Systemrelevanz und Resonanzkrise

Warum wir der Resignation in der Kirche nur mit Innovation begegnen können
Stiftskirche Stuttgart
Foto: picture alliance/blickwinkel

Der vermeintliche Verlust der Systemrelevanz der Kirchen ist weiterhin ein Thema innerkirchlichen Debatten. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hält diese Fragestellung jedoch für falsch, konstatiert für die Kirche aber eine Resonanzkrise. Wie könnte diese gelöst werden?

Sind die Kirchen noch systemrelevant? Dieser Frage wird gegenwärtig so viel Bedeutung beigemessen, weil „Systemrelevanz“ als der „neue Wertmaßstab im gesellschaftlichen Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung“ gilt, wie Ulrich Körtner im Juni in Christ und Welt formulierte. Ein Mangel an Systemrelevanz wird deshalb mit einem Bedeutungsverlust der Kirchen gleichgesetzt. Bei dieser Diagnose bleibt allerdings vollkommen unberücksichtigt, seit wann man die Bedeutung der Kirchen am Maßstab der Systemrelevanz abliest und was mit diesem Maßstab überhaupt gemeint ist.

1. Falsche Debatte um Systemrelevanz 

Es handelt sich um einen Begriff aus dem angloamerikanischem Sprachraum, der beim Transport in deutsche Zusammenhänge merkwürdig übersetzt wurde. Der zu Grunde liegende englische Ausdruck heißt: „systematically important“, zu Deutsch „für das System wichtig“. Das ist etwas ganz anderes als „systemrelevant“. Wichtig sind Organisationen oder Akteure, ohne die das System im Ganzen zusammenzubrechen droht. Relevant sind Organisationen und Akteure, die zum System einen bedeutenden Beitrag leisten.

Mit dem System war zunächst das wirtschaftliche System gemeint; das Gewicht eines Teilnehmers an diesem System wurde dann als hoch bewertet, wenn der Kollaps dieses einzelnen Teilnehmers das ganze System gefährdete. Als „systematically important“ galten also diejenigen Marktteilnehmer, deren Zusammenbruch das ganze System nach sich zu ziehen drohte.

Über Amerika hinaus gebräuchlich wurde der Ausdruck durch die Finanzmarktkrise der Jahre 2007 bis 2009. Der Begriff wurde in Deutschland nicht nur problematisch übersetzt, sondern darüber hinaus rechtlich verankert. Wer in einer Finanzmarktkrise „systemrelevant“ ist, wird zwischen der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht – BaFin – und der Bundesbank einvernehmlich festgestellt.

Mit der Covid-19-Pandemie trat eine neue Verwendungsweise dieses Ausdrucks in den Vordergrund. Den Ausgangspunkt bildet die im Jahr 2009 begonnene Identifizierung kritischer Infrastrukturen (KRITIS). Bei ihnen handelt es sich nach der offiziellen Regierungsdefinition um „Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“.

Gebäude ja, Gottesdienste nicht

In Deutschland werden Organisationen und Einrichtungen aus den Bereichen Energieversorgung, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung sowie Medien und Kultur zur Kritischen Infrastruktur gezählt. Die relevantesten Veränderungen der vergangenen Jahre bestanden darin, dass man den Bereich Versorgung in die drei Bereiche Gesundheit, Wasser und Ernährung aufteilte sowie Medien und Kultur neu einführte. Damit werden neben dem zur Krisenkommunikation unentbehrlichen Rundfunk und der Presse auch wichtiges Kulturgut und symbolträchtige Bauwerke als Kritische Infrastruktur ausgewiesen. Symbolträchtige Kirchen sowie die gesundheitsrelevanten Leistungen der Diakonie können nach den geschilderten Vorgaben zur Kritischen Infrastruktur gerechnet werden. Besonders auffällig ist, dass in diesen Zusammenhängen von Bildung und Wissenschaft nicht die Rede ist, von Gottesdienst und Seelsorge aber auch nicht.

