Wo er auftrat, gab es Krach

Vor hundert Jahren starb Abraham Kuyper, der Begründer des Neocalvinismus
Abraham Kuyper, gezeichnet von Jan Veth
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Abraham Kuyper, gezeichnet von Jan Veth.

Er hatte zu Lebzeiten eine große Anhängerschaft und erbitterte Gegner, nach seinem Tod entwickelten seine Schüler ihre eigene Orthodoxie, doch galt er seit etwa fünfzig Jahren als überholt. In Deutschland wurde er von der reformierten Minderheit zu Lebzeiten bewundert. Hans-Georg Ulrichs, Kenner der Geschichte des reformierten Protestantismus, stellt den niederländischen Theologen und Politiker Abraham Kuyper vor, der am 8. November 1920 starb.

Abraham Kuyper, Ideengeber einer christlichen Demokratie in reformierter Tradition, gilt als „eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten in der christlichen Geschichte des 19. Jahrhunderts“ – so Hugh McLeod in seiner bedeutenden globalen Christentumsgeschichte im Kapitel „Die Morgenröte der Demokratie“. Aber weder in den theologischen und kirchlichen Kontexten noch in den politikwissenschaftlichen Diskursen Deutschlands ist Kuyper aktuell präsent.

Nicht nur niederländischen Zeitgenossen galt Abraham Kuyper um 1900 als bedeutendster und bekanntester Niederländer. Er war eine europäische Gestalt von Format. Sein Biogramm liest sich fulminant: 1837 in einem konservativen Pfarrhaus geboren, erringt er mit dem Studium bereits einige akademische Erfolge. Der ersten Pfarrstelle im ländlichen Beesd mit beginnenden kirchlich-theologischen Profilierungen (seit 1863) folgt ein Pfarramt in der Großstadt Utrecht mit wachsender auch politischer Prominenz (seit 1867).

Schließlich wird Kuyper in Amsterdam (seit 1870) als Initiator einer kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Bewegung weithin bekannt, nicht nur als Pfarrer, Kirchenfunktionär und Theologe, sondern gerade auch durch die öffentliche Wirksamkeit als konfessioneller Journalist einer Tages- und Wochenzeitung, als politischer Fürsprecher für die gesellschaftliche Emanzipation breiter Bevölkerungsschichten, als spiritus rector einer Universitätsgründung (Vrije Universiteit Amsterdam 1880), als Parteigründer und Politiker, der nach mehreren Legislaturperioden in Parlamenten und Kabinetten bis auf den Stuhl des Premierministers der Niederlande gelangte (1901 – 1905). Auch nach der für ihn enttäuschenden Wahl 1905 blieb Kuyper eine wahrnehmbare öffentliche Person und wirkte politisch, gesellschaftlich und theologisch weit in die kommenden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein, vor allem in den Niederlanden und in den USA. Kuyper starb 1920.

Abraham Kuyper begann seine Karriere im kirchlichen Mainstream-Milieu, entwickelte sich dann aber rasch zu einem Gegner der vorherrschenden „modernen“ Theologie, wobei er besonders scharf gegen die Elitenherrschaft bürgerlicher Liberaler kämpfte, die in Gesellschaft, Staat und Kirche ihre Mehrheiten zu sichern verstanden. Weder im Staat noch in der Kirche gab es gleiche Wahlrechte; auf der einen Seite war die große Mehrheit der Bürger auf Grund des Zensuswahlrechts von politischer Partizipation ausgeschlossen, auf der anderen Seite waren Frauen auch in der Kirche nicht stimmberechtigt.

Ein Lautsprecher

Über Jahrzehnte ging der von Kuyper mit befeuerte Streit nicht zuletzt um die Frage konfessioneller Schulen, die von den liberalen Eliten verhindert werden sollten. Von kirchlich-gesellschaftlichen Opponenten für deren Arbeit gewonnen, entwickelte Kuyper eine Idealvorstellung der calvinistischen Niederlande und benutzte für die Mobilisierung großer Gruppen den Begriff der „kleinen Leute“ aus der Frühphase des niederländischen Calvinismus.

