„Nicht ersehen, sondern erglaubt“

Trost und Grenze einer plötzlich verborgenen Kirche
Foto: privat

Das reformatorische Lehrstück von der sichtbaren und verborgenen Kirche lockt wohl nur wenige hinter dem Ofen hervor. Mit ihm hatte Luther herausstellen wollen, dass das wahre Wesen der Kirche „nicht ersehen, sondern erglaubt“ sein will. Denn dass die Kirche eine ist, heilig sowie weltumspannend und durch die apostolische Botschaft lebt, ist gottgewirkt.

Durch meine Studierenden ist mir im vergangenen Semester, das unter dem Zeichen der Corona-Epidemie stand, die Relevanz dieser Vorstellung neu deutlich geworden. Ich hatte in Zürich eine Vorlesung über die Lehre vom Heiligen Geist und von der Kirche zu halten. Die ersten Semesterwochen im Februar konnte ich noch ganz wie gewohnt unterrichten, bevor dann Mitte März – von einer Woche auf die nächste – alles auf Online-Lehre umgestellt werden musste.

Das war eine technische, aber auch eine didaktische Herausforderung. Ich bin daran gewöhnt, an den Augen und der Körperhaltung der Studierenden abzulesen, ob sie verstehen, Fragen haben, müde oder gelangweilt sind. Wie sollte dies nun möglich sein? Und wie sollte ich herausfinden können, wo sie in dieser Krise persönlich stehen, ob sie Sorgen um Menschen oder um ihr Auskommen haben und wie sie die Gesamtsituation einschätzen? Ich hoffte, die von mir jede Woche den Studierenden abverlangten Antworten auf Fragen zur Vorlesung könnten dabei helfen.

Beim Lesen dieser Antworten konnte ich beobachten, wie durch die Krise bei den Studierenden die Unterscheidung von verborgener und sichtbarer Kirche lebendig wurde. Als keine Gottesdienste im Kirchenraum mehr möglich waren, strichen viele Studierende in ihren Antworten heraus, wie sie die Vorstellung von der verborgenen Kirche nun tröste: Es gibt eine durch den Heiligen Geist gestiftete Gemeinschaft der Glaubenden auch dann, wenn man nicht zusammenkommen kann. Sie übersteigt als durch Gott gesetzte Realität jeden menschlichen Vergemeinschaftungsversuch.

In den Folgewochen berichteten zahlreiche Studierende von ihrer Erfahrung, dass der Glaube an die verborgene Kirche die sichtbare Kirche jedoch nicht ersetzt. Die Krise schärfte bei ihnen – um eine Formulierung von Jürgen Habermas zu verwenden – ein „Bewusstsein von dem, was fehlt“.

Als dann an Pfingsten in der Schweiz die ersten Präsenz-Gottesdienste wieder möglich wurden, reflektierten etliche Studierende in ihren Antworten, wie dankbar sie seien, dass es die sichtbare Kirche tatsächlich gibt. Ihnen wurde deutlich, wie viel bereits fehlt, wenn nur noch die „Sichtbarkeit“ und „Hörbarkeit“ von Kirche in Video-Gottesdiensten zugänglich ist, aber der Mensch nicht mehr in seiner Ganzheitlichkeit umfasst wird.

Jetzt erlebten die Studierenden neu die Wirkung der Atmosphäre, wenn Menschen an einem Ort zusammenkommen, die Schönheit des Kirchenraums, der bei der Sammlung auf Gott hilft, die Kraft der Musik, die diesen Raum erfüllt. Sie verstanden: Es ist eben diese alle Sinne umfassende, sichtbare Kirche, die als die verborgene, von Gott geeinte, geheiligte Kirche geglaubt wird.

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