Der kleine Prophet

Eine Grille
Foto: Privat

Ich behaupte: Es war Jaap. Er war der Sohn des Bruders meines Großvaters, also der Cousin meines Vaters. Jedenfalls verrät das eine alte Flipchart, die ich vor Jahren für einen Stammbaum missbraucht habe. Also Jaap. Er war Mathematik- und Latein-Lehrer in einem Gymnasium in der Nähe von Assen in den Niederlanden. Und er war herrlich albern. Wer mit einem so albernen Vornamen wie seinem ins Rennen geschickt werde, könne gar nicht anders, als albern zu sein. Und er habe nur Mathematik und Latein studiert, um nicht weggeschlossen zu werden. Das sagte er einmal bei einem Geburtstagsfest und mein Vater, der Asthmatiker, lachte japsend so lange, bis er knallrote Ohren bekam.

Meine Mutter war, wie sie stets freimütig bekannte, eine konsequent talentfreie Köchin, das fiel normalerweise nicht auf, weil an fünf Tagen unsere Hausangestellte kochte, deshalb fürchtete sich meine Mutter vor den Geburtstagsfesten an den Wochenenden. Meistens wurde vorgekocht, an jenem Geburtstagsfest klappte es nicht, weil die Hausangestellte mit einer Diphterie im Krankenhaus lag. Ich weiß nicht mehr, welchen Hauptgang meine Mutter ersonnen hatte, aber ich erinnere die konzentrierte Stimmung, mit der sich alle sehr entschlossen durch diesen Gang kämpften. Und dann hielt Jaap plötzlich den kleinen Dessertlöffel hoch, schwenkte ihn und rief: “Liebes Julchen, dieser kleine Prophet verrät uns, es gibt noch einen krönenden Abschluss.“ Alle lachten erleichtert. Seitdem war das Wort in aller Munde, seitdem hieß der kleine Dessertlöffel in unserer Familie nur noch: Der kleine Prophet. Es war eine self fullfilling prophecy, denn meiner Mutter Kunst beschränkte sich auf einen einzigen Nachtisch: Herrenspeise, ein Vanillepudding mit geraspelter Zartbitterschokolade und einem kräftigen Schuss Rum. (Für Calvinisten eine gerade noch akzeptable Menge.) Und Jaap wusste um dieses Finale.

Meine Zunge hat diesen Geschmack aufgeschrieben und gespeichert, denn dieser Nachtisch ist etwas aus der Mode gekommen. Auf einer Geburtstagsfeier zum 60. stand es vorletzten Sommer trotzig auf dem Menüplan und prompt stand beim ersten Geschmack mir die Szene wieder vor Augen.

Den Ausdruck "Kleiner Prophet" habe ich seit vielen Jahren nicht mehr gehört. Und dann las ich ihn letzte Woche in einem Roman: „WeißesLeinen, Stoffservietten, weißes Porzellan, keine Blumen. Viel Silber, Messerbänkchen, Salzstreuer, Besteck, das zahlreiche Gänge verhieß, bis hin zum »kleinen Propheten«“. So Christine Eichel in ihrem Roman Gefecht in fünf Gängen. Christine Eichel kommt aus dem Pfarrhaus, vielleicht ist diese Tradition dort vor allen Säkularisationswellen sicher verwahrt worden.

Wikipedia weiß zu diesem Thema leider nichts zu vermelden, gönnt sich einen Hinweis auf das Zwölfprophetenbuch. Bis weitere Quellenstudien belastbare Belege herbeizaubern gilt: Es war Jaap, der Cousin meines Vaters, der an einem Samstagabend im April 1969 den schlichten Dessertlöffel aus der Designreihe Kleeblatt Rose zum Kleinen Propheten berief. Sogar für meine Mutter galt: Er war kein Unheilsprophet.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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