Kuyper verstand sich als deren Sprachrohr, oder besser: Lautsprecher. Einerseits verhalf er den bis dahin eher unpolitischen reformierten Christen zu politischer Partizipation und gesellschaftlicher Emanzipation, andererseits konnte er mit deren massiver Unterstützung eine einzigartige politische Karriere verfolgen. Kuypers „Antirevolutionäre Partei“ ist die erste moderne Partei der Niederlande. „Antirevolutionär“ war das Prinzip seiner ganzen Weltanschauung, sah er doch in der Französischen Revolution von 1789 eine verhängnisvolle Selbstermächtigung des Menschen, der ohne Gott sein Maß verlöre.

Kuyper ahnte bereits vor dem 20. Jahrhundert die Ambivalenzen der Aufklärung. Kuypers öffentliches Wirken hat Jeroen Koch, der eine kritische Biografie aus einer Außenperspektive verfasst hat, so pointiert: Wo Kuyper auftrat, gab es Krach. Kuyper trennte sich von frühen politischen Weggenossen, von Theologen, die dann doch seinen Vorstellungen nicht entsprachen; im politisch-gesellschaftlichen Diskurs suchte er zumeist grundsätzliche Differenzen auszumachen und konnte Auseinandersetzungen journalistisch flankiert eskalieren lassen.

Seine „Weltanschauung“ spitzte Kuyper zu, um sie selbstbewusst in einer von ihm geforderten und geförderten pluralen Demokratie vertreten zu können. Sein Œuvre ist umfassend, manches, wie etwa seine späte Staatslehre, ist wenig rezipiert, über Jahrzehnte hinweg hat er mit gedanklichen Modulen gearbeitet. Deshalb ist sein Gedankengebäude durchaus mit einer kleineren Schrift erfasst, nämlich mit den Stone lectures, die er 1898 in Princeton gehalten hat – Amerika war sein Sehnsuchtsort von Freiheit, Demokratie, Pluralität, Wettstreit von Weltanschauungen und der Begegnung von Menschen.

In diesen sechs Vorlesungen beschäftigte er sich mit dem Beitrag des Calvinismus zu den jeweils eigenständigen „Sphären“ Religion, Politik, Wissenschaft und Kunst. In einem zeittypisch erhöhten Ton zeigt er im großen historischen Entwicklungsbogen die modernisierende Kraft des Calvinismus auf. Wo der Calvinismus geherrscht habe, beginnend in Genf, dann in den Niederlanden, in England und schließlich in den USA, habe die Freiheit in allen Bereichen des Lebens gesiegt und zu großartigem Fortgang geführt.

Pflicht zum Handeln

Kuypers Gedankengang lässt sich, vom Kopf auf die Füße gestellt, etwa so zusammenfassen: Die Freiheit gelte für alle Menschen und umfasse die Pflicht zum Handeln. Freiheit des Denkens und Handelns finde ihre diese Prinzipien wahrende Form in der Demokratie, die keine Hierarchie kenne. Die Demokratie sei gekennzeichnet von Pluralität und einem Wettstreit der Meinungen. Dadurch sei die Souveränität im eigenen Lebenskreis der gesellschaftlichen Gruppen – später durchaus missverstanden als Begründung für die weltanschauliche „Versäulung“ der niederländischen Gesellschaft oder gar für die südafrikanische Apartheid – gesichert, die in den Sphären frei von Bevormundung auch des Staates und der Religionsinstitutionen agieren. Der Staat habe sich selbst zu begrenzen, da die Sphären über eine von Gott geschaffene Eigenwürde verfügten. Das ganze Leben, der ganze Kosmos sei von Gott geschaffen und deshalb auch der Ort seines bewahrenden Handelns. Die Idee der „allgemeinen Gnade“ weiß Gott auch in den Bezügen außerhalb der – christlichen – Religion erfahrbar am Werk: Um Gottes willen ist diese Welt kein verlorener Planet. Kuypers Gottesbild ist geprägt von einer absoluten Souveränität Gottes.

