Wenn die Bücher Trauer tragen

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Von bedrucktem Papier kann ich mich sehr gut trennen, der Schmerz ist marginal, nur ein leichtes Ziehen in den Nieren, wenn überhaupt, mehr nicht, keine medizinischen Drogen oder therapeutischen Maßnahmen sind nötig. Weil ich eine leichte Allergie gegen Leitz-Ordner hege, habe ich mich bereits nach wenigen Studiensemestern entschieden, niemals mehr als zehn Aktenordner anzulegen, weil sie sich wegen ihrer Kompaktheit in meiner schnell wachsenden Bibliothek unangenehm in den Vordergrund drängten, der Versuch mit farbigen Rücken gab ich auf, weil sie einen Wert vortäuschten, den sie nicht hatten, nein, sie sollten schwarz tragen, unten links im Regal verschwinden, bitteschön. Nach jedem Semester ist es mir ein Fest, sämtliche Kopien, Seminarvorbereitungen und auch die Vorlesungsentwürfe wegzuschmeißen – Altpapier, das auf ein recyceltes Leben hoffen darf. Vorlass oder Perlen aus dem Nachlass? Nein. An Demut macht uns Calvinisten niemand etwas vor. Papier ist geduldig? Ich nicht.

Aber gedruckte Bücher entsorgen? Unmöglich. Da meldet sich bei mir eine ausgeprägte Wegschmeiß-Hemmung. Welches Buch auch nur einen zarten Einband besitzt, ist safe. Obwohl ich mit Vorliebe Bücher mit Buchbindervergangenheit gekauft habe, weil Paperbacks, ein hässliches Wort, auch bei vorsichtiger Lektüre dazu nötigen, ihnen das Rückgrat zu brechen, bleiben Taschenbücher tabu. Das gilt auch für alte dtv-Bändchen, die alle aus dem Leim gehen. Hier schützen die sinnlich-sakralen Cover vom Eidgenossen Celestino Piatti – Heinrich Böll: Irisches Tagebuch ist mein Favorit – vor Abschieden. Oder die farbigen Suhrkamp-Bände, von Willy Fleckhaus gestaltet: Ich ordne sie immer nach dem Farbkreis an, sie erzeugen dann ein Wohngefühl, das seit einigen Jahren semantisch als hygge bezeichnet wird. Gleichzeitig zwingen sie auch Selbstdarsteller in Reih und Glied, eine zivilisatorische Leistung ersten Ranges. Wer bei stw im Straßenkostüm in Aubergine unterkam und unterkommt, vermittelt Gediegenheit auch ohne festen Rücken. Ich besitze etliche Regalmeter, alles Autorinnen und Autoren, die seitdem als drittmittelfest gelten. Und dann die Gesamtausgaben von Suhrkamp. Plessner, Benjamin, Adorno und und und.

Kellerleichen ausgeschlossen

Und dann das. Weil der Redaktion meiner Kulturzeitschrift die Räume gekündigt wurden und eine Verkleinerung ansteht, muss ich mit meiner Teilbibliothek – die anderen Teile sind über die alte Bundesrepublik verstreut – umziehen. Von siebzig Kartons dürfen zwanzig nicht mit. Das ist die Hölle. Kellerleichen habe ich ausgeschlossen. Ich halte mich für krisenfest, das ja, aber es gibt schreckliche Abschiedsszenen, weil jedes Buch randvoll mit Erinnerungen ist. Ich weiß häufig noch, in welchem Buchladen oder in welchem Antiquariat ich es gekauft habe. Wer mir welches Buch schenkte. Wo ich es gelesen habe. Sie sind mein verlängertes und erweitertes Ich, deshalb habe ich sie auch nie ausgeliehen, das kam mir pornographisch vor. Ich lebe mit den Büchern, kann noch nach vielen Jahren, sobald ich das Buch in der Hand habe, sehr schnell eine Stelle finden, weil ich erinnere, ob es unten, mittig oder oben, auf der linken oder rechten Buchseite stand. Aber muss man wirklich mehrere Auflagen der RGG besitzen? Doch, ja, oder?

Und die Bände des kleinen Brockhaus, die ich zum Abitur geschenkt bekommen habe und die längst online stehen, auch? Übe ich andernfalls Verrat an meinen Eltern? Aber sie haben mir unendlich viele Bücher geschenkt, den ganzen Kant, den ganzen Hegel, den ganzen Proust. Kann ich mich nicht dann doch vom Brockhaus trennen, also bitte! Ich habe beim Aufräumen (nein: nicht ausmisten) nur vier Doppelkäufe entdeckt – hundert hätte die Trennung leichter gemacht. Geschämt habe ich mich für sage und schreibe sechsunddreißig Bücher, die noch eingeschweißt waren. Eine schreckliche Demütigung für die Bücher. Ein Freund mit Stellfläche – ein echtes Qualitätsmerkmal einer Freundschaft – übernimmt elf Kartons, zwei Kartons mit alten schweinsledernen Schwarten aus dem Bestand meines niederländischen Großvaters landen im Fundus des Theaters, zwei Kartons gehen an einen Vermarkter (in Preisfragen: Schufte), der Rest, meine komplette niederländische Studienliteratur, landet auf dem Wertstoffhof. Der Name ist wie Balsam. Und ich schwöre, meine Buchtrinkersucht endlich therapieren zu lassen, aber gestern entdeckte ich in Berlin, in einem der letzten prächtigen Antiquariate, herrliche Bückware. Ich habe sie mir zurücklegen lassen.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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