Glücklich im Beruf, aber ...

Verena Kroll untersucht den Pfarrberuf in Zeiten der Moderne
Verena Kroll
Foto: Jens Grossmann
Verena Kroll

Wie leben und arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer unter den Bedingungen der Moderne? Dieser Frage geht Verena Kroll (31) in ihrer Promotion  m Fachbereich Praktische Theologie an der Ruhr-Universität in Bochum nach.

Anders als viele meiner Kolleginnen und Kollegen bin ich kein Pfarrerskind und doch durch und durch christlich sozialisiert: Meine Mutter ist seit Ewigkeiten Presbyterin in meiner Heimatgemeinde Wuppertal Unterbarmen-Süd; meine Großmutter hat schon über fünfzig Jahre Gemeindebriefe ausgetragen.

Im Theologiestudium an der Ruhr-Universität Bochum und an der KiHo in Wuppertal konnte ich mein Interesse an kreativem Schreiben mit meiner Liebe zur Theologie verbinden, ohne dass ich wusste, was später im Pfarrberuf auf mich zukommen würde. Während meines Gemeindepraktikums in Düsseldorf-Oberkassel hatte ich das Glück, durch meine Mentorin sehr offen Einblicke in ihr Privat- und Berufsleben zu bekommen. Schon dort lernte ich, dass jemand für den Pfarrberuf brennen kann und trotzdem kritische Anfragen an den Beruf hat.

In Bochum war ich Gründerin und lange Zeit Sprecherin des Konvents der Studierenden der Evangelischen Kirche im Rheinland. Die Anfragen von Studierenden kreisten schon damals um die Frage, die ich heute in meiner Dissertation am Institut von Isolde Karle formuliere und die sich auch für mich als angehende Pfarrerin stellt: Wie leben und arbeiten Pfarrerinnen und Pfarrer unter den Bedingungen der Moderne? Daraus habe ich meine Forschungsfrage entwickelt: Wie gehen Pfarrerinnen und Pfarrer in unterschiedlichen Lebensformen mit dem Verhältnis von Amt und Person um?

Mit dieser Fragestellung habe ich ein Leitfadeninterview entwickelt. Insgesamt elf Interviews in drei Landeskirchen (Rheinland, Westfalen, Württemberg) habe ich geführt, mit Pfarrpersonen in unterschiedlichen Lebensformen: alleinerziehend, geschieden oder in einer Patchworkfamilie lebend, lesbische und schwule Pfarrerinnen und Pfarrer, Pfarrerinnen und Pfarrer im ersten und im letzten Dienstjahr und Ehepaare, die sich eine Pfarrstelle teilen.

Alle haben sehr offen über ihr Leben und ihren Beruf gesprochen und darüber, was sich in ihrer Wahrnehmung in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert hat. Etwa die Kommunikation: Es kommen heutzutage mehr E-Mails als Telefonate an, kaum jemand klingelt noch an der Pfarrhaustür, es sei denn, er ist bedürftig. Neben der Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben sind Digitalisierung und Säkularisierung die großen Themen, die immer wieder in meinen Interviews auftauchten.

Ein ganz praktisches Beispiel: Wie lebt es sich als lesbische Pfarrerin in Württemberg, im Rheinland oder in Westfalen? Ich habe eine Pfarrerin im Rheinland interviewt, wo die Ehe für alle schon lange gültig ist, und eine in Württemberg, wo zum Zeitpunkt des Interviews noch keine öffentliche Segnung möglich war; das hat sich inzwischen gelockert. Beide Pfarrerinnen sind sehr engagiert und glücklich in ihrem Beruf. Und trotzdem macht es etwas mit einem, wenn man seit über zwanzig Jahren in einer Partnerschaft lebt und diese nicht öffentlich machen kann. Zumindest nicht so öffentlich, wie wenn man heterosexuell verheiratet wäre. Und wenn man weiß, dass man als Pfarrerin den Segen für andere Paare spenden darf, ihn aber selbst nicht empfangen kann. Das war für mich ein sehr bewegendes Interview.

