Ungeschrieben

Über Bachs Töchter

Die meisten Söhne von Johann Sebastian Bach waren auch Musiker, so sind viele ihrer Werke und manche Ereignisse aus ihrem Leben überliefert. Wenn nun in der Bachfamilie seit Generationen musikalisches Talent vererbt und gefördert wurde – was ist mit den Frauen? Waren auch sie musikalisch begabt und gebildet? Denn der große Thomaskantor war Vater von vier Töchtern, die das Erwachsenenalter erreichten. Von ihnen sind nur wenige Daten überliefert – ein übliches Schicksal für Frauen des Barocks.

Diese Leerstelle verlockt, ungeschriebene Geschichten aufzuzeichnen und Fehlendes zu imaginieren. Also hat sich Carola Moosbach an einen Roman über die vier Bachtöchter gewagt. Die bekannte Lyrikerin veröffentlichte bereits poetische Kommentare zu den geistlichen Bachkantaten und ist nicht nur in die Werke, sondern auch in die Lebenswelt der Familie Bach eingetaucht. So erzählt sie sozialgeschichtlich fundiert, aber in farbig-literarischem Ton, wie das Leben der Bachtöchter ausgesehen haben könnte.

Der Roman beginnt mit dem Begräbnis des Vaters im Jahr 1750. Und der Enttäuschung, dass sein Sohn Carl Philipp Emanuel nicht als sein Nachfolger gewählt wird. Die Bachfamilie muss das Thomaskantorat räumen. Was wird jetzt aus der Witwe Anna Magdalena (Bachs zweiter Frau)und den vier Töchtern? Nur ihre erste Tochter Elisabeth Juliana ist bereits mit dem Bachschüler Altnickol verheiratet und lebt seit einem Jahr in Naumburg. Die älteste Bachtochter Catharina Dorothea geht zu ihrem Bruder Wilhelm Friedemann nach Halle und führt ihm den Haushalt. Die jüngste, Regina Susanna, ist erst acht Jahre alt, als ihr Vater stirbt; ihre nächstältere Schwester Johanna Carolina dreizehn. Die beiden bilden nun mit der Mutter einen Haushalt. Als das Erbe aufgebraucht ist, sind sie auf magere öffentliche Unterstützungen angewiesen. Moosbach beschreibt einfühlsam den sozialen Abstieg anhand der überlieferten wechselnden Adressen und lässt die Bachtöchter ein bescheidenes Zubrot mit Handarbeiten verdienen. Als Altnickol 1759 stirbt, kehrt Elisabeth Juliana mit ihren beiden Töchtern zu ihrer Familie zurück. Auch Dorothea lebt nach dem Stellenwechsel ihres Bruders wieder in dem Leipziger Frauenhaushalt.

Die Autorin verleiht den vier Bachtöchtern unterschiedliche Persönlichkeiten – so wie sie hätten ausgeprägt sein können. Dabei ist Regina Susanna ihre Protagonistin. Ihr dichtet Moosbach musikalisches Interesse und Talent an. So kann sie zumindest einmal als Sängerin auftreten, auch eine Liebe darf sie erleben, die aber in keine Ehe mündet. Nahezu berühmt wird die jüngste Bachtochter im Jahr 1800 durch einen (historisch belegten!) Spendenaufruf in einer Musikzeitung, der eine erkleckliche Summe für die verarmte Jüngste des damals fast vergessenen Thomaskantors einbrachte.

Moosbach imaginiert das private und gesellschaftliche Leben der Bachfrauen im Leipzig des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Darin spielt die Verlegerfamilie Breitkopf eine Rolle, sogar der Student Johann Wolfgang von Goethe taucht auf. Sie bezieht dabei mehr als sechzig historische Persönlichkeiten ein, dazu kommen wenige fiktive – alle im Register vermerkt. Zusammen mit den Lebensdaten der Bachtöchter, musik- und kulturgeschichtlicher Literatur und erhaltenen Abbildungen ihrer Wohnstätten bildet es den Anhang zum Roman. Mit Choralzitaten und Anspielungen auf Kantatentitel ist das Werk von Bach darin stets präsent.

Regina Susanna verstirbt 1809 – so beginnt und endet die Erzählung auf einem Friedhof. Wer sich gerne ungeschriebene Frauengeschichten vor Augen führt und in Bachs Welt eintauchen mag, wird dieses Buch gerne lesen.

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