Zwischen Vermeiden und Zumuten

Ein Blick auf die „Leichte Sprache“ in religiöser Kommunikation
"Leichte Sprache"
Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Texte in „Leichter Sprache“ sollen vor allem die Teilhabe von Menschen mit geistiger Behinderung fördern. Auch in der religiösen Kommunikation hat das Konzept an Bedeutung gewonnen. Doch gerade hier werde die Teilhabe nicht nur durch leichtere sprachliche Formen erreicht. Sie gelinge vielmehr durch Formeln und Bilder, die dem mythischen Charakter religiöser Sprache vertrauen, meint Bettina M. Bock, Juniorprofessorin am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Köln.

Spätestens seit dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat sich die „Leichte Sprache“ in immer mehr Kommunikationsbereichen in Deutschland etabliert. Mittlerweile gibt es so gut wie keinen Bereich, in dem es noch keine leichten Textfassungen gibt. Gerade in der religiösen Kommunikation fand und findet der Ansatz rege Anwendung, beispielsweise in Bibelübersetzungen, Predigten oder liturgischen Texten. Dass „Leichte Sprache“ genau in diesem Bereich gedeiht, könnte auch damit zusammenhängen, dass das Problem, das sie bearbeitet, und das Ziel, das sie sich gesetzt hat, eine große Nähe zu einem reformatorischen Grundanliegen haben. Das benennen zum Beispiel Jochen Arnold und Anne Gidion in ihren Grundsatzüberlegungen zur Übersetzung von Luthers Freiheitsschrift in „Leichte Sprache“: „Unsere These ist: Es gibt einen gemeinsamen Nenner zwischen der ‚Leichten Sprache‘ und dem Anliegen reformatorischer Theologie bzw. Predigt. Das Anliegen ist: alle Menschen einladen, niemand ausschließen. Unabhängig von Bildungsgrad und kognitiven Fähigkeiten soll es Menschen möglich sein, die Geschichten vom zugewandten Gott zu verstehen.“

Auch wenn „Leichte Sprache“ ihren Ursprung nicht in kirchlichen Kontexten hat, adressiert sie das auch dort relevante Problem, dass Menschen durch schwer verständlichen, nicht adressatenangemessenen Sprachgebrauch ausgeschlossen werden. Der Anspruch „Leichter Sprache“ ist es, durch radikale sprachliche und inhaltliche Vereinfachungen Texte zu generieren, die auch für Menschen mit eingeschränkten Lese- und Sprachkompetenzen Zugang zu den Inhalten und damit gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. Es geht also um barrierefreien Sprachgebrauch für spezifische Zielgruppen, und zwar insbesondere für solche Personenkreise, die dauerhaft auf barrierefreie Kommunikation angewiesen bleiben. In der Linguistik wird dies häufig unter dem Schlagwort der Adressatenangemessenheit gefasst, wobei Verständlichkeit nur ein Teilaspekt angemessener Kommunikation ist. Hinzu kommen Fragen wie die nach der inhaltlich angemessenen Darstellungskomplexität oder der Lesemotivation und der Textästhetik. So unstrittig das Ziel Barrierefreiheit einerseits ist, so spannungsreich wird es nämlich andererseits, wenn es an die konkrete Umsetzung geht.

Religiöse Kommunikation und sakrale Sprache zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich dem Bereich des Transzendenten widmen und sich daher von Alltagswelt und alltäglichem Sprachgebrauch gerade abheben und abheben möchten. In der Forschung wurde dies von dem Linguisten Josef Bayer zum Beispiel als „semantische Merkwürdigkeit religiöser Texte“ beschrieben. Ingwer Paul spricht – ebenfalls aus linguistischer Perspektive und mit Blick auf rituelle religiöse Texte – sogar von der „funktionalen Unverständlichkeit“ sakraler Sprache. Er bezieht sich dabei auch auf theologische Sprachbetrachtungen, hier zum Beispiel auf Albrecht Grözinger: „Die Unübersetzbarkeit religiös-ritueller Texte erweist sich als ambivalent für die religiöse Kommunikation: Einerseits bedarf es einer stabilen Sakralsprache als Ausdruck des nicht-alltäglichen Kommunikationsinhalts, andererseits kann ein magisches Sprachverständnis nicht im Sinne eines neuzeitlichen ‚aufgeklärten‘ Religionsverständnisses sein.“

