Relevanz, Resonanz, Regentanz

Warum die Diskussion über die verlorene Systemrelevanz der Kirche in die Irre führt
Bundeskanzlerin Angela Merkel während der TV-Ansprache zur Corona-Krise am 18. März. Das Aussetzen der Präsenzgottesdienste war ihr keine Erwähnung wert.
Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich
Bundeskanzlerin Angela Merkel während der TV-Ansprache zur Corona-Krise am 18. März. Das Aussetzen der Präsenzgottesdienste war ihr keine Erwähnung wert.

Sind Kirchen nicht mehr systemrelevant? Diese Frage wurde vor dem Hintergrund der Corona-Krise mehrfach gestellt und von manchen auch eindeutig mit „Ja“ beantwortet. Doch hinter der Frage steckt ein zu vereinfachtes Bild von Gesellschaft, meint zeitzeichen-Redakteur Stephan Kosch und versucht, mit systemtheoretischem Vokabular die Perspektive zu wechseln.

Rumms – hier wird scharf geschossen. Wie Kanonenkugeln brechen die Sätze ein in das Kirchenschiff. Dessen Segel hängen schon länger schlaff vom Mast. Es scheint eher auf zeitgeistlichen Strömungen mal hierhin und mal dorthin zu treiben, anstatt auf klarem Kurs zu segeln, sei es mit Rückenwind oder dem Sturmbrausen im Gesicht. Und jetzt knallt es mal wieder gewaltig auf dem Oberdeck. Einer der Schützen: Daniel Deckers von der FAZ, der am 1. Mai darauf hinwies, dass Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Rede zum Lockdown das vermeintliche Verbot von Gottesdiensten kein Wort des Bedauerns wert war. „Krasser hätte sie nicht zum Ausdruck bringen können, dass Religionsgemeinschaften für diesen Staat nicht (mehr) systemrelevant sind.“ Ulrich Körtner, Professor für Systematische Theologie an der Universität Wien, ließ es ebenfalls verbal ordentlich krachen und formulierte in der Juni-Ausgabe der zeitzeichen: „Religion, so die Lehre der zurückliegenden Monate, ist in der säkularen Gesellschaft nicht ‚systemrelevant‘. Kirchen, Synagogen und Moscheen wurden geschlossen, öffentliche Gottesdienste und das Freitagsgebet untersagt, während Baumärkte und Gartencenter geöffnet blieben oder gleich nach Ostern wieder aufsperren durften.“ Und dann war da noch der frühere Militärbischof Hartmut Löwe, der in seinem Artikel in der FAZ vom 16. Mai zwar nicht den Begriff „Systemrelevanz“ benutzte, aber doch sehr deutlich ein „Schweigen der Bischöfe“ in einer Situation konstatierte, in der „theologisch und geistlich tiefer gegraben werden“ müsse. „Vermögen das unsere Kirchenoberen in ihrer Geschäftigkeit noch? Bislang haben wir öffentlich davon nichts gehört.“

Nun muss man fairerweise darauf hinweisen, dass das Bild der Schüsse auf das Kirchenschiff schnell seine Grenzen findet. Niemand in der Debatte will es untergehen lassen, zumal die Beteiligten ja selber der Kirche eng verbunden sind und so gesehen mit an Bord sind. Sie sehen sich aber bestätigt in ihrer schon oft geäußerten Kritik an Kapitän und Steuermann auf der Brücke und ihrem Kurs der Öffentlichen Theologie mit viel zu viel Politik und Moral und zu wenig Theologie. Sowas kommt eben von sowas, wer sich zu sehr dem System anpasst, verliert seine Relevanz, anstatt sie zu stärken.

Schon hier wird aber deutlich, wie problematisch der Begriff der Systemrelevanz mit Blick auf die Kirchen ist. Wie kann eine Institution für ein System Relevanz gewinnen, indem es sich von ihm abhebt? Doch allenfalls nur als Gegenmodell, das nach anderen Regeln funktioniert? Oder als Sand im Getriebe? Diese Rolle kann man der Kirche ja zuschreiben, aber den Anspruch auf Relevanz für das Funktionieren des Systems dann gleichzeitig nur schwer erheben.

Doch auch aus einem anderen Grund ist Systemrelevanz der falsche Begriff in der Debatte. Denn er fußt auf einer zu vereinfachten Vorstellung von Gesellschaft als einem geschlossenen System. Dass dies zu einfach gedacht ist, lehrt nicht nur die Alltagswahrnehmung, sondern schon der Blick in die Systemtheorie der 1980er-Jahre, wie sie etwa von dem Bielefelder Soziologen Niklas Luhmann entwickelt wurde, dessen Ansatz hier grob vereinfacht nachgedacht werden soll. Denn er liefert noch immer wichtige Hinweise, wenn es um die Frage geht, welche Rolle Kirche in der Gegenwart spielen kann.

