Christian & Christina

Geistliche Corona-Dialoge

Who wants Yesterday’s Papers?– so sangen einst die Rolling Stones. Ja, wen interessieren die Zeitungen von gestern? Eigentlich niemanden. Aber manche Artikel daraus möglicherweise schon. Zum Beispiel die Dialoge, die der Berliner Bischof Christian Stäblein mit seiner Stellvertreterin, der Pröpstin Christina Bammel, über zehn Wochen lang für Die Kirche, die Wochenzeitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz – kurz EKBO, führte.

Wenn ein Bischof sich in Briefform mit einer Pröpstin in einer Kirchenzeitung über „Gott und das Virus“ austauscht, dann ist es klar, dass Christenmenschen hier unter sich sind: „Liebe Christina, Umkehr, mutig, drängend, dringend. Aber zuerst und vor allem: beistehen, mit aushalten in allem, im Weinen, im Hoffen, im Sterben, im Leben. Vor allem Umkehren und Lernen kommt das Aushalten und Beistehen. Das ist der Anfang von allem“, schreibt Bischof Stäblein, als im Brief zuvor Pröpstin Bammel das Beispiel der Earth Hour erwähnt hatte. Einer Aktion, bei der weltweit Ende März die Lichter ausgingen, um daran zu erinnern – so Bammel – „wie ein Planet aufatmen könnte, wenn weniger Energie verbraucht würde“ und sie dies dann als „Ruf zu einer Solidarität“ interpretierte, „die so gänzlich umfassender, tiefer greifend und offensiver sein muss als alles, was wir in den vergangenen sehr wohlhabenden Jahren erlebt hatten“. Wenn man diese Sentenz auf sich wirken lässt, könnte man hier ein bischöfliches „Immer langsam mit de Leut“ hineinlesen gegenüber dem überbordenden Aktivismus einer NGO-Kirche. Könnte man, muss man nicht …

Spannend ist, wie die beiden in dem Buch wiederholt um ihr Gottesbild ringen. Mutig, dass sie dies recht unverstellt und ohne vorgestanzte systematisch-theologische Formeln tun und auch mal theo-poetisch etwas riskieren. Zum Beispiel wenn der Bischof festhält: „Gott ist ja mit im Atem, oder ist er der? Der durchströmende, ersterbende, lebendig machende, in die Ewigkeit führende Atem.“ Oder wenn die Pröpstin dann doch, entgegen aller Beteuerungen, nicht ganz davon lassen kann, am Ende denkerischer Kaskaden dem Virus einen Sinn zuzubilligen. Zumindest klingt es so, wenn sie das andere Osterempfinden 2020 so beschreibt: „Wir feiern anders, wir stellen überkommende, vielleicht auch manchmal verhetzte Routinen in Frage. Wir werden konzentrierter, reduzierter, näher beim Eigentlichen. Wir haben eine tatsächlich österliche Chance. Auch für unsere Kirche.“

Spannend ist an dem Buch auch zumindest für diejenigen, die im Denk- und Sprachraum der Kerngemeinde stehen, wie leitende Geistliche, scheinbar unter sich, über die Gottesfrage reden. Da würde man gerne mal öfter zuhören!

Es gehört zum Wesen von Publiziertem, das scheinbar geronnene Zeitgeschichte festhalten und transportieren will, dass es schnell nach den Ereignissen erscheinen muss, da sich sonst das Interesse des Publikums schon anderen Dingen zugewandt hat. So ist es zumindest bei Büchern über die Fußballweltmeisterschaften zu beobachten, die sich meist bereits zu Weihnachten im modernen Antiquariat wiederfinden. Dies könnte bei Gott und das Virus anders sein, denn möglicherweise wird Corona eben deutlich länger in unserer Gesellschaft grassieren, als man bei der Veröffentlichung gedacht (und gehofft) hatte.

Müsste es vor Weihnachten eine Neuauflage geben, dann sollte diese neben einer Erweiterung mit Tipps zum Thema „Christvesper in Corona-Zeiten“ doch zumindest Datumsangaben der einzelnen Briefe enthalten und möglicherweise auch Fußnoten, die Einiges, was jetzt die beiden sich einfach so schreiben, erläutern. Zum Beispiel ist es dem Autor dieser Zeilen trotz hartnäckigem Googeln noch nicht gelungen, jenes „ungeistliche Wort“ von den „Masern-Partys für Ü-70-Jährige“ in Bezug auf das Abhalten von Gottesdiensten zu verifizieren und einer Person zuzuordnen, welches der Bischof – sollte es so gefallen sein – mit Recht als „Gottesdienstverachtung“ geißelte. Das bleibt ein bisschen kryptisch. Aber vielleicht klärt so etwas in der zweiten Auflage, die zumindest nicht der Pandemieverlauf befördern möge, eine Fußnote. Zu wünschen wäre es, denn letztlich ist dieses Buch, trotz einiger editorischer Desiderate, eine gute, mutige Idee!

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