Grüne Banken nicht nur im Park

Kirche und Klima: Wieviel Co2 verbraucht ein evangelischer Kredit?

Klimaschutz bei der Kreditvergabe ist kein weiterer Wohlfühlfaktor für Ökospießer, sondern ein wichtiger Hebel für eine zukunftsfähige Wirtschaft. Zumindest zwei Geldhäuser haben das begriffen, das eine davon ist evangelisch.

Eigentlich spricht man ja ungern über Fehler, die der eigenen Redaktion unterlaufen sind. Aber dieser hier ist schon so lange her, dass man ihn vielleicht nochmal erwähnen darf. Zumal er so gut zum Thema dieser Kolumne passt. Vor wirklich sehr langer Zeit wurde mal in einer zeitzeichen-Ausgabe die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt in einer Bildunterschrift versehentlich als „Evangelische Zentralbank“ bezeichnet. Möglicherweise war das die Freudsche Fehlleistung eines gestandenen Protestanten, der sich eine andere Finanzwelt wünscht. Dazu wäre die Europäische Zentralbank ja in der Tat ein sehr wirkmächtiger Hebel.

Das gilt übrigens auch für die anstehende Transformation der Wirtschaft zur Klimaneutralität, wie sie zum Glück trotz Corona-Pandemie noch immer Ziel der Europäischen Union und des angekündigten „Green Deal“ ist. EZB-Präsidentin Christine Lagarde scheint nun tatsächlich ernst zu machen mit der Ankündigung, den Klimaschutz stärker als bisher in der Arbeit der mächtigen Notenbank zu berücksichtigen. Etwa dann, wenn sie Unternehmensanleihen kauft, deren Zinsertrag an Nachhaltigkeitsziele geknüpft ist. Das tut die EZB bereits in kleinerem Umfang für die eigene Pensionsfonds, will das aber künftig auch im Rahmen ihrer sehr großen Kaufprogramme tun, mit denen sie gegen Wirtschaftskrisen kämpft. Für orthodoxe Notenbankbeobachter ist das ein weiterer problematischer Schritt zur Politisierung der EZB und ihrer Arbeit, wo sie doch eigentlich nur auf die Preisstabilität achten und Klimaschutz der Politik überlassen soll.  Andere, wie etwa der Würzbürger Wirtschaftsethiker Harald Bolsinger, der auch für die Stiftung Weltethos die Finanzwelt beobachtet, halten einen solchen Schritt hingegen für dringend geboten.  „Während für viele Schritte eines Green Deal in Europa zusätzliche Regulierung erforderlich ist, kann die EZB sofort beginnen. Damit würde das Goldene Kalb eines ethikblinden Eurosystems ein für alle Mal vom Sockel gestoßen!“, meint Bolsinger.

Nun ist es in der Wirtschaft nicht anders als in der Religion, über Bekenntnisfragen, und die Rolle der Notenbanken ist so eine, lässt sich schwerlich diskutieren. Aber dass die Frage, welche Form von Wirtschaft die Banken mit ihrem Geld finanzieren, für die anstehende große Transformation eine zentrale ist, dagegen lässt sich schwer argumentieren. Das gilt nicht nur für die Notenbanken dieser Welt, sondern auch für deutlich kleinere Häuser, etwa der Evangelischen Bank in Kassel, der größeren der beiden evangelischen Banken in Deutschland.

Diese hat sich nämlich ebenfalls eine umfassende Klimastrategie verordnet, die sie kürzlich vorgestellt hat. Dem grundsätzlichen Bekenntnis zu den Pariser Klimazielen folgend will die Bank zunächst die eigenen Treibhausgasemissionen senken. Klar, dass das für die gerade entstehende neue Gebäudezentrale gilt.  Aber auch für die Geldanlagen und Kredite sollen Klimaziele künftig eine wichtige Rolle spielen. Doch um zu reduzieren muss man zunächst wissen, wie groß der CO2-Abdruck der Kapitalanlagen und der mit Krediten der Bank finanzierten Projekte derzeit ist, was keine einfache Aufgabe darstellt. Ein entsprechendes Pilotprojekt zur Berechnung läuft. Ziel sei es, auf Grundlage der Klimabilanz die Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Evangelischen Bank signifikant zu reduzieren und ein Berichtswesen aufzubauen, das weltweit anerkannten Standards entspricht, informiert das kirchliche Geldhaus..

Konkret könnte dies zum Beispiel bedeuten, dass bei der Kreditvergabe für den Neubau oder die Renovierung eines Pflegeheims sehr genau darauf geachtet wird, wieviel Energie dort künftig gespart werden kann und welche Effizienzstandards erreicht werden. Sollte sich der Bauherr dann für die vermeindlich kostengünstigere aber klimaschädliche Variante entscheiden wollen, würde man „zielgruppenspezifische Argumente entwickeln“, sagte die für die Klimastrategie der Bank zuständige Direktorin Berenike Wiener auf Anfrage von „zeitzeichen“. Bedeutet: Wer Geld von der Bank haben will, darf den Klimaschutz nicht links liegen lassen.

Das alles mag bei einem Kreditvolumen von insgesamt derzeit gut 4,5 Milliarden Euro im Vergleich mit Großbanken nach „Peanuts“ klingen. Ist es aber nicht, weil man die Signalwirkung nicht unterschätzen darf. Berenike Wiener ist derzeit viel unterwegs, um die Klimastrategie anderen Vertretern der Branche vorzustellen. Sollte die Evangelische Bank also erfolgreich sein, könnte andere dem Beispiel folgen.

Fondsanbieter zum Beispiel, denn da gibt es noch Nachholbedarf. Knapp 270 Milliarden Euro hatten die Deutschen Ende 2019 in Fonds mit strengen Sozial-, Umwelt- und Gouvernance-Kriterien angelegt. Klingt viel, ist auch deutlich mehr als im Jahr zuvor, macht aber immer noch nur gut fünf Prozent des gesamten Anlagekapitals aus. 95 Prozent sind noch übrig, da ist also noch Luft nach oben. Ob man vielleicht doch mal über eine Evangelische Zentralbank nachdenken sollte?

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