Friedlich und draußen

Heckentheater im Hamburger Stadtpark
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Der Lockdown aller Theater in geschlossenen Räumen macht erfinderisch. Nach den digitalen Übertragungen nun erste Versuche ins Freie zu gehen. Denn ist das europäische Theater nicht im antiken Griechenland unter freiem Himmel entstanden? Wurden die bis heute Maßstäbe setzenden Tragödien nicht in herrlichen Amphitheatern wie dem von Epidaurus zuerst gespielt? Antigone, König Ödipus, Medea, aber auch Komödien von Aristophanes wie Die Vögel. Also warum nicht mit dem Theater ins Freie gehen, zumal in sommerlichen Zeiten, wenn das Wetter es erlaubt? Und wenn es Spielorte gibt wie die aus barocken Zeiten stammenden Heckentheater. Im Hamburger Stadtpark, der in den 1920er-Jahren großzügig Motive der feudalen Gartenpracht aufgenommen und der arbeitenden Bevölkerung zugänglich gemacht hat – Rosengärten, Haine, Brunnen, Wasserspiele, Pavillons, eine große Festwiese – gibt es auch ein Heckentheater in Rundform, ein Amphitheater also. Das Junge SchauSpielHaus Hamburg zeigte hier an drei Wochenenden neben einem Stück für Kinder frühabends ein Jugendstück, eine Dramatisierung des Jugendbuchklassikers Nichts. Was im Leben wichtig ist der dänischen Autorin Janne Teller in der Inszenierung von Klaus Schumacher.

Unter konsequenter Einhaltung der gebotenen Abstandsregeln konnten jeweils an die siebzig Zuschauerinnen die theaterlose Zeit für einen schönen Sommerabend beenden. Die Handlung des Stücks: In der fiktiven dänischen Kleinstadt Täring steht der 13-jährige Pierre Anthon plötzlich von seinem Stuhl auf und weigert sich weiterhin zur Schule zu gehen. Er klettert auf einen Pflaumenbaum und verkündet, dass nichts auf der Welt eine Bedeutung habe. Seine Klassenkameraden sind betroffen und empört. Um Pierre zu überzeugen, dass seine Behauptung nicht stimmt, beginnen sie einen „Berg aus Bedeutung“ anzuhäufen. Sie sind bereit, etwas, das ihnen wichtig ist im Leben, zu opfern, um Pierre Anthon zu zeigen, dass sein existentialistischer Nihilismus nicht stimmt – das reicht in sich steigernder Radikalität von dem Lieblingsfahrrad über die Jungfräulichkeit eines Mädchens bis zum Zeigefinger eines Gitarre spielenden Mitschülers.

In der Diskussion der Schülerinnen über das Pro und Contra ihrer Opfer kommt es zu einer Fanatisierung, die alle vernünftigen Einwände hinwegwischt. In einer stillgelegten Käserei häuft sich der „Berg aus Bedeutung“, macht Schlagzeilen, gilt als Kunstwerk, für den sich sogar ein Museum für moderne Kunst aus New York interessiert. Pierre Anthon steigt von seinem Baum herab, um sich das Kunstwerk anzusehen, und kommt bei einem Brand des Gebäudes ums Leben. Seine Mitschülerinnen stehen betroffen vor den Trümmern ihres Projekts. Das Publikum aber konnte darüber nachdenken, ob Opfer einen Sinn des Lebens konstituieren.

Bei der Begrüßung des Publikums sagte der Inspizient des Jungen SchauSpielHauses, an einem so schönen Abend sei ein solches finsteres Stück vielleicht nicht angemessen, der heitere Sommernachtstraum von Shakespeare hätte wohl besser gepasst. Da irrte er sich. Auch der Sommernachtstraum enthält einen wüsten Traum, in dem das Dunkle im Menschen sich äußert. Zettel verwandelt sich in einen Esel, die Liebesbeziehungen geraten aus der Ordnung. Sechshundert Kilometer südlich verwandelte sich in dieser Nacht die Stuttgarter Party-Szene in eine randalierende Masse, die Geschäfte plünderte und sich eine Schlacht mit der Polizei lieferte. Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Im Hamburger Stadtpark aber blieb es friedlich. Im Hain der Diana konnte ich erleben, wie die Nacht, „die Fremdlingin unter den Menschen“ (Hölderlin), langsam herabstieg.

Weitere Vorstellungen des Jungen SchauSpielHauses unter www.schauspielhaus.de

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Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


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