Die im kirchlichen Kontext üblich gewordene Aussage, die Kirchen seien „nicht mehr“ systemrelevant, läuft im Blick auf Herkunft und Verlauf der Debatte über Systemrelevanz vollständig ins Leere. Zwar weichen die zugänglichen Listen bei der Beschreibung der Branchen und ihrer besonders unentbehrlichen Tätigkeiten im Einzelnen voneinander ab. Aber eine Liste, in der die Kirchen zu den systemrelevanten Bereichen gehört haben und aus der sie entfernt wurden, gibt es nicht. Die These, seit der Corona-Krise gehörten die Kirchen nicht mehr zum systemrelevanten Bereich, ist deshalb ein Beispiel für die protestantische Neigung zur Selbstverzwergung, die zu Unrecht von manchen sogar als Ausdruck christlicher Demut angesehen wird; es handelt sich jedoch eher um ein Beispiel für christlichen Masochismus.

Darüber hinaus ist es sehr fraglich, ob die Kirchen gut beraten wären, wenn sie ihre gesellschaftliche Unentbehrlichkeit dadurch unter Beweis stellen wollten, dass sie für ihre Zugehörigkeit zur „Kritischen Infrastruktur“ ins Gefecht zögen. Die Verkündigung des Evangeliums und die Seelsorge sind keine „Kritische Infrastruktur“. Bei ihnen geht es um die Freiheit für Religion und Glauben. Das war auch der Maßstab, an dem sich das Bundesverfassungsgericht bei seiner Entscheidung vom 10. April, dem Karfreitag des Jahres 2020, orientierte. Die Erfordernisse der Gesundheitsvorsorge wurden gegen die Glaubens- und Religionsfreiheit abgewogen. Das Bundesverfassungsgericht unterstrich dabei den hohen Rang, der diesem Grundrecht zukommt. Die Freiheit von Religion und Glauben gehört zu den Menschenrechten, weil es dabei um grundlegende Fragen des menschlichen Lebens geht. Diese Freiheit wird deshalb geschützt, weil es um die Existenz des Menschen geht. Aus einer theologischen Perspektive gesagt: Das Evangelium ist nicht systemrelevant, sondern existenzrelevant. Dass es Glaube, Liebe und Hoffnung weckt, geschieht nicht um des Systems, sondern um der Menschen willen. Dass sie zuversichtlich leben und getröstet sterben, dass sie in Krisen und Katastrophen nicht verzagen, sondern in ihnen Mahnungen Gottes zur Gewissensprüfung und zum Neubeginn sehen, darauf kommt es an.

Es wäre besser, wenn in unserer Kirche weniger über Systemrelevanz räsoniert und mehr über die Lebensrelevanz des christlichen Glaubens gesprochen und diese erfahrbar gemacht würde. Denn die Kirche Jesu Christi ist nicht eine gesellschaftliche Organisation, die für das Funktionieren des Systems unentbehrlich ist, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die durch die Botschaft des Evangeliums, die Feier der Sakramente und wechselseitigen Beistand Glauben weckt, Hoffnung stärkt und zur Liebe ermutigt.

2. Kirche in der Resonanzkrise

Näher als die Diagnose eines Verlusts an Systemrelevanz liegt es, der Kirche eine Resonanzkrise zu bescheinigen. Nun ist es ungewohnt, das gegenwärtige kirchliche Krisenbewusstsein auf den Begriff der Resonanzkrise zu bringen. Viel vertrauter ist es nach wie vor, den Verlust der Kirche an Mitgliedschaft und öffentlicher Aufmerksamkeit als ein Phänomen der Säkularisierung zu verstehen. Säkularisierung wird dabei begriffen als ein Prozess, in dem Religion an Bedeutung für das persönliche wie öffentliche Leben verliert.

Gegen diese Vorstellung spricht allerdings die Tatsache, dass der Anteil der religiös gebundenen Menschen an der Weltbevölkerung steigt, während der Anteil der religiös nicht gebundenen Menschen, global betrachtet, sinkt.

