Eine einmalige Schatzkammer

Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht: von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa
Blick in die Landesausstellung: das Adelheidkreuz Reichenau aus dem 11. Jahrhundert.
Fotos: Radek Brunecky
Blick in die Landesausstellung: das Adelheidkreuz Reichenau aus dem 11. Jahrhundert.

Wie in einem begehbaren Geschichtsbuch werden in Mainz derzeit die Kaisergeschlechter gezeigt, die das Mittelalter prägten. Jürgen Kaiser hat das Landesmuseum mit der Schau besucht.

Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer. Mit Karl dem Großen begannen die Kaisergeschlechter, die das Mittelalter gestalteten. Und von denen viele Menschen nur ein, wenn überhaupt, verblasstes Wissen aus fernen Geschichtsunterrichtszeiten haben. Dennoch bestimmten diese Geschlechter Europa. Unser Europa, bis heute.

Die Kaiser herrschten nicht allein. Ihre Macht ruhte, bildlich gesprochen, auf Säulen: zunächst auf dem Papst, dann auch auf den Bischöfen, Erzbischöfen und Fürsten. Dabei spielten auch Äbte, Grafen, Ritter und Bürger eine Rolle. Sie alle waren miteinander in einem großen Netzwerk verknüpft und verbunden, das sich immer wieder veränderte und andere Machtknoten bildete.

Wie in einem begehbaren Geschichtsbuch ist das bis zum 18. April 2021 im Landesmuseum in Mainz zu sehen und zu bestaunen. Denn die Museumsgestalter um Stefanie Hahn und Thomas Metz haben für die Ausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht“ aus Europa Kostbarkeiten zusammengetragen, die alleine selten und zusammen noch nie zu sehen waren. Die Große Heidelberger Liederhandschrift Codex Manesse ist darunter – auf ihrer Hitliste der besten Minnesänger der Welt ist Walther von der Vogelweide erst unter Nummer 42 zu finden –, das Armreliquiar Karls des Großen, das Adelheidkreuz von der Reichenau und die Weingartner Welfenchronik. Der Cappenberger Kopf stellt vermutlich Kaiser Barbarossa dar und ist das erste weltliche Herrscherporträt seit der Antike. Und: die Goldene Bulle, also das Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bis 1806 – um nur einige zu nennen. Viele dieser Schätze sind damit der Öffentlichkeit zum ersten Mal seit Jahren und viele auch zum letzten Mal auf Jahre hin – aus konservatorischen Gründen – zu sehen. Das macht die Ausstellung einmalig.

Die Ausstellung liefert nicht nur ein Bild der Mächtigen. Neunzig Prozent der Bevölkerung waren Bauern – immer mehr davon Unfreie, also Leibeigene. An der Steuerlast des Bauern Gundals wird das dargestellt. Aus dem Güterverzeichnis des Lorscher Codex von 1170, das ebenfalls im Original zu sehen ist, wissen wir genau, was er abzuliefern hatte. Selbst für seine Ehefrau durfte er sich nicht selbst entscheiden – die bestimmte ihm sein Herr.

Nicht vergessen wurde die Rolle der Kaiserinnen. Mit 16 Jahren zur Königin von Deutschland gewählt, mit 25 Jahren Römische Kaiserin. Das war keine Seltenheit. Liebe spielte keine Rolle, geheiratet und geschieden wurde nach politischem Kalkül der Männer. Außerdem starben viele Frauen bei der Geburt der Kinder. Aber auch Kaiser starben früh, und die Kaiserwitwe übernahm nun die Vormundschaft über den zukünftigen Kaiser. So bei Otto III. Der war drei Jahre alt, als sein Vater starb. Die Kaiserinnen wussten ihre Macht zu nutzen. Etwas ganz Persönliches zeigt die Ausstellung: die Totenkrone von Kaiserin Gisela von Schwaben, die Frau von Kaiser Konrad II. Auf ihrer Krone steht ihr Kosename „Gisle“.

Gegengewicht zur Kirche

Herrschaft braucht Raum. Dieser Raum war über Hunderte von Jahren das Land am Rhein, mit seinen Städten Mainz, Worms, Speyer. In diesen aufstrebenden Städten wurden aus Bischöfen mächtige Erzbischöfe, welche die Kaiser als Unterstützung brauchten. Für oder auch gegen den Papst. Und für und auch gegen die immer mächtiger werdenden Fürsten, die schließlich als Kurfürsten die zukünftigen Kaiser bis 1806 wählten. Gut gemachte 3D-Filme zeigen auf parallelen Monitoren die Entwicklung dieser drei Städte im Jahr 800 und im Jahr 1200. Man erkennt die Dynamik und politische Sprengkraft, die diese Stadtentwicklungen auslösten. Kein Wunder also, dass die Staufer in ihren Kämpfen mit den Päpsten Städte gründeten und förderten und so mit den Bürgern und ihren Rechten – Stadtluft macht frei, auch von kirchlicher Unterdrückung – ein Gegengewicht zur Kirche schufen.

