Wie lange noch?

Rom verbietet wiederum gemeinsames Abendmahl
Foto: Rolf Zöllner

Bald sechzig Jahre ist es her, dass Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil einberief, jenes Treffen voller Hoffnung, das von 1962 – 1965 die römisch-katholische Weltkirche wirklich reformieren wollte: Sie sollte ankommen bei den Menschen in ihrer heutigen Lebenswirklichkeit. Ein Konzil, auf dem damals junge Theologen wie Joseph Ratzinger und Hans Küng beide noch als progressiv galten.

Es gab Reformen, wenn auch zunächst nur liturgische, und bis Mitte der 1970er-Jahre wuchs allerorten das Gefühl: „Es geht weiter, das ist erst der Anfang, bald wird beispielsweise der Zölibat fallen.“ So hörte es jedenfalls der Autor dieser Zeilen Mitte der 1980er-Jahre von einem charismatischen Priester, der jedoch schon damals nach einigen Jahren Pontifikat des konservativen Papstes Johannes Pauls II. erkennen musste: „Wir haben uns getäuscht.“

Seitdem sind wieder mehr als drei Jahrzehnte vergangen: Auf 26 Jahre Johannes Paul folgten acht Jahre Benedikt, und seit 2013, seit sieben Jahren, ist nun Papst Franziskus im Amt. Ein Papst, der – so die Legende – mit den Worten „Der Karneval ist vorbei“ von Anfang an gegen das überkommene vatikanische Hofzeremoniell stritt und der mit Einfachheit, Bescheidenheit und Charisma viele Menschen in seinen Bann zieht. „Nun aber muss sich doch endlich etwas bewegen“, dachten viele. Doch es geschah und geschieht … nichts. Jedenfalls nichts, was die seit dem Zweiten Vatikanum geweckte Sehnsucht des ökumenisch engagierten und sich zunehmend religiös autonom-selbstbewusst verstehenden Teils des katholischen Kirchenvolks – zum Beispiel in Deutschland – ernsthaft stillen könnte.

Jüngster Tiefpunkt: Die schroffe Ablehnung der geplanten einmaligen eucharistischen Gastfreundschaft beim Ökumenischen Kirchentag (ÖRK) 2021 und des bereits im Frühjahr veröffentlichten Papiers des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen seitens der römischen Glaubenskongregation. Dass sich die Verantwortlichen des ÖRK davon unbeeindruckt zeigen, ist löblich. Aber wie soll es weitergehen mit dem Katholizismus in Deutschland? Horst Hirschler, ehemals Leitender Bischof der deutschen Lutheraner, schrieb Ende 2017 in zeitzeichen 2017/11: „(K)atholischerseits herrscht immer noch eine Substanz-ontologie, während wir seit Luther eine durchs Wort geprägte ,relationale Ontologie‘ haben.“ Dieser Gegensatz müsse aufs Sorgfältigste bedacht werden, denn „wir benutzen dieselben Begriffe und meinen eine ganz andere Wirklichkeit damit.“

In jüngster Zeit sind in Deutschland mit dem Synodalen Weg und Maria 2.0 reformhungrige Institutionen und Bewegungen entstanden. Doch was genau wollen sie erreichen, wenn der deutsche Episkopat in Gänze zu wirklichen Änderungen nicht bereit scheint und, selbst wenn es anders wäre, sowieso das „Njet“ aus Rom folgte? Zudem verdichtet sich der Eindruck, dass der von Hirschler 2017 pointierte Gegensatz im kirchlichen Seinsverständnis zunehmend auch diese katholischen Reformaktivisten von der Glaubenskongregation und vom Papst trennt. So drängt sich dem interessierten und engagierten Beobachter die Frage auf: Wie lange wollen die Reformhungrigen noch in, mit und unter römischem Primat verharren?

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