Churchcard für die Clubkirche

Wider den Krisenaktionismus der "Elf Leitsätze" und ihre Abwertung der Ortsgemeinde
Detailaufnahme EKD-Kirchenamt Hannover
Foto: epd

Die von der EKD vorgelegten "Elf Leitsätze" zur Kirchenreform werden seit Wochen heftig diskutiert. Auch Isolde Karle, Professorin für Praktische Theologie in Bochum, und Maren Lehmann, Professorin für Soziologie in Friedrichshafen, kritisieren Inhalt und Geist der „11 Leitsätze“ scharf. Ein zentrales Problem stellt für sie das unklare Konzept von Kirchenmitgliedschaft in dem Papier dar.

Als ein „Sozialexperiment“ hat der Soziologe Rudolf Stichweh in der FAZ am 7. April die Corona-Krise bezeich­net und dabei betont, dass die Krise einen Bruch bedeute und es danach einen Neubeginn geben werde: „Einen solchen Neustart aller Funktionssysteme hat es in der Geschichte der Moderne (Aus­nahme sind vielleicht die beiden Weltkriege) so noch nicht gegeben. Es wird Strukturbrüche geben, aber wir wissen nicht welche.“ Nur eines sei weithin absehbar: „Das System der Religion könnte sich als der eigentliche Verlierer der Corona-Krise erweisen“ und zwar nicht deswegen, weil es in der akuten gesundheitlichen Bedrohung der Gesellschaft als ,nicht systemrelevant‘ eingestuft worden ist, sondern weil es nicht imstande ist, eine religiös spezifische, distinkte Antwort auf die Frage zu finden, worin diese Krise überhaupt be­steht.

In der evangelischen Kirche war das Erschrecken über die Noncha­lance, mit der den Kirchen die gesellschaftliche Relevanz abgespro­chen wurde, groß. Dass den Kindern, Jugendlichen und jungen Er­wachsenen, den Familien, dem Sport, den Künsten, den Schulen und Universitäten Gleiches widerfuhr, weist immerhin auf ein mögliches Milieu hin, dem die Kirchen zugerechnet werden. Trotz der Herab­stufung der Systemrelevanz seiner Lebens- und Arbeitsbereiche hat dieses gebildete, keineswegs nur großstädtische Milieu großes Kon­tingenzbewusstsein und eine beeindruckende Fähigkeit zu solidari­scher Demut bewiesen. Der Versuch der Kirche, für dieses Milieu adressabel zu bleiben oder es wieder zu werden, liegt auf der Hand.

Weniger naheliegend ist es, diesen Versuch als Mitgliedschaftsan­gebot mit befristetem Gebührenrabatt und projektförmiger Mitwir­kungserwartung zu fassen. Beides gehört zu den Vorschlägen, die die EKD in dem elf Leitsätze umfassenden Diskussionspapier „Kir­che auf gutem Grund“ auflistet. Die Corona-Krise wird hier in beeindruckender Höchstrelevanz­gewissheit als „Metapher“ für eigene Strukturfragen bezeichnet. „Wie begegnen wir der lähmenden Bedrohung eines unsichtbaren, potentiell tödlichen Virus?“, heißt es in der Präambel, um fortzu­setzen: „Wie kommen wir aus der Defensive des Rückzugs, des Lockdowns, der sozialen Distanzierung heraus in die Offensive ei­ner verantwortlichen und zugleich zuversichtlich gestaltenden Per­spektive kirchlicher Gemeinschaft?“

Wer ist dieses "Wir"?

Die Tonlage zeigt die strategische Intention an. Die Formulierungen greifen ein in ähnlichen Papieren schon zur Konvention gewordenes Misstrauen gegen „Distanzierte“ beziehungsweise „Konfessi­onslose“ auf und sprechen ein „Wir“ an, das „hinaus ins Weite unerschlossener und offener Möglichkeiten“ gehen will. Entschei­dend scheint nun zu sein, bei der Kirche aktiv mitzumachen und „authentisch“ gläubig zu sein, nicht die Kir­chenmitgliedschaft, nicht die vielen Stillen im Lande, die mit ihrer Kirchensteuer die Arbeit der Kirche erst möglich machen, ohne sich selbst aktiv engagieren zu wollen oder zu können.

Wer ist dieses „Wir“? Der Text ist das Zwischenresultat der Arbeit eines sogenannten „Z(wieZu­kunft)-Teams«, das sich in Vorbereitung der nächsten Tagung der EKD-Synode gebildet hat und dessen Mitglieder von der EKD-Synode berufen wurden. In Vorbereitung der Reformationsfeierlich­keiten 2017 war es noch ein »Zukunftsforum 2014« gewesen, das den Variantenreichtum des evangelischen Glaubens namentlich in der Fläche vor Augen stellen und als Koordinationsproblem der »Mittleren Ebene« der Landeskirchen ernst nehmen wollte. Dieses Vorläuferforum kam ohne jeglichen Klage- oder Kampfmodus aus.