Nach Prognosen des Pew Research Center wird der Anteil der Religionslosen weltweit bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts von 16 auf 13 Prozent zurückgehen. Für Deutschland rechnet man gegenwärtig mit einem Anteil religiös nicht gebundener Menschen von 35 bis 40 Prozent; es ist möglich, dass dieser Anteil bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts weiter steigt.

Weltweit betrachtet sind Christentum und Islam die beiden größten Religionen; die Zahl ihrer Anhänger wächst. Insbesondere wegen der aktuell höheren Geburtenrate seiner Angehörigen gilt das für den Islam stärker als für das Christentum; für die Mitte des Jahrhunderts wird mit 2,92 Milliarden Christen und mit 2,75 Milliarden Muslimen auf der Erde gerechnet. Auch in europäischen Ländern wird der Anteil der Muslime bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich steigen, in Deutschland wird ein Anstieg von fünf auf zehn Prozent der Bevölkerung erwartet. Nicht nur in globaler Perspektive, sondern auch im Blick auf die deutsche Situation beschreibt der Begriff der „säkularen Gesellschaft“ die religiöse und weltanschauliche Situation nicht zutreffend. Angemessener ist es, von einer „religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft“ zu sprechen.

Die Krise, in der unsere Kirchen sich gegenwärtig befinden, soll durch den Widerspruch gegen die These von der „säkularen Gesellschaft“ und vom „säkularen Zeitalter“ keineswegs bagatellisiert werden. Ich interpretiere sie jedoch nicht als eine „Säkularisierungskrise“, sondern als eine „Resonanzkrise“.

Aggressiver Zugriff

Der Theologe Gerd Theißen spricht sich schon seit vielen Jahren für eine Resonanztheologie aus und hat gerade wichtige Arbeiten dazu in einem Buch zusammengefasst. Auf andere Weise hat der Soziologe Hartmut Rosa hat den Begriff der Resonanz neu ins Spiel gebracht. Er unterscheidet zwischen einem Weltverhältnis des Menschen, das durch den Anspruch des Verfügens bestimmt ist, und einem anderen Weltverhältnis, das durch wechselseitige Bezogenheit und Resonanz geprägt ist. Der Modus des Verfügens hat in der Neuzeit einen ungeahnten Siegeszug davongetragen. Die großartigen Erfolge von wissenschaftlichem Fortschritt, technischen Innovationen und Wohlstandsentwicklung sind dadurch geprägt. Gleichwohl ist es problematisch, wenn der mit diesen Erfolgen verbundene aggressive Zugriff auf die Welt als einziger Modus des Weltverhältnisses angesehen wird. Denn dann werden auch Lebenszusammenhänge, die nicht in dieses Muster passen, ihm untergeordnet.

Religion und Glaube sind ein Bereich, für den diese Unterordnung besonders beunruhigende Konsequenzen haben kann. Denn dann werden auch Glaubensgemeinschaften nur noch unter dem Gesichtspunkt betrachtet, was sie bewirken, und nicht danach, was sie bezeugen. Ein Schiff auf dem Mittelmeer wird dann für ein ganzes Jahr zum Inbegriff wirksamen kirchlichen Handelns in Deutschland, hinter dem die Gottesdienste in 13.552 evangelischen Gemeinden im öffentlichen Bewusstsein ins Bedeutungslose versinken. Der Unterschied zwischen bewirkendem und darstellendem Handeln, von dem aus Friedrich Schleiermacher, der evangelische Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, sein Verständnis des kirchlichen Handelns entwickelt hat, verschwindet.