Der Begriff „Systemrelevanz“ kam ja aus der Finanzwelt in den allgemeinen Sprachgebrauch, wo er vor allem im Rahmen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 große Verbreitung fand. Systemrelevante Banken, Versicherungen und andere Unternehmen, die zu groß oder zu vernetzt sind, müssen bei drohender Insolvenz mit staatlichen Mitteln gerettet werden, sonst ist der Kollateralschaden zu groß. Aber es geht eben nur um einen Teilbereich der Wirtschaft, und die ist wiederum nur ein System unter vielen, aus denen und zwischen denen sich dann das bildet, was wir Gesellschaft nennen. Und jedes dieser Systeme funktioniert nach eigenen Regeln, die festlegen, was für dieses System relevant ist oder nicht. So geht es in der Politik um „Macht haben“ oder „Opposition“, im Rechtssystem um „Recht“ oder „Unrecht“ und im Wirtschaftssystem um „Haben“ oder „Nichthaben“. An diesen Polen richten sich die Systeme aus und reagieren auf entsprechende Reize aus der Umwelt oder eben nicht.

Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Einem börsennotierten Ölkonzern ist es ziemlich lange egal, ob sich Umweltschützer über die Bohrungen im Naturschutzgebiet aufregen, solange der Gewinn oder der Aktienkurs nicht betroffen sind. Mag der einzelne Manager auch sehen, dass das Agieren der Firma nach den „Gut-Schlecht“-Polen des Moralsystems zu letzterem tendiert, ist die in seinem Arbeitsvertrag festgelegte Leitfrage seines Handelns die des Profits. Als moralischer Mensch kann er nun kündigen, an die Moral seiner KollegInnen und AktionärInnen appellieren (die ja auch nicht nur eindimensional denken und agieren) oder hoffen, dass der öffentliche Druck so groß wird, dass die Kunden lieber woanders ihren Sprit kaufen und der Profit sinkt. Erst dann müsste er den Systemregeln entsprechend reagieren.

Wer die systemtheoretische Brille aufsetzt, wird nicht mehr nach der Systemrelevanz der Kirchen fragen, sondern genauer formulieren: In welchen gesellschaftlichen Systemen hatte und hat die Kirche in der Corona-Zeit und darüber hinaus Relevanz?

Diakonie im Krankenhaus

Dazu muss zunächst geklärt werden, wer oder was mit „Kirche“ gemeint ist. Selbst wenn wir uns, dieser Zeitschrift entsprechend, auf die evangelische(n) Kirche(n) beschränken, lautet die erste Frage: Gehört die Diakonie in all ihren Erscheinungsformen dazu? Wer das mit „Ja“ beantwortet, kann über die ganze Debatte nur den Kopf schütteln. Denn die Relevanz der Diakonie im Gesundheitssystem und in der Sozialarbeit liegt auf der Hand. In rund zweihundert evangelischen Krankenhäusern in Deutschland stand das Personal in der ersten Reihe der Corona-Front, hinzu kommen die Alten- und Pflegeheime der Diakonie, in denen Pflegerinnen, Pfleger und Verwaltung unter besonderen Umständen ohne Frage Arbeit von höchster gesellschaftlicher Relevanz geleistet haben.

Natürlich hätte diese Arbeit theoretisch auch von nichtkirchlichen Trägern übernommen werden können. Doch macht sie das weniger evangelisch? Zumal viele Menschen in den medizinischen und sozialen Berufen ihre Arbeit ganz bewusst als evangelische Christenmenschen mit dem entsprechenden Menschenbild und Wertekanon ausüben. Dass dies auch in den innerkirchlichen Debatten oft zu kurz kommt, zeigt, wie wichtig der derzeit laufende Prozess der evangelischen Profilbildung in der Diakonie und die Stärkung des diakonischen Handelns und Denkens in allen kirchlichen Bereichen sind.

Wer hingegen Diakonie und evangelische Kirche getrennt betrachtet und mit Kirche vor allem die Verkündigung des Evangeliums in Wort, Schrift und Bild verbindet, kommt zu einem differenzierteren Befund. Denn es gilt zu unterscheiden zwischen a) dem System Kirche, das sich immer wieder selbst erzeugt und intern – ebenso wie andere Systeme – nach ganz eigenen Grundsätzen funktioniert, und b) der Relevanz dieses Systems für die anderen Systeme, etwa der klassischen Medien.

