„Die Kasualagentur bin ich“

Gedanken eines Schulpfarrers über eine EKD-Idee
Foto: Privat

Und da ist sie wieder, eine neue durchschlagende Idee aus der EKD-Blase: Die „Kasualagentur“ soll nach den Vorstellungen der Bischöfin der Nordkirche Kristina Kühnbaum-Schmidt „vor allem Menschen, die nicht am kirchlichen Leben teilnehmen, einen Zugang zu Taufen, Trauungen oder Trauerfeiern ermöglichen. „Viele Menschen suchen dafür nach geistlicher und spiritueller Begleitung, stoßen aber vor allem auf professionelle Angebote freier Redner oder sogenannter Ritualagenturen.““ Jetzt soll es die Kasualagentur richten. In der Tat, als ich vor fast 30 Jahren in Hamburg studierte gab es auch schon den findigen Bestattungsunternehmer, der die Beerdigungsrede gleich mit verkauft hat, auch wenn der Verstorbene Mitglied einer Kirche war. 500 DM – heute mindestens den gleichen Betrag in EURO – kann man ja mal mitnehmen. Möglicherweise waren damals die Kolleginnen und Kollegen ganz froh, wenn ihnen auf diese Art und Weise eine lästige Beerdigung abgenommen wurde. Aber die Entkirchlichung ist inzwischen weitergegangen. Immer mehr Menschen werden ohne das gemeinsame Sprechen des Vater Unsers beigesetzt. Bei Hochzeiten gehen mehr und mehr Paare dazu über, den „Hochzeitsbegleiter“ sorgfältig auszuwählen und das ist immer seltener ein/e Pfarrer/in. Mit klassischer pastoraler Arbeit hat das zunächst nichts mehr zu tun – vielleicht aber doch: Pfarrer/innen müssen eben einfach die besseren sein.

Doch die von der Nordbischöfin ins Spiel gebrachte Idee der Kasualagentur ist in Wirklichkeit nicht so neu,. Genau genommen ist die evangelische Kirche seit mindestens 100 Jahren – nehmen wir mal etwas gewollt das Ende des landesherrlichen Kirchenregimentes als terminus post quem – so etwas wie eine Kasualagentur. Meine gottselige Großmutter, vor noch nicht allzu langer Zeit mit fast 100 Jahren verstorben und bis zuletzt treue Kirchgängerin, verdeutlichte mir seit meiner Kindheit sehr eindrücklich, wofür Kirche da ist: Für die Taufe, die Konfirmation, die Trauung, zum Trost und für die Beerdigung. Stelle ich meinen fast erwachsenen Oberstufen- und Berufsschüler/innen die entsprechende Frage bekomme ich praktisch die gleiche Antwort, vielleicht mit der Abwandlung „wenn die Leute alt werden“, was aber nicht anders als die Trostbedüfigkeit reflektiert. Evangelische Kirche ist Kasualagentur – ob sie es will oder nicht.

Also mein Vorschlag: Nehmen wir doch grundsätzlich an, akzeptieren wird es, dass evangelische Kirche eine, nein die Kasualagentur ist. Feiern wir den Zuspruch und den Trost Gottes. Nutzen wir die „missionarischen Gelegenheiten“ die uns bieten. Erzählen wir von Gottes Liebe, auch wenn das Brautpaar vielleicht zur Taufe des ersten Kindes schon wieder in einer anderen Gemeinde wohnt und sie möglicherweise dort ihre Heimat gefunden hat, weil das Kirchengebäude so schön ist. Vermitteln wir den Menschen den Trost und die Hoffnung des Auferstanden, auch wenn die Hälfte der Zuhörer schon seit Jahrzehnten keine Kirche mehr betreten hat und ein Drittel sich vor der Kirchensteuerzahlung drückt. Sprechen wir dem Neugeborenen die Gemeinschaft der Christinnen und Christen zu, auch wenn ein Elternteil katholisch ist und der andere meint im Buddhismus sein Heil zu finden, sich aber für die evangelische Taufe entscheiden hat weil „alles seine Ordnung haben muss und die evangelische Kirche dann doch irgendwie freier ist“.

