum aber nicht: „Entrüstet Euch !“? Die eigenen Borniertheiten und Waffenschilde des Besserwissens ablegen und dem Wortsinn vertrauen: Entrüsten ist ohne Entwaffnen nicht zu haben. Der Entrüstete macht sich wehrlos. Die falschen Entrüstungen würden weniger! Die falsche Empörung ist ja nicht selten nur die Kehrseite einer kalten Gleichgültigkeit, die das Interesse an dem Anderen und dem Gemeinwohl aufgegeben hat.

Ist die Ehrfurcht der Beginn der Weisheit? Oder ist es nicht eher die Scham, also die Fähigkeit, sich mit den Augen der anderen zu sehen – und die Schamhaftigkeit anderer zu achten? Das zehnte Gebot: Sich schämen können und Beschämungen vermeiden. Ohne die Fähigkeit, sich schämen zu können, ist ein Zusammenleben schwer vorstellbar. Nur so kann man sich mit den Augen der Anderen sehen. Das Sich-schämen-Können reguliert zudem den schwierigen Übergang von Intimität zur Öffentlichkeit. Einen Anderen jedoch in der Öffentlichkeit zu beschämen, ist eine fragwürdige Intervention, von der nur in Ausnahmesituationen Gebrauch gemacht werden sollte. Eher gilt es, dem Anderen Scham zu ersparen und die Schamgefühle anderer zu respektieren. Es braucht Dezenz und Pietät, um die eigene Schamgrenze oder die des Gegenübers zu erkennen und nicht zu verletzen. Ohne ein Bewusstsein für den Wert der Grenze geht es auch im grenzenlosen Internet nicht.

Eine gute Ethik ist daran zu erkennen, dass sie um ihre Grenzen weiß, besonders um ihre Grenze zum Rechtlichen hin. Das elfte Gebot: Anstand und Recht unterscheiden. Es ist die Aufgabe des Rechtes, durch Gesetze für den rechtmäßigen Umgang mit Persönlichkeitsrechten, für entsprechenden Datenschutz, für eine angemessene Transparenz von Algorithmen zu sorgen und die Macht der großen Plattformen zu regulieren. Gebote des Anstands haben grundsätzlich keine gesetzliche Regelungskraft, sind lediglich subjektive Empfehlungen und gewinnen ihre Wirkmacht durch möglichst weit verbreitete Verwirklichung. Defizite der Gesetzgebung oder ihrer Durchsetzung können durch Aufrufe nach mehr Anstand nicht ersetzt oder kompensiert werden. Anstand und Recht sind daher stets voneinander zu unterscheiden.

Eine zeitgenössische Ethik guter Kommunikation, die sich christlicher Tradition verpflichtet weiß, darf kein Interesse daran haben, das Streiten zu beenden. Es muss ihr allein darum gehen, ein gutes, konstruktives, anständiges Streiten zu ermöglichen. 

Hinweis

Weiteres Material zu den elf Geboten der Streitkultur finden Sie unter: www.anstanddigital.de.

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Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen ist seit 2016 Kulturbeauftragter der EKD. Zuvor war er Propst und Hauptpastor in Hamburg.


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