Zu Ersterem: Das System Kirche hat weitergearbeitet, auch wenn Gottesdienste und Veranstaltungen nicht in der traditionellen Art möglich waren. Verkündigung und somit eine stete Erneuerung christlicher Weltmodellierung fanden statt, wenn auch über andere Kanäle als gewohnt. Wie relevant dies für diejenigen war, die das erreicht hat, hängt mit unzähligen Faktoren zusammen und ist schwer, in allgemeingültigen Sätzen zu formulieren. Aber es wurde weiterhin gepredigt, gebetet, nachgedacht, Abendmahl (online) gefeiert, das Evangelium verkündet, gerade auch zu Corona-Zeiten. Und es gab geistliche Worte der obersten Kirchenvertreter, etwa das gemeinsame Wort der drei christlichen Kirchen am 20. März oder das ökumenische Wort zum Sonntag am Karsamstag, das erstmalig vom EKD-Ratsvorsitzenden und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam gesprochen wurde. Das System Kirche blieb und bleibt für die relevant, die mit ihm verbunden sind. Es hat sich mit all seinen Strukturen weiterhin erhalten oder – so eine Formulierung aus dem Inneren des Systems – es wurde durch den erhalten, den es verkündet.

Anders sieht es aus mit der Relevanz der kirchlichen Verkündigung in anderen gesellschaftlichen Systemen, etwa den klassischen Medien, also Tageszeitungen, Rundfunk et cetera. Hier nimmt die Relevanz der kirchlichen Worte seit vielen Jahren ab, analog zu der geringer werdenden Zahl der Menschen, für die Kirche an sich noch eine Relevanz hat. Im Gespräch mit zeitzeichen (ab Seite 41) formuliert der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm daher zutreffend: „Womit man in die Schlagzeilen kommt, ist (…) Skandalisierung und Anklage.“ Deshalb haben Hartmut Löwe und die frühere thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, die den Kirchen bei der Seelsorge in Kranken- und Pflegeheimen Versagen vorwarf, wohl eine größere Resonanz erzielt als die ausgewogenen geistlichen Worte aus den Chefetagen der Kirchen.

Menschen im Blick

Was bedeutet das nun für die Relevanz der Kirchen und die Lehren, die aus der Corona-Krise gezogen werden können? Zunächst einmal gilt es, den kühlen Blick der Systemtheorie, in der der einzelne Mensch nicht vorkommt, zu ergänzen mit der vom Menschen her entwickelten Begriffswelt des Soziologen Hartmut Rosa, der nicht von Relevanz, sondern von Resonanz spricht. Denn die „Kommunikation des Evangeliums“ bleibt ja sinnlos, wenn sie als Adressaten nicht den einzelnen Menschen hat. Die EKD formuliert auch in diesem Sinne in den derzeit heiß diskutierten „Elf Leitsätzen“ (siehe Seite 16 und Kommentar auf Seite 25) des sogenannten Z-Teams der EKD: „Es braucht Mut, zwischen resonanzlosem kirchlichem Handeln und Resonanzräumen zu unterscheiden, in denen Herz und Seele berührt und die zeugnishafte Präsenz in der Gesellschaft bestärkt werden.“ Das muss in dem Diskussionsprozess der kommenden Monate mit konkreten Inhalten gefüllt werden.

Mit Blick auf die unterschiedlichen Relevanzraster in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen, in denen wir uns bewegen, dürfte aber schon jetzt klar sein, dass umso mehr Resonanz erzeugt wird, je mehr sich das kirchliche Handeln an diesen orientiert. Sonst geht es der Kirche wie dem Umweltschützer, dessen moralisch fundierte Kritik an dem profitorientierten Konzern folgenlos bleibt. Oder anders formuliert: Wer in einer Welt, in der immer mehr Menschen gottlos glücklich sind, das Evangelium vornehmlich mit Begriffen wie „Sünde“, „Gnade“, „Rechtfertigung vor Gott“ und „allmächtiger Vater“ kommuniziert, gar den Zorn und die Strafe Gottes wieder in die Weltdeutung hinein holen möchte, wird im besten Falle die Resonanz eines Schamanen hervorrufen, der einen Regentanz aufführt: Folkloristisch nicht uninteressant, aber ohne Relevanz für das Leben der meisten Menschen im 21. Jahrhundert.

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