Die Freunde des Genies

Bisher kaum beachtet: Beethovens Kontakte zum Protestantismus
Ulrich Noethen (rechts) ist der Darsteller von Beethovens evangelischem Lehrer und Freund Christian Gottlob Neefe im Film „Louis“, der zu Weihnachten im Ersten gezeigt wird (siehe Seite 6). Anselm Bresgott (links) spielt Beethoven als jungen Mann.
Foto: Julie Vrabelova
Ulrich Noethen (rechts) ist der Darsteller von Beethovens evangelischem Lehrer und Freund Christian Gottlob Neefe im Film „Louis“, der zu Weihnachten im Ersten gezeigt wird (siehe Seite 6). Anselm Bresgott (links) spielt Beethoven als jungen Mann.

Ludwig van Beethoven, der vor 250 Jahren am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft wurde, war offiziell sein Leben lang katholisch und in seiner Religiosität überkonfessionell. Aber es gibt auch interessante protestantische Nuancen im Leben des Genies, die der Bonner Theologe und Beethovenexperte Friedemann Schmidt-Eggert schildert.

Auf den ersten Blick scheint es kaum Berührungspunkte zwischen Ludwig van Beethoven und dem Protestantismus zu geben. Bonn und Wien, die beiden Heimaten des Komponisten, waren in den Jahrzehnten um 1800 tief katholisch geprägt.

Auf den zweiten Blick gibt es aber doch einige Kontakte mit Protestanten. An erster Stelle ist hier Christian Gottlob Neefe zu nennen, ein reformierter Theatermusiker, Komponist und Hoforganist, der in Bonn zum ersten prägenden Lehrer Beethovens wurde. Schnell erkannte Neefe das Potenzial Beethovens, den er als Elfjährigen kennenlernte. Er machte den 14-Jährigen 1784 zu seinem Stellvertreter als Hoforganist und ermunterte den jungen Ludwig zu eigenen Kompositionsversuchen. Neefe brachte Beethoven nicht nur die Musik Johann Sebastian Bachs, Josef Haydns, Carl-Philipp Emanuel Bachs und Wolfgang Amadeus Mozarts näher, sondern begeisterte ihn gleichzeitig für das Gedankengut der Aufklärung.

Christian Gottlob Neefe war reformierter Protestant, Illuminat und Freimaurer, also Mitglied einer Bewegung, die sich das Wachstum des Menschen zur Hauptaufgabe gemacht hatte. Offensichtlich hatte Neefe einen Zugang zu dem temperamentvollen und zu Wutanfällen neigenden jungen Mann gefunden, der eine Vaterfigur ebenso vermisste, wie eine umfassende Bildung. Dass der reformierte Neefe überhaupt beim Kurfürsten die Position eines Hoforganisten einnehmen konnte, ist ein Beleg für das tolerante Klima, das in Bonn damals herrschte. 1798 lernte Beethoven in Wien Karl Amenda kennen, der Vorleser beim Fürsten Joseph Lobkowitz und Lehrer der Kinder von Constanze Mozart war, denen Beethoven zeitgleich Klavierunterricht gab. Obwohl die persönliche Begegnung nur kurz war, hielt die Freundschaft für den Rest seines Lebens. Der aus dem Baltikum stammende Amenda hatte in Jena von 1792 bis 1795 lutherische Theologie studiert, danach war er als Musiker auf Reisen und konzertierte namentlich in Lausanne, Frankfurt am Main und Konstanz. Im Frühjahr 1798 traf er in Wien ein, wo er sich bis zum Juli/August 1799 aufhielt. Anschließend kehrte er über Riga in seine Heimat zurück, wo er zunächst Pastor in Talsi, ab 1821 Propst der Diözese Kandau war und 1830 zum Konsistorialrat ernannt wurde.

Zahlreiche Briefe

Trotz der räumlichen Entfernung blieben Beethoven und er in Verbindung und schrieben einander zahlreiche Briefe. Beethoven widmete ihm am 25. Juni 1799 die Frühfassung seines Streichquartetts F-Dur op. 18 Nr. 1. Die Titelseite der Stimme für die erste Violine trägt die Aufschrift: „lieber Amenda! nimm dieses Quartett als ein kleines Denkmal unserer Freundschaft, so oft du dir es vorspielst, erinnere dich unserer durchlebten Tage und zugleich, wie innig gut dir war und immer seyn wird dein wahrer und warmer Freund Ludwig van Beethoven.“

Am 1. Juli 1801 gestand Beethoven als erstem Karl Amenda von seiner beginnenden Ertaubung. Amenda beschrieb seine Freundschaft mit Beethoven in einem Brief 1806 in einem Brief an den gemeinsamen Freund Andreas Streicher mit den Worten: „Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben widmen können.“

