Ein Feuerwerk

Poetischer Streit im Jenseits

Ein Flugzeug ist abgestürzt und zwei Seelen sind just im Jenseits angekommen – zwei Seelen, die unterschiedlicher nicht sein können: Gertrud, eine belesene und in der christlichen Tradition verwurzelte Schwäbin, sowie ihr Widerpart, ein nicht minder gebildeter, sich jedoch durch einen ausgeprägten Skeptizismus auszeichnender Philosoph. Das ist das Setting des neuen Buches der Religionswissenschaftlerin und Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, die markante biografische Gemeinsamkeiten mit Gertrud teilt, und ihres Schriftstellerkollegen und Juristen Heiko Michael Hartmann.

Hat man Warten auf einmal aufgeschlagen, wird man hineingezogen in einen kontroversen – und gerade darin zu eigenem Nach- und Weiterdenken anregenden – wie unterhaltsamen Disput, der im Angesicht des Todes fundamentale theologische Topoi aufgreift und in ihrer Lebensdienlichkeit ebenso wie in ihrer Erklärungsbedürftigkeit ausweist: Gericht, Sünde, Vergebung, Christologie, Kreuz – um zumindest wesentliche Zentralbegriffe zu nennen. Beide Diskutanten rekurrieren hierbei auf Stimmen der europäischen Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte. Einige der literarischen Größen gesellen sich in Gestalt ihrer Seelen zeitweise dazu und bringen sich ins Gespräch ein.

Es ist vor allem Gertrud, die immer wieder Bezug auf Prosa sowie Lyrik nimmt und letztlich die verstorbenen Dichterseelen anzieht, sich zu Wort zu melden. Der Religionsphilosoph gewinnt für den Leser wiederum vor allem Profil anhand des Manuskripts für einen Vortrag, den er kurz nach dem Flug, bei welchem er ums Leben kam, hätte halten wollen. Dieser wird in Sequenzen in den Dialog eingeflochten und kreist um ein Wort Søren Kierkegaards: „Verzweiflung ist eine Krankheit im Geist, im Selbst, und kann so ein Dreifaches sein: verzweifelt nicht sich bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; verzweifelt man selbst sein wollen.“

Dieser Gedanke bildet den Grundton des gesamten Buches. Dieses läuft letztlich weder auf eine Apologetik noch auf eine Negierung christlicher Dogmatik – Eschatologie, Christologie und Soteriologie – hinaus. Vielmehr weist es auf die Notwendigkeit hin, dass sich die Aussagen des christlichen Glaubens in existenzieller Weise für das Individuum bewahrheiten, dessen Existenz unter dem Schatten der – dreigestaltigen – Verzweiflung im Ringen um das Selbst steht. Damit stellt Warten auf in eindrücklicher Weise Religion im Sinne Spaldings als „eine Angelegenheit des Menschen“ heraus beziehungsweise erhellt es die Frage nach dem Gottesverhältnis in dessen Dimension menschlichen Selbstverhältnisses. Das Problem sei nicht, so beschließt der Religionsphilosoph das Buch, „welche Antwort man persönlich auf die Frage nach dem wahren Selbst findet. Das Problem ist vielmehr die Verzweiflung, mit der man seine Antwort in dieser Welt durchzusetzen versucht. Kierkegaard nennt diese Verzweiflung Sünde. Aber er meint auch, zu sündigen sei menschlich, nur wider besseres Wissen in einer Sünde zu verharren, sei teuflisch.“

Schlägt man „Warten auf“ am Ende der Lektüre zu, so hegt man den Wunsch, dass dem Buch bald eine Bearbeitung fürs Sprechtheater folgen möge, da es durchaus reizvoll wäre, Lewitscharoffs und Hartmanns intellektuelles Feuerwerk auch in diesem Medium zu erleben. Einer zweiten Auflage könnte man lediglich neben – wie bereits für die erste Auflage – vielen Lesern einen etwas umfangreicheren Anmerkungsteil wünschen, um die vielfältigen literarischen, philosophischen und theologischen Bezugnahmen der Verfasser handlicher verorten und nachvollziehen zu können.

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