Kuyper argumentierte von der Grundlage der Souveränität Gottes hin zur Freiheit des Menschen, so wie es ganz ähnlich auch der späte Karl Barth tun sollte. Er ist geprägt vom konfessionstypischen „Aktivismus“ des reformierten Protestantismus, der die Welt gestalten will. Aber Kuyper war eben so wenig wie etwa Karl Barth der Orthodoxe, für den ihn manche Zeitgenossen und manche späten Verehrer gerne hielten.

Kuyper war vielmehr ein Transformer und Reformulierer reformierter Freiheitstraditionen, wie der nordamerikanische Rechtshistoriker John Witte in seinem Werk Reformation der Rechte ausführt. Trotz seiner anti-aufklärerischen und anti-liberalen Attitüden, die historisch verstanden ohnehin emanzipativ gegen verhärtete Machtstrukturen intendiert waren, erscheint Kuyper in manchem moderner als Moderne und liberaler als Liberale.

Der Gottesgedanke ist für ihn der Garant dafür, dass weder Ideologen noch der Staat die Herrschaft über Menschen erlangen dürfen. Der Calvinismus, so Kuyper, verstehe alle Menschen gleich unmittelbar zu Gott und Gott gleich allen Menschen gegenüber. Daraus folge einerseits, dass es keiner vermittelnden Instanz bedürfe, und andererseits, dass alle Menschen als gleich anzusehen seien. „Aus diesem Grund verurteilt der Calvinismus nicht nur alle Sklaverei und Kasteneinteilung, sondern ebenso entschieden alle verdeckte Sklaverei der Frau und der Armen, richtet sich gegen alle Hierarchie unter Menschen ... Darum musste der Calvinismus konsequent in der demokratischen Auffassung des Lebens seinen Ausdruck finden, musste die Freiheit der Völker proklamieren und konnte nicht ruhen, ehe von Obrigkeits wegen und im gesellschaftlichen Leben jeder, der Mensch war, nur weil er Mensch war, d.h. als Geschöpf, nach dem Bilde Gottes erschaffen, geehrt, gezählt und gerechnet wurde.“

Während in den Niederlanden, in den USA, in Südafrika und anderswo Kuyper rezipiert wurde, fand seine Weltanschauung in Deutschland kaum Beachtung. Zum einen beherrschten nur wenige die niederländische Sprache; nur wenige Schriften, aber immerhin die Stone lectures, wurden ins Deutsche übersetzt. Zum anderen gab es Übertragungsfehler. Bei „Volk“ denkt Kuyper beispielsweise nicht an eine eigenständige schöpfungstheologische Entität wie im deutschen „Nationalprotestantismus“, sondern vor allem an die „kleinen Leute“, die um politische Teilhabe streiten.

Vergällte Freiheit

Deutsche Reformierte orientierten sich spätestens ab 1930 stark an Karl Barth, dessen frühe Sympathien für Kuyper sie nicht wahrnahmen, sondern ihm folgten, als niederländische, deutsche und Schweizer Kuyper-Anhänger ihm diesen Theologen der Freiheit vergällten. Erst später sollte dann auch Barth pointiert vom Zusammenhang der Souveränität Gottes und der Freiheit des Menschen sprechen.