Zwar bezieht sich Ingwer Paul im Zitat nicht auf „Leichte Sprache“, seine Feststellung lässt sich aber darauf übertragen. Es entsteht ein enormes Spannungsfeld, wenn es um die Frage geht, wie religiöse Kommunikation zielgruppengerecht und barrierefrei gestaltet werden kann.

Dass „Leichte Sprache“ in Praxis und Forschung mittlerweile so präsent ist und ihre Zielgruppen in den vergangenen Jahren verstärkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt sind, ist unbestritten das Verdienst der „Leichte Sprache“-Bewegung, deren Ursprung in Deutschland bei der Organisation „People First – Mensch zuerst“ liegt. Auch die linguistische Forschung beschäftigt sich seit einigen Jahren verstärkt mit dem Phänomen und fragt beispielsweise nach der Verständlichkeit der Textangebote und den besonderen Anforderungen einzelner Kommunikationsbereiche.

Künstliche Sprachform

Was genau ist überhaupt „Leichte Sprache“ (aus der Perspektive der Linguistik)? Man kann sie als eine künstlich geschaffene Sprachform beschreiben, die sich das Ziel setzt, vorwiegend schriftliche Kommunikation für bestimmte Adressatenkreise zugänglich zu machen. Dieser selbstgestellten Aufgabe und der Heterogenität der adressierten Personenkreise begegnet „Leichte Sprache“ mit der maximalen sprachlichen und inhaltlichen Vereinfachung von Texten. Der Adressatenkreis wird teilweise unterschiedlich weit gefasst. Neben der Hauptzielgruppe Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung (selbstgewählte Bezeichnung: Menschen mit Lernschwierigkeiten) werden beispielsweise vom Netzwerk Leichte Sprache weitere Adressatenkreise benannt, darunter Deutschlernende, Menschen mit Leseschwierigkeiten/funktionale Analphabeten, Demenzkranke. Typisch für den deutschsprachigen Raum ist die Definition „Leichter Sprache” über kodifizierte Normen in sogenannten Regelwerken: Diese enthalten allgemeine Ge- und Verbote, wie beispielsweise die Empfehlung, Negation und Passiv zu vermeiden, große Schrift und „einfache“ Wörter zu benutzen, nur eine Information pro Satz zu präsentieren. Dahinter steht die Vorstellung, dass eine möglichst konsequente Einhaltung dieser Regeln Verständlichkeit und gute „Leichte Sprache“ garantieren könne, und zwar unabhängig von Textsorte und Kontext. In vielen aufgestellten Regeln steckt ein wahrer Kern, manche widersprechen aber auch der Verständlichkeitsforschung.

Diese Regelbasiertheit hat sich erst im Laufe der Entwicklung der „Leichten Sprache“ herausgebildet und war zu Beginn noch gar nicht prägend. In den ersten europäischen Empfehlungen der ILSMH, dem internationalen Interessenverband für geistig behinderte Menschen, aus dem Jahr 1998 („Sag es einfach!“) wird beispielsweise gerade darauf hingewiesen, dass die Leitlinien flexibel und „nicht zu dogmatisch“ umgesetzt werden müssten. Man betonte zudem, dass die Heterogenität der Adressaten und Adressatinnen auch verschiedene sprachliche Lösungen erfordere. In der heutigen „Leichte Sprache“-Praxis dominiert insgesamt der Zugang über Regelwerke, die entstehenden Texte sehen aber dennoch sehr unterschiedlich aus und folgen nicht alle den gleichen Prinzipien.