Neefe und Amenda können als Lehrer und persönliche enge Freunde Beethovens angesehen werden. Daneben gibt es noch einen dritten wichtigen „offiziellen“ Protestanten im Leben Beethovens, nämlich den Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. Ihm widmete Beethoven seine berühmte 9. Sinfonie. Allerdings war der König in Sachen Widmungsträger nur die dritte Wahl. Eigentlich wollte Beethoven die Neunte seinem Schüler Ferdinand Ries widmen, der 1817 dafür gesorgt hatte, dass die London Philharmonic Society den Auftrag zur Komposition erteilt hatte. Warum Beethoven davon Abstand nahm, ist unklar.

Danach wollte Beethoven die Sinfonie dem amtierenden Zaren Alexander I. widmen. Der starb jedoch vor der Fertigstellung der Sinfonie, sodass Beethoven schließlich auf den Preußenkönig verfiel. Wahrscheinlich erhoffte er sich von Friedrich Wilhelm ein zusätzliches Honorar, vielleicht sogar eine Festanstellung. Tatsächlich erhielt Beethoven vom preußischen Hof einen Diamantring als Dank, der sich aber nur als mäßig wertvoll herausstellte. Beethoven war zunächst enttäuscht, hielt sich aber nicht lange damit auf, denn öfters widmete er ungefragt seine Werke berühmten Persönlichkeiten, aber nie erzielte er damit einen größeren Gewinn. Warum er es immer wieder versuchte, bleibt unklar.

Als bekanntestes Beispiel für direkte protestantische Bezüge im Werk Beethovens werden immer die sechs sogenannten Gellert-Lieder genannt. Beethoven widmete sie dem Grafen Johann Georg von Browne-Camus (1767 – 1827), einem reichen russischen Oberst und Malteserritter, der als Vertreter des Zaren in Wien lebte. Beethoven nannte ihn den „ersten Mäzen seiner Muse“. Christian Fürchtegott Gellert (1715 – 1769) war ein bedeutender deutscher Dichter der Aufklärung und zu Lebzeiten einer der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. Bis heute wird er besonders in pietistischen Kreisen verehrt. Schon Carl Philipp Emanuel Bach hatte Gellerts Texte vertont, diese Werke waren Beethoven wahrscheinlich bekannt. Die sechs Gellert-Lieder Beethovens „fallen so aus dem Rahmen, dass sie in vielen Beethovenbiographien nicht einmal erwähnt werden“, schrieb Eleonore Büning 2018 in ihrem Buch Hommage an Beethoven.

Es ist in der Tat erstaunlich, dass Beethoven Lieder von Gellert vertont hat, denn sie sind ein Zeugnis spezifisch protestantischer Frömmigkeit. Noch heute sind sechs Gellert-Lieder im Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs vertreten, darunter das Weihnachtslied „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“, das Morgenlied „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“ und das berühmte „Jesus lebt, mit ihm auch ich“, was als einziges Gellert-Lied auch im aktuellen Gotteslob vertreten ist. Beethoven vertont die Gellert-Lieder durchaus eingängig und eindrücklich, wenn er auch meist nur die erste Strophe verwendet.

Eine weitere Kuriosität und absolute Ausnahme im Schaffen Beethovens stellt das Lied „Der Wachtelschlag“, nach einem Text des evangelischen Dichters und Dorfschullehrers Friedrich Sauter, dar. An dem Lied hat Beethoven sehr lange und intensiv gearbeitet und auch den Text immer wieder verändert. Es fällt durch die sehr erbaulichen Bilder und Gedanken auf, die so gar nicht zum herkömmlichen Beethovenbild passen wollen.

Dieses Lied hat Beethoven niemandem gewidmet, er hat es also im Grunde für sich selbst geschrieben. Der Text stammt vom Dorfschullehrer und Volkslieddichter Samuel Friedrich Sauter, der wegen seiner oft unfreiwillig komischen Gedichte als „Weiland Gottlieb Biedermeier“ und „Biedermanns Abendgemütlichkeit“ parodiert wurde, was der Epoche dann schließlich ihren Namen gab. Das Lied wird in der Literatur meist als naiv, frömmelnd und tonmalerisch abgetan, wenn es denn überhaupt erwähnt wird. Der „Wachtelruf“ als Motiv taucht später in der „Pastorale“ wieder auf.

