„Wichtige gesellschaftsdiakonische Aufgaben“

Aufgabe und Leistungskraft evangelischer Publizistik in unserer Zeit
Stand des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) auf der EKD-Synode in Dresden, 2019.
Foto: epd/Heike Lyding
Stand des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) auf der EKD-Synode in Dresden, 2019.

In der Oktoberausgabe von zeitzeichen forderte die Erlanger Medienwissenschaftlerin und Professorin für christliche Publizistik, Johanna Haberer, einen Neustart für die evangelische Publizistik. Jörg Bollmann, seit 2002 Direktor des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP), widerspricht ihr zum einen entschieden und denkt zum anderen ihre Ansätze weiter.

Zieh dich aus. Sie musste sich vor den Fremden drehen, einer tatschte sie ab, dann gingen die Männer. Irgendwann kam einer wieder und nahm sie mit. Eine Kellertreppe hinunter, sie schlang ihre dünnen Ärmchen um das metallene Geländer, wurde weggerissen, fiel mit dem Kopf auf eine Stufe, lag auf einem Tisch, strampelte, wurde gefesselt. „Es fühlte sich an, als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird.“ So beschreibt es Pia.

Christine Holch hat die Geschichte von Pia und Anne, deren Namen zu ihrem Schutz geändert worden sind, öffentlich gemacht. Im evangelischen Magazin chrismon. Weil Pia und Anne berichten wollten, was ihnen angetan wurde. Auch wenn es die beiden Frauen so viel Überwindung gekostet hat, die von der evangelischen Publizistik gebaute Brücke in die Öffentlichkeit zu betreten. Wieviel Vertrauen in die Arbeit von chrismon setzt das voraus!

„Was evangelische Publizistik kann: Etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen.“ So beschreibt der bayerische Pfarrer und Gründungsdirektor des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), Robert Geisendörfer, das Konzept. Ein gutes Konzept. chrismon macht die Geschichte von Pia und Anne öffentlich, leiht den beiden gequälten Frauen, die Fürsorge und Barmherzigkeit benötigen, die Stimme. Die chrismon-Reporterin Christine Holch erhält dafür verdiente Anerkennung: Auszeichnung mit dem Courage Preis 2019 für sie und die Fotografin Patricia Morosan, Journalisten-Preis des Weißen Rings, Nominierung für den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie Beste Reportage. Auch chrismon bekommt Anerkennung: Laut Allensbacher Werbeträgeranalyse (AWA) 2020 sind es bereits 1,7 Millionen Leserinnen und Leser, die jede Ausgabe des Monatsmagazins gründlich studieren. Die Zahl der Leserinnen und Leser von chrismon steigt seit 2014 kontinuierlich jedes Jahr an – gegen den allgemeinen Printtrend. Im Jahr 2005, als chrismon in das GEP integriert wurde, waren es 960.000.

Wenig differenziert

Das Werturteil von Johanna Haberer, erste und einzige Professorin für Christliche Publizistik, ist vernichtend: „Die evangelische Publizistik befindet sich in einer tiefen Krise. Sie ist konzeptions- und kopflos in der Defensive und das schon seit längerer Zeit“, sagt sie in zeitzeichen 10/2020. Quod erat demonstrandum. Die chrismon-Geschichte, das empirisch belegte Interesse für das Magazin, das auf Geisendörfer rückführbare Konzept beweisen, das Werturteil von Frau Professorin ist – sagen wir es milde – wenig differenziert. Dem Faktencheck hält das Haberersche Werturteil nur sehr bedingt stand.

Dafür steht nicht nur die Reichweitenentwicklung von chrismon. Auch die Quoten der ZDF-Fernsehgottesdienste sind in den letzten Jahren nach intensiver Formatarbeit wieder gestiegen, schon vor dem corona-bedingten Lockdown der Kirchen. Die zweitälteste Sendung im deutschen Fernsehen, Das Wort zum Sonntag in der ARD, erreicht nicht nur im linearen Programm, sondern inzwischen auch auf Facebook seine Zielgruppe. Die Marktanteilsentwicklung von epd, der Launch des Neuprodukts epd video mit einigen bemerkenswerten Ausstrahlungserfolgen, der Start des christlichen Sinnfluencer-Netzwerks yeet auf Youtube, Instagram und in den Weiten der sozialen Netzwerke werden in der säkularen Medienwelt mit großem Respekt wahrgenommen.

