Alles, was atmet

Tiere taufen? Man kann gute Gründe dafür finden
Foto: privat

Vor einem Jahr kam unser Kater Casimir zur Welt. Wir besuchten ihn bei der Züchterin wenige Wochen nach seiner Geburt und waren verzückt. Beim nächsten Besuch schien die Züchterin verlegen, es sei etwas passiert. Und tatsächlich – sein Fell war irgendwie explodiert. „Er sieht aus wie eine Klobürste“, sagte mein Kind. Anders als seine Britisch-Kurzhaar-Geschwister waren seine Haare lang und strubbelig. Es würden für die Züchtung Perserkatzen eingekreuzt wegen der Weichheit des Fells, erklärte die Züchterin, und manchmal käme leider sowas dabei raus. Wieso leider? Wir lieben unsere Klobürste über alles. Er ist der freundlichste Kater der Welt, geht mit uns spazieren, macht Männchen und hat mir zum Geburtstag sogar eine Maus geschenkt (zum Glück tot und nicht angebissen).

Neulich befanden die Kinder, Casimir sei nun im richtigen Alter, getauft zu werden. Ein Tauffest solle es geben, das allen zeigt, dass er zu unserer Familie gehört und unter Gottes Segen steht. Wenn Taufe Gottes unbedingtes Ja zu ihrem/seinem Geschöpf bedeutet, warum eigentlich nicht? Die Bibel erzählt ja nicht nur Geschichten von Menschen, sondern ebenso von Tieren. Das Tier ist sogar der erste Gefährte des Menschen: In der Schöpfungsgeschichte geht es um die Erschaffung des Menschen und darum, dass er nicht allein sein soll. Daraufhin erschafft Gott Feldtiere, die wie der Mensch aus Erde gemacht sind (Gen 2,19). Sie sind sein erstes Gegenüber und werden lebendig durch den Lebensatem, den Gott ihnen einhaucht – wie den Menschen. „Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: Wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel.“ (Koh 3,19). Als die Sintflut bevorsteht, wird Noah von Gott beauftragt, von allen Tieren ein Paar in die Arche zu bringen, und zwar nicht nur die „Nutztiere“, sondern alle. Und später ergeht an die Menschen und die Tiere der göttliche Auftrag, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (Gen 8,17). Und schließlich: Beide können und sollen Gott loben. Im Psalm 150 heißt es: Alles, was atmet, lobe den Herrn.

Wenn Casimir also Gott loben kann, kann er dann nicht auch getauft werden? Nein, sagt die reine Lehre. Taufe hat etwas damit zu tun, dass Sünden abgewaschen werden, ein Tier ist aber sündlos und bedarf keiner Vergebung. Wenn es um eine Art „Tiertheologie“ geht, wird stets der Unterschied zwischen Mensch und Tier hervorgehoben: Der Mensch ist Ebenbild Gottes, das Tier nicht. Der Mensch hat Bewusstsein, das Tier nicht, der Mensch wird schuldig, das Tier nicht. Ein Mensch kann getauft werden, ein Tier nicht. Und auch der Segen gilt den meisten als menschliches Privileg, denn Tiere, so heißt es, seien von Gott dauerhaft und unverbrüchlich gesegnet, sie bräuchten keine Erneuerung, der Mensch hingegen schon. Maximal könne die Beziehung zwischen dem Menschen und seinem Tier gesegnet werden.

Wäre es nicht an der Zeit, dass das Christentum in einer Gesellschaft, die Tiere rein juristisch als Gegenstände fasst, Abschied nimmt von seinem Anthropozentrismus und die gemeinsame Geschöpflichkeit in den Mittelpunkt rückt? Die katholische Theologin Julia Enxing plädiert dafür, wegzukommen „von einer Anthropologie und anthropologischen Ethik, die auf der Vorstellung der menschlichen Einzigartigkeit basiert und sich entlang der Frage des ‚inwiefern und wo unterscheiden sich Mensch und Tier‘ bewegt, hin zu einer Theologie und Ethik, die fragt, wie Existierendes intersozial (horizontal) verbunden ist. Es geht darum, die gemeinsamen Ursprünge, die geteilte Geschichte und gegenwärtige Performanz von Leben über Artengrenzen hinweg zu verstehen und eine holistische Anthropologie zu begründen.“ Und aus dieser ganzheitlichen Anthropologie könnten wir dann Rituale entwerfen, die das Tier in den Mittelpunkt rücken und den Dank für seine Existenz vor Gott bringen.

Aber bis es soweit ist – was tun? Die Kinder drängeln: „Was ist jetzt mit Casimirs Taufe?“ Ich hole tief Luft. „Katzen mögen kein Wasser.“ Die Kinder nicken. „Okay, dann nicht.“ Puh, das war knapp.

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