„Stolz auf meine westfälische Kirche!“

Notizen zur Diskussion um das Pro und Contra von Präsenzgottesdiensten am 24. Dezember
Demo auf dem Alexanderplatzam 4.11.1989
Foto: Andreas Schoelzel
Demonstrantinnen und Demonstranten mit Transparent bei der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989.

Manche Gemeinden hadern, dass es mit Präsenzgottesdiensten am Heiligabend in diesem Jahr schwierig wird, manche Leitende Geistliche, wie zum Beispiel die westfälische Präses Annette Kurschus, empfehlen sogar ausdrücklich, diese abzusagen. Ist das schlimm? Nein, sondern absolut angemessen, meint zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick.

„Was heute nicht richtig ist, kann morgen ganz falsch sein“ – die Herkunft dieses Satzes, der sich zum Beispiel unter aphorismus.de findet, liegt im Dunkeln. Begegnet ist er mir als ein wundersames Zeugnis des 4. Novembers 1989. Damals stand er auf einem Transparent bei der größten nicht staatlich gelenkten politischen Massendemonstration in der DDR, der Alexanderplatz-Demonstration – einem höchst bedeutsamen und bis heute unabgegoltenen Tag der neueren deutschen Geschichte.

Aber darum soll es heute nicht gehen, genauso wenig, wie um den schönen Zufall persönlicher Freundschaft, durch den ich – lange nach dem 4. November 1989 – von dem Satz in diesem Zusammenhang erfuhr. Aber dieser Satz kam mir in den Sinn, als in den vergangenen Tagen die Diskussion um „Präsenzgottesdienste am Heiligabend Ja oder Nein“ aufkam: in den Zeitungen, in Social Media und in persönlichen Gesprächen.

Die Diskussion einer Frage, in der es definitiv kein auf allen Ebenen „richtig“ oder „falsch“ gibt, ist schwierig. Insofern wäre es nach den Gesetzen der Logik auch unnötig, solch eine Diskussion zu führen. Aber der Mensch ist Mensch, weil er eben gerade nicht den Gesetzen der Logik folgt. Vielmehr findet er sich in seinem Menschsein als Hybrid vor. Als Hybrid zwischen Geist und Leib, zwischen virtuell und präsent Existentem, zwischen innerer und äußerer Wahrheit, zwischen Gefühl und Ratio. So hat ihn Gott gemacht, aus Staub ja, aber auch als jemanden, dem die Ewigkeit ins Herz gelegt ist.

Was wird einst als richtig gelten?

Was die Frage der Präsenzgottesdienste angeht, so wissen wir heute nicht, was dermaleinst als richtig erkannt werden wird. Allgemeinen Grund zur Hoffnung gibt es, da die Vergabe eines Impfstoffes jetzt endlich Realität zu werden scheint – zunächst nicht für alle, aber binnen Jahresfrist doch wohl für alle, die dazu bereit sind. Möglicherweise können wir im nächsten Jahr schon wieder halbwegs „normal“ Weihnachtsgottesdienste feiern, wer weiß …

Aber Weihnachten in diesem annus horribilis et mirabilis 2020 ist anders, heute gilt: Seit dem 16. Dezember, dem erneuten scharfen Lockdown, ist nochmal klarer, was eigentlich seit dem frühen Herbst die Devise hätte sein müssen, nämlich: so wenig „Traffic“ wie nur möglich, sprich, so wenig Menschen wie nur möglich in Versammlungen, in Schlangen vor Eingängen, und als Sitzende und Sprechende in geschlossenen Räumen. Deshalb spricht nach der „Tageslogik“ viel dafür, dass dieses Jahr am Heiligabend keine Präsenzgottesdienste stattfinden sollten.

Viele Verantwortliche in den Gemeinden sind dankbar, wenn es diesbezüglich eine klare Empfehlung der Kirchenleitung gibt. Auf Seiten der EKD hat die stellvertretende Ratsvorsitzende und westfälische Präses Annette Kurschus eine klare Empfehlung ausgesprochen, nämlich die, keine Präsenzgottesdienste zu veranstalten. Sie hat ihr Anliegen in einem hörenswerten Beitrag im Deutschlandfunk plausibel gemacht. Quintessenz: 1. Es fällt uns natürlich schwer, Präsenzgottesdienste abzusagen, es ist eine „traurige Entscheidung“ / 2. Es ist ja nur dieses eine Mal. / 3. Unsere Gottesdienste fallen nicht aus, sondern finden auf andere Weise statt: Die Botschaft kommt in die Welt / 4. Wir achten selbstverständlich, wenn andere es anders sehen / 5. Die Entdeckung digitaler Formate hat auch ihren Reiz, auch wenn digitale Formate Präsenzgottesdienste nicht ersetzen können. / Und 6. klar, es bleibt ein Dilemma