Ein Beispiel dafür ist auch der auf turi2 am 6. Oktober als Video des Tages ausgezeichnete Beitrag „Das erste Buch Mose to go (Genesis in 13,5 Minuten)“. Der Literaturwissenschaftler und Autor Michael Sommer erklärt die Bibel mit Playmobilfiguren auf youtube, in Kooperation mit evangelisch.de, unter dem Dach von yeet und somit im Rahmen der evangelischen Publizistik. „Sag mal, es gab eine einzige Regel“, legt Sommer Gott in der Geschichte über die Vertreibung aus dem Paradies in den Mund, als der Adam und Eva beim Apfelessen erwischt hat. „Security!“, ruft Gott. „Und dann lässt er den Garten von der Security räumen, und seitdem muss die Menschheit arbeiten“, erklärt Sommer. Schöpfungsgeschichte auf Youtube, anschaulich, in jugendgerechter Sprache, unterhaltend und offenbar interessant – es sind inzwischen mehr als 37.000 Abrufe (Stand Ende Oktober).

Wo ist die empirische Basis?

Weitere Beispiele: Die auf dem Distributionskonzept des US-Technologiekonzerns Yext beruhende digitale Koordinationsarbeit in der EKD, mit der sich Kirchengemeinden, ihre Orte, ihre Öffnungszeiten und ihre Angebote wesentlich leichter im Internet finden lassen. Oder das bemerkenswerte Filmangebot der Eikon, das sich in prämierten Filmen wie „Katharina Luther“ oder Dokumentationen wie über Dietrich Bonhoeffer „Mit Gott gegen Hitler“ zeigt. Nehmen wir die Versorgung der Schulen mit pädagogischem Bewegtbildmaterial der Matthias Film GmbH und vergessen wir nicht die zahlreichen kleinen und großen Produkte aus den landeskirchlichen Medien- und Verlagshäusern. All diese Beispiele liefern Fakt um Fakt gegen die pauschalierende Leistungsabwertung evangelischer Publizistinnen und Publizisten. Evangelische Publizistik kopf- und konzeptlos? Auf welcher empirischen Basis kommt Professorin Haberer also zu ihren Aussagen und ihrer Erkenntnis?

Schauen wir auf den Kern, was evangelische Publizistik denn sein soll: Definiert wurde sie in der Satzungspräambel des GEP zuletzt am 14. September 2012 von der Gesellschafterversammlung des GEP, in der zu diesem Zeitpunkt unter anderem die EKD und alle Landeskirchen vollständig vertreten waren. Demnach ist evangelische Publizistik eine Funktion der Kirche, die in allen ihren Arbeitszweigen an der Erfüllung des Auftrags teilnimmt, dem Kirche verpflichtet ist. Unter anderem. Um das zu leisten, müssen zahlreiche Aufgaben erfüllt werden, die in der GEP-Satzung alle aufgelistet sind. Nicht überraschend, dass zum Beispiel Buch, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen, Film, audio-visuelle wie digitale Medien dazu gehören. Aber evangelische Publizistik geht darüber hinaus: Auch Medienpädagogik, Öffentlichkeitsarbeit und die Mitwirkung an medienpolitischen Stellungnahmen zählen zu den Aufgaben. Bedeutet ganz konkret, dass evangelische Publizistinnen und Publizisten zum Beispiel an dem Drei-Stufen-Test im Blick auf die öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber dem kommerziellen Fernsehen und den Verlagen mitwirken. Was Johanna Haberer erwähnt, sind Aus-, Fort- und Weiterbildung für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit und das Betreiben einer Nachrichtenagentur als weitere Teile der evangelischen Publizistik. Keine Rolle in ihrer Analyse spielt dagegen der Evangelische Medienkongress, der seit 2010 alle zwei Jahre in Zusammenarbeit mit einem großen Sender organisiert wird und zu einer renommierten und etablierten Marke des Austauschs zwischen säkularer und kirchlicher Publizistik geworden ist.