Vom Modus des Verfügens und Bewirken unterscheidet Hartmut Rosa eine Weltbeziehung, die davon ausgeht, dass Mensch und Welt von vornherein miteinander verbunden und aufeinander bezogen sind. Menschen sind antwortende Wesen nicht nur in ihrem Verhältnis zu anderen Menschen, sondern auch zu der Welt, in der sie leben, und zu Gott, in dem sich der Sinn des Ganzen für sie erschließt. Ja, antwortende Wesen sind sie sogar im Verhältnis zu sich selbst. Denn von anderen Lebewesen unterscheiden wir Menschen uns dadurch, dass wir auch uns selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet sind. Das Gewissen, die Seele, das Selbst: in solchen Ausdrücken kommt zur Geltung, dass wir ebenso wie zu anderen auch zu uns selbst in Beziehung stehen. Wir verfügen nicht nur über die Welt, in der wir leben, sondern wir lassen uns von ihr berühren. Sie spricht uns an, wie das aufgehende Licht eines neuen Tages oder der weite Horizont nach dem Besteigen eines Bergs. Darauf antworten wir, indem wir zu dieser Weltbeziehung selbst gestaltend beitragen, was uns möglich ist: durch Wahrnehmung und sinnvolles Tun, durch Aufmerksamkeit für unsere Mitmenschen wie für uns selbst. Wenn das, was wir wahrnehmen und das, was wir bewirken, uns selbst verändert, dann spüren wir etwas von der wechselseitigen Verbundenheit mit der Welt, mit anderen Menschen, mit Gott.

Moment des Unverfügbaren

Die Resonanz als Weltverhältnis trägt ein Moment des Unverfügbaren in sich. Das können wir an jedem Tag spüren, den wir aufmerksam erleben. Er verläuft nie genau so, wie wir ihn zu Tagesbeginn geplant haben. Es geschieht immer etwas Unerwartetes, womit wir nicht gerechnet haben. Denn jeder Tag ist mit seinem Beginn ein Stück Zukunft; an jedem Tag erleben wir, dass die Zukunft ein Raum der Unverfügbarkeit ist. Wir erleben im Kleinen wie im Großen die Ambivalenz dieser Unverfügbarkeit: unerwartetes Glück und unerwartete Bedrohungen liegen dicht beieinander.

Wir begehen in diesem Jahr das dreißigjährige Jubiläum der deutschen Einheit, das größte kollektive Glück, das unseren Generationen widerfahren ist; wir begehen es jedoch ganz anders als geplant, weil eine Pandemie uns im Bann hält, mit der niemand rechnen konnte. Im einen wie im anderen Fall ist es unsere Aufgabe, die Unverfügbarkeit anzunehmen, mit Gottvertrauen auf sie zuzugehen und sie als Herausforderung zu verantwortlichem Handeln wahrzunehmen.

Ein so beschriebenes Weltverhältnis der Resonanz kann nicht vom Einzelnen aufgebaut werden kann. Nur mit anderen zusammen können wir in der Welt heimisch werden, sie wahrnehmen, auf sie einwirken und darin Veränderungen erfahren. Doch die Institutionen, in denen wir diese Gemeinschaftlichkeit erfahren und dadurch in unserer Lebenswelt heimisch werden, kommen ihrer Aufgabe oft nur noch bruchstückhaft nach. Das ist nicht nur ein Problem der Kirchen.

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stadler schreibt in seinem 2016 veröffentlichten Buch über die „Kultur der Digitalität“: „Sich als einzelner in einer komplexen Umwelt zu orientieren ist unmöglich. Bedeutung wie auch Handlungsfähigkeit können nur im Austausch mit anderen entstehen, sich festigen und wandeln. (…) Seit bald fünfzig Jahren lässt sich beobachten, dass die traditionellen, das heißt hierarchisch-bürokratisch organisierten zivilgesellschaftlichen Institutionen wie etablierte Kirchen, Gewerkschaften, politische Parteien und Vereine aller Art kontinuierlich Mitglieder verlieren. Parallel dazu geht die Verbindlichkeit der von ihnen geprägten Identitäten, Familienbilder und Lebensläufe zurück.“