Die Linguistik hat in den vergangenen Jahren angefangen, das Konzept theoretisch zu untermauern und in empirischen Studien die Verständlichkeit für einzelne Zielgruppen zu untersuchen. Aus dieser Forschung sind bereits erste Praxisempfehlungen entstanden. Entscheidend ist, dass das Verstehen von Texten immer ein Prozess der Sinnkonstruktion ist. Texte sind Geflechte von lexikalischen, syntaktischen, semantischen, intentional-funktionalen Strukturen, die der Leser oder die Leserin wahrnehmen und verstehen muss. Das gilt gleichermaßen für Texte in „Leichter Sprache“, und es macht deutlich, was für eine anspruchsvolle Aufgabe das Verständlichmachen und Vereinfachen ist.

Speziell mit den Herausforderungen religiöser Kommunikation in „Leichter Sprache“ hat sich die Textlinguistin Ulla Fix beschäftigt. Sie geht zunächst einmal davon aus, dass die unterschiedlichen Textsorten unterschiedliche Herausforderungen und Potenziale für „Leichte Sprache“ bergen: Gerade narrative Texte wie die Evangelien bieten beispielsweise vielfältige Möglichkeiten, sie für Menschen mit unterschiedlichen Sprach- und Lesekompetenzen sowie mit unterschiedlichem Vorwissen aufzubereiten.

Gebete als Herausforderungen

Ganz anders geartete Herausforderungen gibt es bei rituell-performativen Texten wie zum Beispiel Gebeten. Insgesamt bedeutet das Berücksichtigen der unterschiedlichen Textsorten und Kommunikationssituationen, dass es nicht die eine Lösung geben kann. Was gute, gelungene Kommunikation in „Leichter Sprache“ ist – im Bereich Kirche wie in allen anderen Feldern –, ist demnach mit Blick auf den jeweiligen Kontext immer wieder neu auszudiskutieren und zu erproben, und zwar auch unter Einbezug der Adressaten und Adressatinnen. Die Linguistin Ulla Fix spricht sich deshalb in einem Aufsatz dafür aus, innovative und vielfältige Anwendungsweisen „Leichter Sprache“ auszuloten: „Meine Ausgangsthese ist (…), dass ein Zugang über maximale Einfachheit aus der Perspektive des Textes nicht genügen kann. Gleich, um welchen Text es sich handelt, man darf sich nicht zufrieden geben mit der Praxis des Vermeidens allein, also mit dem Aussparen bestimmter für schwer verständlich gehaltener Ausdrücke und Formen. Es braucht mehr als das Vermeiden, wenn Inhalte verstanden werden und beim Leser ‚ankommen‘ sollen.“

In diesem Sinne kann man festhalten: Teilhabe wird nicht nur durch (vermeintlich) leichtere sprachliche Formen erreicht, sondern kann gerade dadurch ermöglicht werden, dass sprachliche Formeln und Bilder verwendet werden, die zwar nicht unmittelbar verständlich sind, aber in ihrer Form und in ihrem mythischen Charakter vertraut. Anders als bei einer Bedienungsanleitung, einem Behördenschreiben oder einem Zeitungsartikel geht es nicht darum, Inhalte der „realen Welt“ aufzunehmen, sondern es geht darum, den Leser und die Leserin für Transzendenzerfahrung zu öffnen. Gerade ein vom Alltäglichen abweichender Wortgebrauch oder ein spezifischer Sprachgestus können dies in religiösen Texten signalisieren und daher Teilhabe ermöglichen. Welche sprachlichen Mittel je nach Text und Kontext angemessen sind, ist immer wieder neu zu entscheiden. Letztendlich geht es bei der Erstellung von „Leichte Sprache“-Texten immer um das Finden von Kompromissen in Spannungsfeldern: Wer solche Texte erstellt, muss Festlegungen treffen zwischen starker sprachlicher Umformulierung und weitgehender Beibehaltung des ursprünglichen Sprachgestus, zwischen dem Erklären und Ersetzen von Bildern und dem Setzen auf das individuelle Deuten und Erfahren von schwer zugänglichen Bildern, zwischen Unter- und Überforderung, zwischen Vermeiden und Zumuten. „Dabei ist (…) völlig klar“, so Ulla Fix, „dass Zumuten Grenzen hat. Wo diese Grenzen aber liegen, sollten wir erst einmal genau herausfinden, und wie wir den Spielraum innerhalb der Grenzen füllen können, sollten wir ausprobieren.“ Gerade im Bereich religiöser Kommunikation gibt es Beispiele für eine flexible „Leichte Sprache“ mit vielfältigen sprachlichen Formen und teils ausführlichen Reflexionen des eigenen Vorgehens. Andere Anwendungsfelder „Leichter Sprache“ könnten sich davon inspirieren lassen.
 