Mit Kopf und Konzept

Die Liste der evangelisch-publizistischen Aufgaben ist damit nicht vollständig: Evangelische Publizistik ist eine komplexe, weit umfassende Arbeit für Medien und Kommunikation im Raum der Kirche. Im Publizistischen Gesamtkonzept der EKD von 1997 ist die Rede von einer „elementaren Lebensäußerung der evangelischen Kirche“. Während Johanna Haberer den Evangelischen und auch den ebenfalls alle zwei Jahre stattfindenden Christlichen Medienkongress beiseite lassend nach einem Medienkonzil ruft, erwähnt sie den Bericht der durch den Deutschen Bundestag eingerichteten Enquetekommission zur „Kultur in Deutschland“ von 2007 mit keinem Wort. In diesem Bericht werden die Kirchen als zentrale kulturpolitische Akteure in Deutschland bewertet. Und – bemerkenswert – den Beitrag, den die evangelische Publizistik dazu leistet, gewichtet die Kommission als so bedeutend, dass sie dafür eigens einen ganzen Exkurs in Auftrag gibt - beim Institut für kulturelle Infrastruktur Sachsen. Fassen wir zusammen: Die evangelische Publizistik leistet - auch mit ihrem Einsatz für den Jugendschutz - wichtige gesellschaftsdiakonische Arbeit für diese Gesellschaft. Mit Kopf und Konzept, Herz und Verstand.

Alles in bester Ordnung also? Natürlich nicht. Wie denn auch? Wir leben in einer Phase substanzieller gesellschaftlicher Umwälzungen im anhaltenden Übergang in das digitale Zeitalter. Das stürzt die gesamte Medienlandschaft mit Print, linearem Fernsehen und Hörfunk, Kino und Buch in eine tiefe Krise – wie könnte das an der evangelischen Publizistik vorbeigehen. Die beiden großen christlichen Kirchen durchleben seit Jahren den Rückgang ihrer Mitgliederzahlen Jahr für Jahr, identifizieren eine Glaubenskrise, machen sich auch in der mittel- und langfristigen Perspektive Sorgen um ihre Finanzkraft. Wie sollte evangelische Publizistik davon unberührt bleiben. Also, da hat Professorin Haberer schon recht: Die Zeit ist reif für Veränderungen. Aber bitte nicht durch die Abwertung evangelischer Publizistik in Bausch und Bogen. Vorzuziehen ist doch wohl eine faire und faktenbasierte Analyse, wo die Schwachstellen festzustellen und richtige Schlüsse zu ziehen sind.

Wie also muss sich evangelische Publizistik aufstellen? Johanna Haberer fordert, die evangelische Medienarbeit müsse ihre Regionalisierung überwinden – über die Landeskirche, die Dekanate, die Gemeinden hinweg, also über die „Friedhöfe“, auf denen sie sitze, um bald begraben zu werden. Ein interessanter Gedanke, nicht ganz neu, aber gut. Die Verlags- und Medienhäuser in Deutschland arbeiten mit weitgehenden redaktionellen und verlegerischen Konzentrationen und Fusionen gegen die Krise an. Warum nicht auch die evangelische Publizistik?

GEP ist qua definitionem Dienstleister

Der Gedanke der Zusammenarbeit knüpft an die Vorstellungen des bayerischen Pfarrers Robert Geisendörfer an, der das zu seinem Lebenswerk gemacht hat – mit der Gründung des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik. Das GEP ist qua definitionem in dem von allen Landeskirchen 2012 verabschiedeten Strukturkonzept als Dienstleister für die Gemeinschaft der Gliedkirchen tätig. Unter einem gemeinsamen Dach lassen sich die wirklich spannenden Aufforderungen von Johanna Haberer einlösen: Dopplungen identifizieren, fusionieren, verschlanken.