Nun gibt es nicht nur das Z-Team. Zusätzlich wurde ein neues „Zu­kunftsforum 2020“ gegründet, das unter dem Titel „Unverzagt durch stürmische Zeiten“ einen digitalen Kongress im September veranstaltet. Es versammelt unter dem Euphemismus „Wir alle!“ die Kirchenleitenden (nicht mehr: die Varianten des Glaubenslebens vor Ort) und tritt nicht mehr moderat, sondern eher entschlossen-zupackend auf. Die Metapher des Sturms übertreibt zwar die ja doch eher als Stillstand und allmähliches Versickern empfundene Lage. Doch wird sie durch ein pfingstliches Motiv getragen, das präzise auf Existenzfragen im Sinne von Verständigungsfragen verweist: Wahrnehmungen werden im Sturm extrem verunsichert, so dass man weder versteht noch verstanden werden kann. Für eine Kirche kommt dies dem Untergang gleich und das »Zukunftsforum« ge­nauso wie das „Z-Team“ sehen diesem Untergang ins Auge. Sie versuchen ihn weder zu leugnen noch zu beschönigen, sondern das Boot in ruhige Gewässer zu bringen. Und Ballast abzuwerfen.

Zu diesem Ballast gehören einleuchtender Weise zahllose „Wir auch! Wir auch!“-Engagements (Tucholsky), die mit gesellschaft­licher Akzeptanz nur allzu oft verwechselt, der Kirche aber kaum je distinkt zugerechnet werden. Die Einsicht der „Leitsätze“, dass Kirche nicht alles kommentieren und nicht überall präsent sein muss, ist triftig. Zu diesem Ballast gehören aber auch die eben noch so zu­gewandt betrachteten konfessionellen und alltagspraktischen Vari­anten in der Fläche der Landeskirchen und die lokalen Ebenen der Verständigung. Sie alle werden mit dem abwertend gemeinten Be­griff der Parochie beklebt, um sie sodann als „unverbunden agie­rende, selbstbezügliche Institutionen und Arbeitsbereiche“ zu dis­kreditieren, die, wie das Papier mehrmals lapidar feststellt, „aufge­geben“ werden müssen. Das hat unweigerlich Konsequenzen für die Pfarrerinnen und Pfarrer, von denen in den elf Leitsätzen über­haupt nicht mehr die Rede ist.

Pfarrerschaft zum Ballast gerechnet

Die Abwertung von Pfarrerschaft und Gemeinden widerspricht dia­metral den Ergebnissen der von der EKD selbst finanzierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen. Die aktuelle Untersu­chung von 2015 zeigt, dass mehr als drei Viertel der evangelischen Kirchenmitglieder einen Pfarrer/eine Pfarrerin mindestens vom Se­hen her kennen und dass dies der signifikanteste Faktor für ihre Kir­chenbindung ist. Diese personalen, durch Rollenerwartungen ge­stützten Begegnungen ermöglichen und festigen ein emotional und kognitiv stabiles Verhältnis zur Kirche – nicht zuletzt dadurch, dass diese Begegnungen Konflikte sprachfähig und damit bewältigbar machen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind das personale Gesicht der Kirche, sie haben die höchsten Kontaktwerte, motivieren Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren und sind zugleich Brückenbauer zwischen den Engagierten und Distanzierten.

Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamts der EKD, fasste die Ergebnisse der Untersuchung damals mit gutem Grund so zu­sammen: „Qualitativ wertvolle religiöse Kommunikation in einer konkreten Gemeinde vor Ort durch den klassischen Berufsstand bleibt die zentrale Erwartung aller Mitglieder an ihre Kirche.“ Diese Erkenntnis ist frappierend schnell vergessen. Die lokalen Res­sourcen der Kirche werden nicht ausgelotet, das Gespräch mit den Menschen in Pfarramt und Gemeinde, die Kirche vor Ort verantwor­ten und in vielfältigste Kontaktnetze (nicht zuletzt zur Kommunal- und Landespolitik) eingebunden sind, nicht gesucht, vielmehr wer­den Ortsgemeinden und Pfarrerschaft tendenziell zum Ballast ge­rechnet.

Dazu passt, dass jede Form eines nur hörend sich beteiligenden Re­flexionsstils in Frage gestellt wird. Die »Leitsätze« sind so dominiert von Aktivität, dass sogar die Rezeptivität und das Hören im Gottes­dienst, das im Protestantismus immer von zentraler Bedeutung war, abqualifiziert wird. „Traditionelle Sonntagsgottesdienste“ etwa erlauben in der Regel diese diskrete Form der Frömmigkeit, in der man ganz für sich sein kann und doch nicht allein ist, „viele gelin­gende Alternativen gottesdienstlicher Feiern“ erlauben sie womög­lich auch. Warum die einen den anderen hier abschätzig gegenüber­gestellt werden, ist ein Rätsel.