Atomisierung der Gesellschaft

In diesen Zusammenhang rückt Stadler im Anschluss an Ulrich Beck den Prozess der Individualisierung, der den einzelnen dazu nötigt, selbst zum Handlungszentrum und Planungsbüro des eigenen Lebenslaufs zu werden – mit der Folge, dass er sich auch alle Unverfügbarkeiten, die ihm auf diesem Weg begegnen, selbst zurechnen muss. Eine politische Konzeption, die Selbstbestimmung zur Selbstverantwortung steigert (wofür häufig der Begriff des Neoliberalismus verwendet wird) verstärkt die Individualisierung und Atomisierung der Gesellschaft.

Das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Gruppen und Schichten mag sich für die Kirche als eine Herausforderung erweisen, die weiter und tiefer reicht als die Herausforderung, die üblicherweise mit dem Begriff der Säkularisierung beschrieben wird. Die statische Homogenität ihrer Organisationsform und das Leitbild einer homogenen Vereinskirche, das auf den Voraussetzungen einer stratifizierten Gesellschaft aufruht, steht in Spannung zu den Erfordernissen kirchlichen Handelns in einer funktional differenzierten Gesellschaft, in der nicht mehr das Wohnen in einem Dorf oder einem Stadtbezirk der örtliche Bezugspunkt aller grundlegenden Lebensvollzüge ist.

Die neuen Herausforderungen stehen also nicht im Widerspruch zu der Einsicht, dass christlich gebundene Menschen eine „Ortsgemeinde“ brauchen. Es geht vielmehr darum, ob diese Ortsgemeinde jeweils an den eigenen Wohnort gebunden ist und ob die verschiedenen Gemeinden sich in Profil und Programm möglichst ähnlich sein sollen. Könnte es nicht neben parochial organisierten Ortsgemeinden auch Netzwerkgemeinden geben, denen Menschen aus unterschiedlichen Wohngebieten auf Zeit oder Dauer angehören, und darüber hinaus Profilgemeinden, die durch diakonische, kulturelle oder andere Schwerpunkte geprägt sind?

Die 13.552 evangelischen Kirchengemeinden in Deutschland, die11.874 teilstationären und 7.067 stationären Einrichtungen der evangelischen Diakonie sowie die vielen kirchlichen und kirchennahen Einrichtungen und Initiativen sind die Orte und Organisationen, an denen und mit denen die evangelische Kirche in Deutschland handelt. 

Es ist abwegig sich vorzustellen, dass es für all diese Einrichtungen oder auch nur für einen Teil von ihnen den Masterplan für ihre Weiterentwicklung geben könnte. Aber es ist wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die Verbindung der Menschen zur Kirche – oft auch derer, die gar nicht zur Kirche gehören – ortsgebunden und personengebunden sind. Pfarrerinnen und Pfarrer am Ort, die Kirche als dessen Zentrum auch für die, die gar nicht zur Kirche gehören, das bleibt genauso ein Haftpunkt wie die Diakonie in kirchlichen Regionen und diakonischen Unternehmen für viele ein Zeichen dafür sind, dass Glaube, Hoffnung und Liebe zusammengehören. Doch es wäre darüber hinaus gut, wenn es einen verbindenden Geist, vereinbarte Ziele und verbindliche Maßstäbe guter Praxis gäbe. Dies kann allerdings gerade nicht in den starren Verfahrensformen einer hierarchisch-bürokratischen Institution vonstattengehen, sondern ist auf Beweglichkeit in den Handlungsformen bei Pluralität der Angebote und Klarheit in den Grundsätzen angewiesen.

3.Wege aus der Krise

In den Diskussionen dieser Tage über den künftigen Weg der Kirche werden immer wieder zwei Formeln über die Kirche gegenübergestellt: Die eine heißt: Wandel als Prinzip. Die andere: Veränderung ist schwer. Wie passen sie zusammen?