Die andere Pfarrerin erzählte, sie sei als lesbische Pfarrerin auf dem Land sehr glücklich. Es sei selbstverständlich, dass ihre Frau dazugehöre, sich in der Gemeinde engagiere und als Pfarrfrau lebe. Ich werte die Interviews nach der dokumentarischen Methode des Soziologen Ralf Bohnsack aus, einem Standardverfahren der qualitativen und empirischen Sozialforschung. Wenn es gut läuft, kann ich anschließend unterschiedliche Typen definieren, zum Beispiel jemanden, der Amt und Person gar nicht trennen möchte. Oder jemanden, der strikt trennen möchte und am liebsten Feierabend im klassischen Sinn hätte. Grundsätzlich würden alle meine Interviewpartnerinnen und -partner jederzeit wieder ins Pfarramt gehen, sie sind alle zufrieden und glücklich, aber … – um dieses „Aber“ geht es mir.

Wie zum Beispiel die Frage nach dem Verhältnis von dem, was ein Pfarrer einbringt, und dem, was er bekommt. Das sagt sehr viel über den so genannten package deal aus, der nicht nur Leistung und Besoldung umfasst, sondern auch emotionale Faktoren wie Wertschätzung oder Flexibilität und Autonomie berücksichtigt. Die qualitativen Interviews habe ich abgeschlossen, jetzt analysiere und interpretiere ich sie, so dass ich zum jetzigen Zeitpunkt nur sehr grobe Tendenzen benennen kann. Zunächst: Es gibt eine große Zufriedenheit im Beruf, die damit zusammenhängt, dass man als Pfarrerin oder Pfarrer sehr autonom arbeiten kann, viel Wertschätzung von Seiten der Gemeinde und oftmals auch von der Gesellschaft erfährt. Pfarrpersonen genießen nach wie vor ein hohes Ansehen.

Auf der anderen Seite gibt es sehr unterschiedliche Anforderungen. Pfarrerinnen und Pfarrer mit Kindern klagen häufig über ungeregelte Arbeitszeiten und darüber, dass sie sich ständig abgrenzen müssen, sei es gegenüber der Familie oder der Arbeit. Das Leben im Pfarrhaus ist ein großes Thema, also wie man Arbeit und Beruf räumlich trennen kann.

Ich gehe davon aus, dass der Pfarrberuf als Profession beschrieben werden kann. Und als solche bringt der Pfarrberuf bestimmte Charakteristika mit sich, wie die Verknüpfung von Amt und Person, und Anforderungen, die mit dem Berufsethos einhergehen. Das spiegelt sich auch in meinen Interviews: Alle Befragten identifizieren sich mit ihrem Beruf, ihrer Gemeinde, und sind bereit, dafür Einschränkungen hinzunehmen, wie zum Beispiel Präsenzpflicht, Erreichbarkeit, und Überschneidungen von privatem und beruflichem Leben. Zugleich ist zu fragen, ob sich auch Deprofessionalisierungstendenzen abzeichnen. Um ein Beispiel zu nennen: Während bei Professionen die Face-to-Face-Kommunikation ein wichtiger Faktor ist, weil sie Vertrauen herstellt und über Gestik, Mimik, Habitus sehr viel mitkommuniziert wird, hat die digitale Kommunikation nun deutlich zugenommen. Was ändert das für Pfarrerinnen und Pfarrer?

Zugleich ist es gerade die Digitalisierung, die die bislang den Professionen vorbehaltene Überschneidung von privater und beruflicher Lebenswelt in ganz vielen anderen Arbeitsbereichen fördert. Die Arbeitssoziologie lässt zunehmend Tendenzen von mehr Flexibilität, einer höheren autonomen Zeiteinteilung und der Subjektivierung von Arbeit erkennen.

Viele Menschen sind froh über diese neue Flexibilisierung. Die Digitalisierung führt in immer mehr Berufen zu einer Überschneidung von privater und öffentlicher Sphäre. Etwas, das den Pfarrberuf schon lange prägt, ist in modernen Zeiten für viele also ein Gewinn. Das zeigt aber auch, dass der Pfarrberuf mit Blick auf die rein ökonomischen Kriterien von Zeitaufwand und Lohn heute vergleichbarer geworden ist mit anderen Berufen. Und wie in vielen Branchen wird auch die Kirche künftig stärker um ihre hochqualifizierten Nachwuchskräfte ringen müssen, die möglicherweise andere Anforderungen an die Work-Life-Balance stellen als ihre Vorgänger.

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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