In der zurückliegenden Generation kam es zu einer deutlichen Verschiebung in der Rezeption von Kuypers Erbe. Wurde das Jubiläum zum 150. Geburtstag Kuypers 1987 noch nahezu ausschließlich von einem kleiner werdenden Kreis getreuer Adepten begangen, fasste man 1998 zum 100. Jubiläum der Stone lectures auch innerhalb der Kuyper-Szene den Mut, sich Kuyper kritisch zu nähern und produktiv weiterzudenken. In vom niederländischen Calvinismus mitgeprägten Südafrika eigneten sich Befreiungstheologen den vermeintlichen „Apartheidstheologen“ Kuyper an. Allan Boesak bekannte von sich: „I am a spiritual child of the Abraham Kuyper who was clear that ‘as a man I stand, free and bold, over against the most powerful of my fellow men … in the sphere of the state I do not yield or bow to anyone who is a man, as I am.’” In den USA waren und sind es nicht zuletzt Repräsentanten einer public theology, die in Kuyper einen ihrer frühen Vorgänger sehen. Max Stackhouse gab seinen Studierenden mit: „Wer Gott loben will, muss Karl Barth lesen. Aber wer als Christ in dieser Welt handeln will, lese Abraham Kuyper.“ Ein ganzes Milieu und unterschwellig auch Teile der nordamerikanischen Gesellschaft sind von diesem Gedankengut frommen Freiheitspathos’ geprägt, wie die Liste der Träger und Trägerinnen des „Kuyper-Prize“ zeigt, wo etwa die grandiose Schriftstellerin Marilynne Robinson neben christlichen Menschenrechtsaktivisten zu finden ist.

Die bisherigen Aktivitäten zum Kuyper-Jahr 2020 leiden wie so Vieles unter den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Weltweit mussten Konferenzen abgesagt werden. Ein im September in Göttingen stattgefundener Studientag stellte da schon eine Ausnahme dar. Gerade für deutsche Kontexte, wo Kuyper kaum studiert wurde, gilt, dass man mit Kritik und mit einem Verweis auf offenkundige Fehler von wenigen späteren Kuyperianern schnell bei der Hand ist und man sich diese Figur von historischem Format eher auf Distanz halten will, nämlich den theopolitischen Akteur, der früher als die meisten evangelischen Theologen ein überzeugter Demokrat und Republikaner gewesen ist und die staatliche Machtpolitik wie auch das Recht des Stärkeren verabscheute. Kuyper erinnert den protes-tantischen Mainstream seiner Zeit wie in der Gegenwart daran, dass Theologie auch anders in gesellschaftlichen Bezügen gedacht werden kann.

Befreiungstheologische Relektüren

Wer nun wird das Kuyper-Bild der Zukunft malen? Gewiss weniger die Kuyper-Orthodoxen als diejenigen, die befreiungstheologische Relektüren wagen. Jeroen Kochs kritische Biografie hat Kuyper den gruppenidentifikatorischen Fängen von orthodoxen Kuyperianern entwunden und hat dadurch bleibende Verdienste. Rechtzeitig zum diesjährigen Jubiläum ist in den Niederlanden mit Johan Snels Buch Die sieben Leben des Abraham Kuyper („De zeven levens van Abraham Kuyper“) eine frische Relektüre gewagt worden. Er malt Kuyper als schillernde, umfassend gebildete Figur, der es um Emanzipation und Befreiung der Menschen und um den offenen Diskurs gegangen sei. Kuyper sei ein Ur-Demokrat gewesen. Von ihm ist in Kirche und Gesellschaft in für die Demokratie schwierigen Zeiten durchaus zu lernen.

Literatur:

Jeroen Koch: Abraham Kuyper. Een biografie, Amsterdam 2006.

James D. Bratt: Abraham Kuyper. Modern Calvinist, Christian Democrat. Grand Rapids/M. 2013.

Hans-Georg Ulrichs: Abraham Kuyper als Ideologe des Calvinismus – neu gelesen, Bielefeld 2019.

Johan Snel: De zeven levens van Abraham Kuyper, Portret van een ongrijpbaar staatsman, Amsterdam 2020.

Im Frühjahr 2021 erscheinen Abraham Kuypers Stone lectures unter dem Titel Calvinismus neu ediert bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen.

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