Zunächst bestreite ich die These „Wandel als Prinzip“. Man vermutet, das sei eine Umformung eines reformatorischen Grundsatzes: Ecclesia semper reformanda. Doch wer diese These von der ständig zu reformierenden Kirche in den Schriften der Reformationszeit finden will, sucht vergeblich. Diese Formel wurde erst durch Karl Barth geprägt und ihm folgend durch Hans Küng populär gemacht wurde. Und im Sinn der Reformatoren kann von einer permanenten Reformation der Kirche nur dann die Rede sein kann, wenn wir Gott durch Christus im Geist als den Reformator der Kirche ansehen und uns nicht einbilden, wir seien zu einer permanenten Reform der Kirche berufen oder im Stande.

Diese Einsicht verhilft auch zu einem nüchternen Umgang mit dem anderen Satz: Veränderung ist schwer. Wir Menschen sind darauf angewiesen, uns in unserer Welt zurechtzufinden. Das gilt auch für den Glauben. Diejenigen, denen bestimmte Formen vertraut sind, wollen von ihnen nicht lassen; sie verbinden damit ein Heimatgefühl. Das schließt jedoch nicht aus, dass sich dieses Heimatgefühl für neu Hinzukommende nicht recht erschließen will. Sie sind eher in der Lage des äthiopischen Kämmerers, der auf der Rückreise aus Jerusalem in frisch erworbenen Bibeltexten liest und vom Apostel Philippus gefragt wird: „Verstehst Du auch, was Du liest?“ Der Kämmerer antwortet bekanntlich: „Wie kann ich, wenn mich niemand anleitet?“ Wer leitet heute die Kirchenungeübten zur Freude am Gottesdienst an? Das würde ja voraussetzen, dass sie zum Gottesdienst eingeladen werden und als Newcomer willkommen geheißen werden. Zwar lebe ich in einer weltoffenen Stadt. Aber dergleichen erlebe ich selten.

Gottesdienst im Zentrum

Aus einem doppelten Grund sollte der Gottesdienst im Zentrum unserer Reformbemühungen stehen. Zum einen deshalb, weil in ihm erfahren wird, wie Gott uns dient, unser Leben erneuert, uns von unserem Kleinglauben befreit, uns resonanzfähig macht für die Welt, in der wir leben. Zum andern deshalb, weil dadurch in den hektischen Veränderungsdruck unserer Zeit ein gelassenes Element Eingang findet: Bewahrung und Wandlung gehören zusammen; sie sind nicht gegeneinander auszuspielen.

Deshalb muss auch zuallererst im Gottesdienst erkennbar werden, aus welchem Geist heraus wir unsere Kirche gestalten, bewahren und erneuern wollen – aus einem Geist der Resignation oder der Innovation.

Der ursprünglich militärische Begriff der Resignation besagt, dass wir die Feldzeichen zurücksetzen, uns in einem kleiner gewordenen Geviert mehr oder weniger gemütlich einrichten, bis dieses Geviert noch kleiner geworden ist, was weitere Rückzugsmanöver nach sich zieht.

Ich sehe einen solchen resignativen Ton dort, wo die Debatte über die Mitgliederzahlen das kirchliche Selbstbild prägt. Dann rücken nicht die Aufgaben ins Zentrum, um derentwillen es die Kirche gibt: die Weitergabe des Evangeliums an die nächste Generation, der Beistand für Menschen in Einsamkeit, Trauer und Not, die Beiträge dazu, dass Menschen zuversichtlich leben und getröstet sterben. Bestimmend wird die Aufforderung, das Kleinwerden der Kirche zu akzeptieren, die öffentliche Wahrnehmbarkeit zu dosieren.

Der Resignation habe ich die Innovation gegenübergestellt. Der inzwischen auf die Entwicklung der Technik und deren wirtschaftliche Nutzung eingeengte Begriff der Innovation besagt auch, dass wir uns durch Gottes Geist erneuern lassen und dafür neue Formen und Initiativen nicht scheuen, sondern suchen.