Westfalen und Lippe empfehlen klar

Den Westfalen angeschlossen hat sich die benachbarte Lippische Landeskirche. Deren Landessuperintendent Dietmar Arends würdigte in einer Pressemitteilung ausdrücklich die Anstrengungen seiner Gemeinden. Ihm sei bewusst, wieviel Engagement in die Vorbereitung der Gottesdienste insbesondere zu Heiligabend geflossen ist. Arends; „Wir danken den Kirchengemeinden, den Pfarrerinnen und Pfarrern wie auch den Ehrenamtlichen sehr dafür. Aber wir sind der Überzeugung, dass Nächstenliebe in diesen Wochen heißt, Kontakte auch in den Kirchen zu reduzieren.“

Die klare Haltung seiner Präses trieb den Paderborner Theologieprofessor Harald Schröter-Wittke zu emphathischer Zustimmung, er schrieb in einer Facebook-Diskussion zum Thema (und ist mit der Veröffentlichung des folgenden Zitates einverstanden): „Ich bin stolz auf meine westfälische Kirche! Das ist nicht nur gesellschaftlich, sondern auch theologisch weitsichtig. Christinnen und Christen verzichten gerne auf Live-Gottesdienste, wenn sie dadurch beitragen können, das Leben anderer Menschen nicht zu gefährden! Ich vermisse zunehmend die theologische Wertschätzung der Tatsache, dass das Christentum ab ovo virtuelle Realität war, eine alle Grenzen, insbesondere die Grenzen des Todes sprengende Globalisierungsbewegung, die immer schon virtuell-medial mit Gott und untereinander verbunden war, sei es im Gebet, speziell in der Fürbitte oder auch in den neutestamentlichen Briefen, die nicht immer live oder face to face stattfanden.“

Andere sehen es anders, verweisen auf die funktionierenden Hygienekonzepte und die guten Erfahrungen der vergangenen Monate, zeigen auf, dass herkömmliche landeskirchlichen Gottesdienste in Deutschland noch nie als Infektionsherde ausgemacht werden konnten.

Aber auch inhaltlich werden Präsenzgottesdienste als durchaus notwendig angesehen. So findet der ehemalige Pressesprecher der EKD und jetzige Pfarrer der hannoverschen Landeskirche, Christof Vetter, die Empfehlung der Westfalen und der Lipper als „unsolidarisch und mehr als ärgerlich“, wie die Nachrichtenagentur idea berichtet. Durch den Ausfall der Präsenzgottesdienste in Westfalen und Lippe, so Vetter, müssten die hannoverschen Gemeinden mit Gottesdienstbesuchern aus der Grenzregion rechnen, „ohne dass die Nachbarn in Westfalen dies mit uns oder irgendjemand abgesprochen haben.“ Ob es am Heiligabend zu einem kleineren oder größeren Grenzverkehr zwischen NRW und Niedersachsen kommt, gilt abzuwarten …

„Der Glaube hängt nicht an der Form“

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm verzichtete, wie auch andere leitende Geistliche, auf eine eindeutige Positionierung Pro oder Contra Präsenzgottesdienste, ließ aber durchblicken, dass er Präsenzgottesdienste nicht unbedingt für nötig hält (evangelisch.de). „Unser Glaube hängt nicht an der Form, in der wir die Weihnachtsbotschaft in unsere Herzen aufnehmen. Diese Botschaft wird uns erreichen", sagte Bedford-Strohm laut epd auf seiner Facebookseite. Es ist faktisch nicht bindend, was leitende Geistliche in der Evangelischen Kirche sagen, denn in den meisten Fällen sind sowieso die Gemeinden am Ort zuständig, und im Moment scheint in vielen Gemeinden der Gedanke die Oberhand zu gewinnen, lieber auf Präsenzgottesdienste zu verzichten.

Es wird nach dem Fest eine statistisch interessante Aufgabe sein, den tatsächlichen Verlauf anhand empirischer Forschung zu erheben, und wer die evangelische Kirche kennt, kann sich darauf verlassen, dass dies geschieht. Zweifellos wird es sehr viele digitale Angebote geben und auch spektakuläre Aktionen mobiler Krippenspiele, mobiler Kurzandachten und so weiter und so fort. Wir werden es erfahren.

Generell aber habe ich sowieso den Eindruck, dass der zunehmende Verzicht aus Präsenzveranstaltungen eher die Kreativität der evangelischen Gemeinden in Deutschland geweckt hat. Eine Kreativität, die seit Beginn der Pandemie in hohem Maß beeindruckt! Vielleicht wird man dermaleinst angesichts einer etablierten vielfältigen Gottesdienstlandschaft, ob präsent, digital oder hybrid,  sogar ein bisschen dankbar auf das annus horribilis et mirabilis 2020 zurückblicken und sagen: „Wisst Ihr noch wie es geschehen …“

Jenseits aller pandemischen Einschränkungen gilt jedoch auch in diesem Jahr wie in allen Jahren davor und in allen Jahren danach, solange diese Welt steht, was der barocke Mystiker Johannes Scheffler alias Angelus Silesius  einst trefflich in diese Worte fasste:

„Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“

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