Diese drei Städte hätten sich aber nicht so schnell und groß entwickelt, hätte es ihre jüdischen Gemeinden nicht gegeben. Gerade in diesen drei Städten blühte das jüdische Leben. Einmalig ist, dass die jüdischen Gemeinden dieser drei Städte sich zu einem Gemeindeverband – SchUM – zusammenschlossen und in regem Austausch miteinander standen. Die Juden waren Kaufleute und direkt dem Kaiser unterstellt.

Erfolg erzeugt Neid

Da es allen Christen von der Kirche aus verboten war, mit Geld zu handeln und Zinsen zu nehmen, waren sie die Bankiers in den aufstrebenden Städten. Wer expandieren wollte, brauchte Geld. Christen durften es nehmen, aber nicht damit handeln. Ohne Geld aber gab es keine wirtschaftliche Entwicklung. Auch hier zeigt die Ausstellung das Leben der jüdischen Gemeinden. Ihr Aufblühen – aber auch die immer wieder aufbrechenden Verfolgungen. Denn der Erfolg erzeugte Neid und Hass. Wurden die jüdischen Bewohner erschlagen und brannten ihre Häuser, so brannten auch die Schuldscheine und die Zeugen. So einfach war das zu Zeiten der Kreuzzüge.

Ironie und Spott waren schon immer das Ventil bei so viel Pracht und Macht. Der politische Witz und das Kabarett leben davon. Die Mailänder hassten Kaiser Barbarossa. Der unterstützte zwar die Städte, gründete viele neue. Aber wehe, wenn die Bürger zu selbstbewusst wurden. Dann gab es Krieg. Besonders mit den italienischen Städten tat er sich schwer. In Italien trägt er bis heute den Spitznamen „Städtezerstörer“. Mailand hasste er so wie die Bürger ihn, er zerstörte es 1162 und vertrieb die gesamte Bevölkerung.

Die Mailänder bauten die Stadt wieder auf, besiegten Barbarossa, und die Stadt wuchs enorm. An ihren Toren ließen sie zwei Spottreliefs anbringen – zur Abwehr von Feinden und bösen Geistern, zum Lachen für die Bewohner und zur Verhöhnung von Kaiser Barbarossa und Kaiserin Beatrix. Und zwar deftig. Der mächtige Kaiser wird auf einem über einen Meter hohen Steinrelief, das einst direkt am Stadttor von Mailand angebracht war, dargestellt als einer, der es mit gekreuzten Beinen nicht mehr auf die Toilette schafft, die Kaiserin mit entblößter Brust hebt ihren Rock hoch und rasiert sich die Scham. In der Ausstellung zu sehen, wenn auch etwas schamhaft versteckt, man muss die beiden Originale schon suchen.

Wer vor den vielen Vitrinen und Kostbarkeiten kapituliert, der sei auf den Eingangsbereich jedes Saales verwiesen. Denn dort ist jeweils ein großes Wandbild, das die jeweilige Kaiserdynastie erklärt. Ganz wichtig und wertvoll: Es ist auch jeweils ein großer TV-Bildschirm vorhanden, in dem in einfacher Sprache in Skizzen eine animierte Bildergeschichte über die jeweilige Zeit erzählt wird. Die Personen in Schwarz-Weiß – fast in japanischer Mangatechnik skizziert – sind vor farbigem Hintergrund animiert. Manch ein Betrachter hätte sich gewünscht, dass einst sein Geschichtsunterricht auch so einfach zu begreifen gewesen wäre.

Kleiner Tipp: Vor den Bildschirmen ist auch die einzige Möglichkeit, sich hinzusetzen – ansonsten Klappstuhl am Eingang mitnehmen. Das wird alles zusammen zur gleichen Zeit nicht mehr woanders zu sehen sein. Aber: sehr eng und dicht zusammen. Und, um die Kostbarkeiten zu schonen, alles sehr dunkel. Leider sind die Schilder an den Ausstellungsvitrinen kaum zu lesen. Trotzdem: eine ausgezeichnete Ausstellung, mit Glanz und Gloria.

Informationen

„Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“ zu sehen bis zum 18. April 2021 im Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49–51, Mainz. Von Dienstag bis Sonntag ab zehn Uhr geöffnet. Wegen Corona empfiehlt sich, das Online-Ticket zu nutzen. Wer mit Familie anreist, dem sei die parallel stattfindende Mitmachausstellung „Ritter, Bauer, Edeldame“ empfohlen. In sieben Themenbereichen können Kinder ab dem siebten Lebensjahr mittelalterliches Leben ausprobieren.

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