Gerade in den ersten Wochen der Corona-Krise habe ich einen solchen Innovationsschub in unserer Kirche erlebt. In erstaunlicher Schnelligkeit hat ein großer Teil der Gemeinden, die von einem Tag auf den anderen ihre Sonntagsgottesdienste ausfallen lassen mussten, den Weg zu ihren Gemeindegliedern mit digitalen Mitteln gesucht. Sonntägliche Andachten wurden angeboten, die in ihrer konzentrierten Dichte, ihrer menschlichen Zuwendung und ihrer geistlichen Intensität überzeugten. Oft wurden diese geistlichen Angebote von mehr Menschen in Anspruch genommen, als regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst besuchen.

Gewiss gilt auch weiter, dass man das Abendmahl nicht digital zu sich nehmen kann und dass der Gottesdienst als „Präsenzveranstaltung“ durch nichts zu ersetzen ist. Doch ich habe während der Corona-Krise auch Gottesdienste als Präsenzveranstaltungen – unter konsequenter Beachtung der Hygiene-Vorschriften – erlebt, die durch geistliche Sammlung, Klarheit der Botschaft, sorgsamen Umgang mit der Zeit geprägt waren, wie ich mir das lange gewünscht hatte.

Was ich exemplarisch am Gottesdienst verdeutlicht habe, lässt sich, auch auf andere kirchliche Handlungsfelder übertragen. Die Ziele, an denen ich mich mit solchen Vorschlägen orientiere, will ich in leichter Abwandlung von Zielen formulieren, die wir im Jahr 2006 dem Impulspapier „Kirche der Freiheit“ vorangestellt haben. Ich halte die grundlegenden Überlegungen nach wie vor für richtig:

1. Die Kirche hat sich auf dem Weg in die Zukunft zwischen zwei Grundorientierungen zu entscheiden:

 – Beibehaltung der bisherigen Strukturen bei gleichmäßigem, vermeintlich gerechtem Abschmelzen der bisherigen Aktivitäten mit dem Resultat unsystematischer Fusionen und faktisch weißer Flächen in vielen Bereichen,

– oder aktive Umgestaltung und Neuorientierung der kirchlichen Arbeit mit einer bewussten Konzentration auf zukunftsverheißende Arbeitsgebiete und Möglichkeiten zu missionarischen Aufbrüchen.

2. Dabei sollte sie sich von vier Grundsätzen leiten lassen:

Geistliche Profilierung statt diffuser Angebote. Nicht alle Gemeinden müssen alles machen. Schwerpunktbildung ist wichtiger als breite Angebote von unterschiedlicher Resonanz und Qualität. Es muss geprüft werden, was sich bewährt und was ins Leere läuft. Ziele sind nötig, die der Überprüfung zugänglich sind.

Beweglichkeit in den Formen statt Klammern an Strukturen. Ein Konzept, das sich an den vorhandenen Gaben – den Charismen – orientiert, führt weiter als eines, das die vorgegebenen Strukturen zum Maßstab nimmt.

Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit. Auch in einer religiös pluralen Gesellschaft kann die Kirche sich nicht auf sich selbst zurückzuziehen. Sie bleibt Volkskirche im Sinn der Barmer Theologischen Erklärung: sie hat die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.

Gute Praxis steckt an. Der Qualität kirchlichen Handelns, einer entsprechenden Ausbildung, Schulung und Begleitung der Mitarbeiterschaft, aber ebenso der Inanspruchnahme, Förderung und Wertschätzung ehrenamtlichen Engagements gebührt hohe Aufmerksamkeit.

Eine Kirche, die auf diese Weise ihre Resonanz erhöht, verfolgt ein sinnvolleres Ziel, als wenn sie ihre Systemrelevanz einfordert. Denn nicht durch Systemrelevanz ist ihr Ort in der Öffentlichkeit bestimmt, sondern dadurch, dass sie der Freiheit des Glaubens Gestalt verleiht.
 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: Lena Uphoff

Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kirche"