Aber warum schlägt Johanna Haberer eine neue Form der Vergesellschaftung vor, zum Beispiel eine Medienstiftung? Das wesentliche Problem der evangelischen Publizistik ist nicht die institutionelle Form. Das wesentliche Problem ist die Finanzierung, die mit der schwindenden Finanzkraft der Kirche immer schwieriger wird. Und mit der Neugründung einer Stiftung (nichts gegen existierende Einrichtungen wie Stiftung Marburger Medien oder Stiftung Christliche Medien) entkommt die evangelische Publizistik diesem Kardinalproblem nicht – im Gegenteil. Eine Stiftung bindet Kapital und ist gerade in einer Tiefzinsphase kaum geeignet, Ertrag für die operative Arbeit zu erwirtschaften. Wer in diesen Jahren für eine Stiftung Verantwortung trägt, kennt diese Sorgen nur zu gut.

Über neue Unternehmensformen haben sich auch mehr als 500 Unternehmer und 100 Wirtschaftsexperten Gedanken gemacht und sich Anfang Oktober gemeinsam für die Etablierung einer neuen Rechtsform für Unternehmen eingesetzt. Unter anderem, weil ihnen eine Stiftung als nicht geeignet erscheint. Sie setzen sich für die Etablierung einer GmbH EV ein, der Gesellschaft in Verantwortungseigentum. Möglich, so sagen sie, wäre auch eine gemeinnützige GmbH, zu der aber nur gemeinnützige Institutionen Zugang haben. Deren wesentliche und gewünschte Eigenschaft besteht darin, das Kapital im Unternehmen belassen zu müssen, statt es an die Gesellschafter ausschütten zu dürfen.

Welch ein Vorteil für uns: Die Kirche benötigt nicht den komplizierten Weg zur GmbH mit Stiftungsstrukturen oder Gründung einer GmbH EV (die es noch gar nicht gibt). Der Kirche mit all ihren Rechten einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft und der Anerkenntnis ihrer Gemeinnützigkeit steht der Weg zur gGmbH für ihre Medienfirmen offen, ebenso wie der Weg zur öffentlich-rechtlichen Konstruktion. Wir brauchen nicht über neue Formen nachzudenken, um dann bei einer Stiftung zu stranden. Der evangelischen Publizistik stehen anders als anderen Akteuren mit der gGmbH institutionelle Möglichkeiten offen, die wir nur nutzen müssen. Um Dopplungen zu identifizieren, zu fusionieren und strukturell zu verschlanken.

Kleine, flexible Einheiten nötig

Hier können wir auch die weiterführende Idee von Johanna Haberer umsetzen: Sich ein Beispiel zu nehmen an den seit Ende der 1990er-Jahren zusammenwachsenden medialen Plattformen und der Erkenntnis, dass wir Content-bezogen und in Ausspielkanälen denken müssen. Mit kleinen, flexiblen Einheiten mit einer Art Über- oder Unterbau für das Marketing und die öffentliche Sichtbarkeit der Inhalte. Mit dem Überbau haben wir begonnen. Zum Beispiel mit yeet – dem Contentnetzwerk, in dem sich Sinnfluencern verschiedener Landeskirchen und Frömmigkeitsformen verbunden haben, zum Beispiel mit dem überregionalen Internetportal evangelisch.de. Deren Türen stehen offen, Michael Sommer mit seinem bibel-to-go-Format ist schon angekommen.

Dass es im digitalen Wettkampf um Interesse und Aufmerksamkeit nicht ohne Google geht, ist eine monopolistische Tatsache. Wer sollte mit Google erfolgsversprechend verhandeln? Das gerade neu gestartete „Google News Showcase“ gibt Hinweise. Da haben fast 20 deutsche Verlags- und Medienhäuser ihre Kräfte gebündelt, mit Google verhandelt und sind so zu einem Ergebnis gekommen. Der Weg für die evangelische Publizistik ist, sich mit epd und chrismon den deutschen Qualitätsmedien anzuschließen und so im Konzert der großen Reichweiten mitzuspielen.

So kommt evangelische Publizistik in die Zukunft – mit Kopf, Konzept und kreativen Lösungen. Und indem wir die biblische Aufforderung beherzigen: „Prüft alles und das Gute behaltet.“

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Foto: epd/Norbert Neetz

Jörg Bollmann

Jörg Bollmann (*1958) ist Journalist und ist seit 2002 Geschäftsführer und seit 2005 Direktor des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP) in Frankfurt/Main. Seit 2004 ist er Geschäftsführer der EKD Media GmbH.


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