Wappentier

Geistige Kurzstreckenflüge

Niklaus Peter, Pfarrer am Zürcher Fraumünster, hat ein Buch veröffentlicht, das vom tiefen und langen Atem des Geistes erfüllt ist, aber sich gerade deshalb nicht langatmig, sondern äußerst kurzweilig liest. Dass einem beim Lesen keine Minute langweilig wird, liegt zum einen an der bezaubernd luziden, auf das Wesentliche konzentrierten Sprache Niklaus Peters, zum anderen an der Kürze der ursprünglich als Kolumnen für Das Magazin, die auflagenstarke Samstagsbeilage einiger großer Schweizer Zeitungen, verfassten Texte. Wem also etwa beim Frühstück oder vor dem Einschlafen der lange Atem für Ausladenderes fehlt, dem sei der Griff zu den einladenden „Kürzestgeschichten“ dieses Büchleins empfohlen, das indes nicht weniger gravierend ist als manch brüllendere, auf weniger leisen Pfoten daherkommende theologische Publikation.

Womit wir mitten in der Tierwelt wären, die sich ja bereits im merkwürdigen Titel des Bändchens tummelt. Als ich es erstmals zur Hand nahm, fragte ich mich, was Maulwürfe in einem Buch zu suchen haben, dessen pointierte Texte über Gott und die Welt sich dem Verfasser zufolge als „kleine Erkundungsgänge, Aufbrüche und Ausbrüche in die Welt des Geistigen“ verstehen, „die zu geistigen Kurzstreckenflügen, aber auch zu Tauchgängen“ in Grundsätzliches, Biblisches, Disputables, Menschliches, Ethisches, Spezielles, Literarisches und Reflexives einladen.

Bereits die ersten und vollends die letzten Sätze meiner diesjährigen Pfingstlektüre öffneten mir dann aber die Augen dafür, was es mit dem blinden Maulwurf theologisch gesehen auf sich hat. Niklaus Peter nämlich zählt „nicht nur die friedlich herunterschwebende Taube zu den Wappentieren des Geistes, sondern auch den unterirdischen Maulwurf, dessen Tunnel und dessen Maul- und Einwürfe scheinbar Feststehendes ins Wackeln und Morsches zum Einsturz bringen.“ Weil der Geist – mit Jacob Burkhardts Worten und ganz im Sinne Georg Wilhelm Friedrich Hegels – ein Wühler ist, „müssen wir den Geist als einen Maulwurf denken, der unterirdisch seine Gänge gräbt, hier und dort intellektuelle Maulwurfshügel aufwirft und mit seinen Wühlgängen mitunter auch Fundamente unterhöhlt. Während man dem Geist in der biblischen Tradition nur die überirdische Taube als Symbol zugesellt hat, taucht mit dem unterirdischen Wühler ein zweites Wappentier“ der Untertunnelung des Autoritätsdenkens durch den Geist der Kritik auf, die so inspirierend wie wahrheitssüchtig und darin eben der weltbewegenden Kraft des Heiligen Geistes und im Übrigen auch guter Theologie verwandt ist. Letztere definiert Niklaus Peter im Geiste Karl Barths als „Instrumentalisierungsprophylaxe“, was jenen nicht deutlich genug zugerufen werden kann, die immer wieder dazu neigen, Theologie zur Selbst- oder Systembeweihräucherung zu funktionalisieren.

Niklaus Peters Maul- und Einwürfe dagegen sind – dem Maulwurf des Geistes sei Dank – subversiv und alles Andere als oberflächlich. Außerdem eröffnen sie erhellende Perspektivwechsel von Theologie zu Literatur und Kultur, von der Tier- zur Menschenwelt, vom Menschen zu Gott und zurück. Zweifellos verdankt sich die Fähigkeit zu solchen Perspektivwechseln dem Unterwegs- und Beheimatetsein eines geistesgegenwärtigen Theologen in vielerlei Denk- und Lebenswelten.

Der österreichische Literat Karl Kraus notierte einmal über eine schöne Frau: „Zur Vollkommenheit fehlte ihr nur ein Mangel.“ Was Niklaus Peters schönes Buch anbelangt, so sei dessen Mangel zum Ende nicht verschwiegen. Dass unter der Überschrift „Disputables“ ein Dialog zwischen Niklaus Peter und Ben Moore, Direktor des Zentrums für Theoretische Astrophysik und Kosmologie an der Universität Zürich, über Glaube und Naturwissenschaft in das Buch gelangt ist, wirkt ein wenig erratisch. Aber wer weiß – vielleicht entsteht aus dem Fremdkörper dieses Wortwechsels ja dereinst ein weiteres Buch, auf dessen geistige Sinnfäden ich jedenfalls genauso gespannt bin, wie ich mich an den feingesponnenen Wortnetzen dieser tiefschürfenden Aufbrüche aus der Welt des Alltäglichen gefreut habe.

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Foto: Johannes Minkus

Ralf Frisch

Ralf Frisch, Jahrgang 1968, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern.


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