Kirche ist Kasualagentur - gestalten wir sie. Ob man dazu unbedingt Apps und Computerprogramm braucht, kann man diskutieren, doch nach wie vor ist viel wichtiger: Es braucht die Präsenz der Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir haben sie weiterhin flächendenkend, wenn auch mit abnehmender Tendenz. Es braucht Leidenschaft für die Sache Christi. Wir haben die lebensbejahende Botschaft.

Ich selbst bin seit fast eineinhalb Jahrzehnten sozusagen meine eigene Kasualagentur. Dies hat sich so ergeben und entsprang keiner Projektidee. Doch es funktioniert und ich nehme es gern an. Nach fast 10 Jahren Gemeindepfarramt hatte ich mich entschieden an ein Berufsschulzentrum zu wechseln. Hauptaufgabe: Religionsunterricht mit Schulseelsorge. Als „Nebenprodukt“ entwickelte sich das, was Frau Kühnbaum-Schmidt als „Kasualagentur“ unter die Leute bringen will. verpackt in der häufig seitens der Schülerinnen und Schüler etwas unsicher formulierten Anfrage „dürfen Sie eigentlich noch trauen?“. „Ja darf ich, kannst mich fragen, wenn es soweit ist, E-Mail-Adresse kennst du ja.…“ Eines Konzeptes bedurfte es dafür nicht, sondern des persönlichen Kontaktes, der Bereitschaft flexibel zu handeln und Kirche eben nicht allein von der Parochie zu denken. Inzwischen traue ich bis zu acht Paare im Jahr, taufe zehn Menschen, darunter sind auch immer herangewachsene Schülerinnen und Schüler und sogar Lehrerkollegen. Auch Beerdigungen kommen vor, mitunter (ehemalige) Schulkollegen. Aber auch Schülerinnen und Schüler fragen an, „können Sie meine Oma beerdigen?“ Was will man da sagen?! „Nein“ mit Sicherheit nicht, obwohl man im Zweifelsfall weiß, dass es in dem Ort ebenfalls einen Gemeindepfarrer gibt, der zuständig ist. Die Kasualagentur bin ich selbst.

Das Schulpfarramt, in dem immerhin noch rund zehn Prozent der Pfarrerinnen und Pfarrer arbeiten, bietet eine gute Gelegenheit mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die den Kirchengemeinden schon längst abhanden gekommen sind. Schulpfarrerinnen und Schulpfarrer sind „die Letzten“ aus dem kirchlichen Bereich, die jungen Erwachsenen begegnen. Hier liegt die Chance und ich erlebe das häufig. Wenn die Trauung in den Blick kommt, das Kind – vielleicht sogar unter schwierigen familiären Bedingungen - getauft werden soll, überlegt man, wen man noch von „Kirchens“ kennt. Der Konfirmator ist schon lange in einer anderen Gemeinde; die Familie schon mehrfach umgezogen, der Ort mehrheitlich katholisch. Da erinnert man sich an den Reli-Lehrer aus der Oberstufe oder der Berufsschule. Das Fach war irgendwie exotisch, aber diente damals doch wenigstens zur Entspannung oder noch besser, ermöglichte eine alternative Sichtweise auf das Leben, angesichts von Exceltabellen und Konstruktionszeichnungen in den prüfungsrelevanten Fächern. Und wenn jetzt die wirklich existentiellen Änderung in das Leben treten und Kirche und Glaube sich noch nicht ganz verflüchtigt haben, ist die Anfrage an den Schulpfarrer ein naheliegender Schritt. Ich bin jedenfalls immer sehr erfreut über eine Anfrage und musste sie noch nie ablehnen.

Ich weiß aber auch um die Probleme, die sich ergeben können und die bei einer möglichen Etablierung einer „Kasualagentur“ zu bedenken sind. Drei Aspekte seien genannt. Wie wird die Nutzung der Kirchengebäude geregelt? Wie die Vergütung bzw. die Bemessung des Dienstumfangs? Wer zahlt anfallenden Kosten für Fahrten und Geschenke?

Die Kasualagentur kann eine Chance für Kirche sein. Aber mal ganz ehrlich, auch wenn mir der Titel „Kasualagent 007“ sehr schmeicheln würde, ich verstehe mein Schulpfarramt vor allem als Pfarramt – und Pfarrer bin ich immer und gern.

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