Lukas in „Leichter Sprache“

Zwei Versionen der Weihnachtsgeschichte in „Leichter Sprache“. Beide Texte legen sehr unterschiedliche Prinzipien der Verständlichmachung zugrunde. Das rechte Beispiel orientiert sich recht eng an gängigen Regelwerken. Das linke Beispiel hat die Sprechbarkeit im Blick und hat dem Text einen eingängigen Rhythmus verliehen.
Es geschah zu der Zeit, als Augustus Kaiser war. Jesus wird geboren.
Er befahl: Alle Menschen sollen gezählt werden. Als Jesus geboren wurde, lebte ein Kaiser.
Das war die erste Volkszählung im Römischen Reich. Der Kaiser brauchte viel Geld.
Alle Menschen machten sich auf, um sich zählen zu lassen. Darum sollten die Menschen viele Steuern bezahlen.
Jeder reiste in seine Geburtsstadt. Der Kaiser sagte: Alle Menschen sollen in einer Liste aufgeschrieben werden.
Auch Josef aus Nazareth machte sich auf den Weg. In der Liste kann ich sehen: Wer hat die Steuern schon bezahlt?
Er ging nach Bethlehem in die Geburtsstadt von König David. Maria und Josef wohnten in Nazareth.
Josef gehörte zu Davids Familie. Maria und Josef mussten für die Liste bis nach Betlehem laufen.
Hier sollte er gezählt werden, zusammen mit seiner Frau Maria. Das ist ein weiter Weg.
Maria war schwanger. Für Maria war der Weg sehr schwer. Weil Maria ein Kind bekam.

(Quelle: Simone Pottmann, in: Gidion/Arnold/Martinsen (2013):
Leicht gesagt! Biblische Lesungen und Gebete zum Kirchenjahr in Leichter Sprache. Hannover)

(Quelle: www.evangelium-in-leichter-sprache.de)

Literatur

Bock, Bettina M. (2019): „Leichte Sprache“ – Kein Regelwerk. Berlin. URL: https://ul.qucosa.de/api/qucosa%3A31959/attachment/ATT-0/

Fix, Ulla: „Schwere“ Texte in „Leichter Sprache“ – Voraussetzungen, Möglichkeiten und Grenzen (?) aus textlinguistischer Sicht. In: Bettina M. Bock, Ulla Fix & Daisy Lange (Hg.): „Leichte Sprache“ im Spiegel theoretischer und angewandter Forschung, Frank & Timme, Berlin 2017, S. 163-188.

Freyhoff, Geert/Gerhard Heß/Linda Kerr/Elizabeth Menzel/Bror Tronbacke/Kathy van der Veken (1998): Sag es einfach! Europäische Richtlinien für die Erstellung von leicht lesbaren Informationen. URL: http://www.webforall.info/wp-content/uploads/2012/12/EURichtlinie_sag_es_einfach.pdf

 

Gidion, Anne/Arnold, Jochen/Martinsen, Raute: Leicht gesagt! Biblische Lesungen und Gebete zum Kirchenjahr in Leichter Sprache. Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2013.
 

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