Zurück auf den Galgenberg

Christian Morgenstern zum 150. Geburtstag neu entdeckt
Foto: privat

Sie werden vom Bahnhof gekommen sein, oder mit einem Haveldampfer. Wie schon seit 1879 tausende Berliner jedes Jahr im Frühling zur Obstbaumblüte in die kleine brandenburgische Stadt Werder an der Havel strömen. Jedenfalls gehört auch der Dichter Christian Morgenstern (1871 – 1914) am Vortag seines Geburtstages am 6. Mai 1895 mit fünf jungen Freunden, allesamt Künstler und Studenten, zu dem großen Strom, der immer um den 1. Mai das historische Baumblütenfest feiert, bis in unsere Zeit das „Oktoberfest“ des Ostens. Auf ihrem Weg ist er mit seinen Bohemiens am Galgenberg vorbeigekommen, einer 35 Meter über der Havel gelegenen Anhöhe. Vielleicht haben sie auch dort oben in die Nacht hineingefeiert und sich vom Obstwein beflügeln lassen. Fest steht: Sie treffen die Entscheidung, einen geheimen Bund zu gründen, den sie Galgenbrüder nennen werden. Für diesen Bund schreibt Morgenstern fortan die Galgenlieder, die erstmals im März 1905 im Berliner Verlag bei Bruno Cassirer erscheinen und Morgensterns literarischen Ruhm begründen.

Heute birgt die Bismarckhöhe auf dem Galgenberg im brandenburgischen Werder neben einem großartigen Ausblick das Christian-Morgenstern-Literaturmuseum. Im Turmbau haben Engagierte vor sechs Jahren einen literarischen Gedenkort geschaffen, der Leben und Werk Morgensterns sinnfällig macht, mit persönlichen Gegenständen wie Portemonnaie, Brille, Tintenfass mit Federhalter, 250 Buchtiteln aus der originalen Handbibliothek, prall gefüllten Ordnern der Abschriften von Tagebüchern und Briefwechseln und einer Vielzahl von Editionen der vergangenen einhundert Jahre.

Jürgen Raßbach heißt der Werderaner ehrenamtliche Museumsleiter und Vorsitzende der Morgenstern-Gesellschaft, ein pensionierter Lehrer und Lyrikliebhaber. Alle Männer der Familie Morgensterns waren Maler, sagt Raßbach und zählt vor großformatigen Texttafeln Biografisches auf: die Künstlerfamilie in München, der frühe Tod der Mutter, als Morgenstern zehn Jahre alt war, Internatsaufenthalt, Umzug nach Breslau, schließlich nach Sorau und Berlin. Und der Wunsch, ein freier Schriftsteller zu werden. Morgenstern wird später als Übersetzer der Versdramen Ibsens reüssieren und als Verlagslektor für Cassirer und Piper seinen Lebensunterhalt bestreiten.

Und nun die Galgenlieder. Als „Verspätete Geburtsurkunde der Galgenbrüder und ihrer Galgenlieder“ beschreibt eine Texttafel die Schöpfung der skurrilen jungen Leute. Die sich eigene Namen gaben, ihre Liedertexte in einem Hufeisen sammelten, sie vertonten und gemeinsam sangen. „Ich bin davon überzeugt, das war eine Möglichkeit, mit dem eigenen Tod umzugehen“, sagt Raßbach. Wie jeder Vierte um die Jahrhundertwende leidet Morgenstern an Tuberkulose, verbringt viel Zeit in Krankenhäusern und Sanatorien, stirbt mit nur 43 Jahren.

In der Raummitte eine Bronzebüste des Dichters, 1919 geschaffen von Hans Wildermannn, eine Dauerleihgabe des Museum Ostwall in Dortmund. Überhaupt beeindrucken im Wechsel mit den Texttafeln eigene künstlerische Werke Morgensterns und bildhaft-künstlerische Interpretationen unserer Zeit, die das literarische Werk reflektieren. Ausgelegt ist die Auswahl immer neuer Anthologien, Geschenkbände und Vertonungen, die Morgenstern Ruhm bis heute dokumentieren.

Im nächsten Mai jährt sich Morgensterns Geburtstag zum 150. Mal. Seinen Markstein soll das Jubiläumsjahr im Mai 2021 in Werder finden, auch dank der Morgensterngesellschaft. Die wird Klecksographien und Scherenschnitte Morgensterns neben modernen Illustrationen präsentieren. Ein wissenschaftlicher Kongress und ein Festakt werden dann zum erneuten Höhepunkt auf dem Galgenberg vor den Toren Berlins.

 

Informationen

Christian-Morgenstern-Literaturmuseum, Hoher Weg 150, 14542 Werder (Havel), Telefon 033 27 / 716 53 und 033 27 / 66 31 70, Öffnungszeiten bitte telefonisch erfragen.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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