Ein entscheidendes Problem des Thesenpapiers aber ist das unklare Konzept von Kirchenmitgliedschaft: Es genügt offenbar nicht mehr, Mitglied der Kirche zu sein. Erwartet wird jetzt Engagement; erwar­tet wird die Bereitschaft zum Ehrenamt, mindestens zur Zahlung, sei es in Form der Kirchensteuer oder anderer Formen. Und vorsichtig wird versprochen, „Mitgliedstreue zu würdigen“ und „Angebote für Mitglieder noch attraktiver (zu) gestalten“, „z. B. durch eine Churchcard“ (mit Kreditfunktion, wie anzunehmen ist). Das klingt nach der Wiedereinführung der Fürstenloge, in die sich verdiente und vermögende Mitglieder zurückziehen können. Es klingt nicht danach, die „Vereinskirche“ aufgeben zu wollen, sondern danach, sie durch eine Art Clubkirche zu ersetzen.

In allen diesen Hinsichten ist das Thesenpapier konventionell, auch wenn der antiparochiale Ton schärfer wird. Weder ist der Versuch neu, auf dem Umweg über Erschöpfungs- und Überlastungsdiagno­sen kraftsparend-entlastende Zentralisierungsempfehlungen auszu­sprechen, ohne zu berücksichtigen, dass Zentralisierungen zu erheb­lich drastischeren Überlastungen führen, die dann vice versa nur noch durch Aufgabe des nicht zu Überblickenden gelöst werden können. Noch überrascht die Annahme, Hierarchie sei eine abzu­lehnende und durch Zentrum/Peripherie-Vorgaben zu ersetzende Strukturform – das verführerische Versprechen des Abbaus von Hie­rarchie kommt in jeder Organisation beliebiger Provenienz immer wieder vor, ist aber eine Vorform organisierter Verantwortungslo­sigkeit. Denn der Sinn von Hierarchie ist die Sicherung der Verant­wortungsübernahme im Krisenfall.

Die EKD aber, und das könnte in dieser Konsequenz neu sein, schlägt nun Zentralisierung statt Hierarchie vor. Setzte sich dies durch, bedeutete es die Marginalisierung konfessioneller Vielfalt zu­gunsten eines vorderhand entlastenden Einheitsversprechens, das top down gegeben und trotzdem bottom up gehalten werden muss. Glaubensleben wird so in Erfolgserwartung übersetzt und mit der kaum subtilen Drohung unterfüttert, anderenfalls »aufgegeben« zu werden. Schwach determinierte, suchende Formen religiöser Kom­munikation werden entmutigt.

Zentralistische Generalsätze helfen nicht 

Was braucht die Kirche an Orientierung für die Zukunft? Wie kann sie bestehen trotz zurückgehender Mitgliederzahlen und Finanzen? Die „Leitsätze“ stoßen eine Debatte darüber an, welche Prioritä­ten künftig gesetzt werden sollen, was noch finanziert werden kann und was nicht. Es wird nicht jede Ortsgemeinde und nicht jedes Pfarramt erhalten bleiben können. Durch einen kirchlichen Aktio­nismus gleich welcher Art werden die gesamtgesellschaftlichen Sä­kularisierungsprozesse nicht kompensiert werden können. Je krisen­hafter eine Gegenwart und je ungewisser die Zukunft erfahren wird, desto wichtiger ist es, suchend und fragend vorzugehen und dabei auch nach dem Bewährten zu fragen – mit Vertrauen in die Men­schen, die an so vielen Orten in Deutschland Kirche auf die unter­schiedlichste Art leben und sind. Die Antworten in Ost und West sowie Nord und Süd werden dabei verschieden ausfallen – zentralis­tische Generalsätze helfen hier nicht weiter.

Es bedarf nicht nur der Dynamik, der Bewegung und des Fluiden, wie das Papier immer wieder insinuiert, sondern auch der Verläss­lichkeit, Stabilität und Beständigkeit. Nicht zuletzt deshalb sind Kir­chengebäude so attraktiv – sie stehen für eine Kontinuität, die viele Individuen in ihrem Leben bedroht sehen, sie symbolisieren in ihrer äußerlichen Invarianz die Unverfügbarkeit individueller und kollek­tiver Daseinsbedingungen. An den Orten, an denen Kirchen während des Lockdowns geöffnet waren, waren sie Ankerpunkte für verletzte Seelen und Zuflucht für geängstete Menschen. In der fortschreiten­den digitalen Vernetzung der Gesellschaft nehmen Kirchengemein­den und -gebäude an Bedeutung zu, weil sie Orte sind, an denen Ver­trauen lokal und personal erfahren werden kann. Davon lebt die Kir­che – beharrlich, geduldig, dem Evangelium vertrauend.

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