Dieses Lied wird meist zusammen mit den Gellert-Liedern aufgeführt. Als Zugabe. Komponiert hat es Beethoven im Jahre 1803, zeitgleich mit der 3. Sinfonie, der „Eroica“, wo er sich als Sympathisant der Französischen Revolution und als Aufklärer outete. Er gab sich da als alles andere als als braver Christ. Sein Lehrer Joseph Haydn nannte ihn nicht nur „meinen Großmogul“, sondern schimpfte ihn auch liebevoll einen „Atheisten“. Man kann nur vermuten, was Beethoven bewog, diesen pietistischen Text zu vertonen. Wie Beethoven wirklich über Religion dachte, ist schwer zu ermitteln, da er sich kaum darüber geäußert hat. Konfessionen waren für Beethoven sicher unwichtig, und deswegen dürfen sein Umgang mit Protestanten und protestantische Spuren in seinem Werk nicht überschätzt werden. Sie sind und bleiben eine aparte Randnotiz im Schaffen des Genies.

Nachweislich viel gelesen hat Beethoven die beiden Bände „Betrachtungen über die Werke Gottes im Reiche der Natur und die Vorsehung auf alle Tage des Jahres“ des protestantischen Theologen Christoph Christian Sturm aus dem Jahre 1772. Beethoven besaß die 3. Auflage aus dem Jahr 1785. Daraus hat er oft zitiert und vieles darin angestrichen. Auch reichlich kirchenkritische Literatur fand sich in seiner Bibliothek, zum Beispiel Schriften des katholischen Moraltheologen Michael Sailer und „Ansichten von Religion und Kirchenthum“ von Ignaz Aurelius Feßler.

Schon seit den frühen Bonner Jahren hegte Beethoven eine Aversion gegen die Institution Kirche, was man an vielen seiner ironischen Bemerkungen in seinen Briefen ablesen kann. Die behauptete moralische Integrität der katholischen Würdenträger stieß ihn vielfach ab. Auch war Beethoven der Meinung, dass man nicht in die Kirche gehen müsse, um Gott zu begegnen, „ein Freytag in der Woche“ genügte ihm, Glaube geht ohne die Vermittlung Dritter, man kann Gott selbst unmittelbar begegnen – ein durch und durch evangelischer Gedanke.

Unsichere Authentizität

Von Bettina Brentano, der späteren verheirateten von Arnim, werden zwei Zitate Beethovens überliefert, deren Authentizität aber nicht sicher ist. Sie stammen beide aus einem Brief vom 28. Mai 1810 an Johann Wolfgang von Goethe, in dem sie ihre Begegnung mit Beethoven schildert, während derer jener gesagt haben soll: „So vertritt die Kunst allemal die Gottheit, und das menschliche Verhältniß zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.“ Eine lupenreine Begründung der romantischen Kunstreligion also. Ähnliches transportiert das zweite angebliche Beethoven-Zitat, das demselben Brief entstammt: „ (…) so ist jede ächte Erzeugung der Kunst, unabhängig, mächtiger als der Künstler selbst, und kehrt durch ihre Erscheinung zur göttlichen zurück, hängt nur darin mit dem Menschen zusammen, daß sie Zeugniß giebt von der Vermittlung des Göttlichen in ihm.“ Bettina Brentano legt Beethoven diese Worte in den Mund – es bleibt zweifelhaft, ob Beethoven sich wirklich in dieser Weise äußerte. Eine weitere Äußerung aus dem Jahre 1810 enthält ein Brief Beethovens an Bettina Brentano, die zumindest religiöses Potenzial birgt: „Die Hoffnung nährt mich, sie nährt ja die halbe Welt, und ich hab’ sie mein Lebtag zur Nachbarin gehabt, was wäre sonst aus mir geworden?“ Leider aber ist die Authentizität gerade dieses Briefes Beethovens vom 11. August 1810 äußerst zweifelhaft, denn es fehlt das Autograph, zudem ist Bettina Brentano bekannt für ihre erfundene Korrespondenz.

Im selben Jahr 1810 – und das ist gesichert – schrieb Beethoven in sein Tagebuch ein kleines Bekenntnis: „Gott ist immateriell, deßwegen geht er über jeden Begriff; da er unsichtbar ist, so kann er keine Gestalt haben. Aber aus dem, was wir von seinen Werken gewahr werden, können wir schließen, dass er ewig, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig ist.“ Dieses Bekenntnis passt durchaus in den intellektuell-künstlerischen religiösen Zeitgeist um 1800, den unter anderem auch die berühmten Reden Schleiermachers von 1799 bezeugen. Dass Beethoven sie kannte, ist höchst unwahrscheinlich. Höchst wahrscheinlich aber ist, dass viele Menschen seit über zwei Jahrhunderten von Beethovens Musik im Innersten angerührt sind und in ihr Trost, Tiefe, Freude, Schönheit und vielleicht auch den ein oder anderen göttlichen Funken finden.

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