Herausragend

Protestantismus heute

Vor drei Jahren haben Christian Albrecht und Reiner Anselm eine Schrift vorgelegt, in dem sie das Programm eines „Öffentlichen Protestantismus“ vorstellten. Darunter verstanden sie die gesellschaftliche Dimension des evangelischen Christentums, die diesem neben einer individuell-religiösen und einer kollektiv-kirchlichen Dimension eingeprägt ist. In einem neuen Band haben die beiden Münchener Theologen ihre Theorie nun exemplifiziert. Ein Motiv dafür ist, „das 2017 relativ abstrakt vorgestellte Programm eines Öffentlichen Protestantismus anschaulich werden zu lassen“. Dies ist ihnen vortrefflich gelungen.

„Protestant sein, heißt, individuelle Überzeugungen zu haben, sich kirchlich verpflichtet zu wissen und sich für das Gemeinwesen zu engagieren“, so definieren die Autoren in der Einleitung plakativ das evangelische Christentum der Gegenwart. Damit beleuchten sie nicht allein die öffentliche Dimension des Protestantismus, sondern präsentieren zugleich eine eigene normative Protestantismustheorie. Mit der Hervorhebung des Öffentlichen treten sie dabei solchen Konzeptionen entgegen, die ein solches Element negieren. Auf Basis trinitätstheologischer Kategorien formulieren sie ein weltzugewandtes, freiheitliches und zukunftsorientiertes Modell, das als liberal-theologische Alternative zu der in der EKD verbreiteten linksprotestantischen „Öffentlichen Theologie“ gedeutet werden kann.

Im Hauptteil differenzieren die Verfasser ihre Theorie in zwölf kurzen Beiträgen weiter aus, die teilweise schon veröffentlicht wurden – unter anderem in zeitzeichen. In „Kirche als Vermittlungsinstanz“ sowie „Elitendemokratie überwinden“ richtet der Ethiker Anselm in zwei beachtenswerten Aufsätzen einen grundsätzlichen Blick auf den Öffentlichen Protestantismus: Der erste bestimmt die Kirche als vermittelndes Bindeglied zwischen individueller Religiosität und öffentlichem Auftreten des Protestantismus, während der zweite die Kirche ermutigt, in der Demokratie integrierend zu wirken. Drei lesenswerte Texte beschreiben nachfolgend die gegenwärtige Präsenz des evangelischen Christentums in den Bereichen Militärseelsorge, Kirchenasyl (beide Anselm) und Diakonie (Albrecht). In zwei Fallstudien formuliert Anselm danach exemplarisch öffentlich-protestantische Positionen zur Friedensethik und zum Nachhaltigkeitsdiskurs. Vom Praktischen Theologen Albrecht stammen sodann Studien zu Spiritualität, Theologiestudium, Volkskirche und Pfarrhaus – praktische Felder, in denen die öffentliche mit den beiden anderen evangelischen Dimensionen verbunden ist. Mit einem äußerst lesenswerten Beitrag zu „Theoriemotiven“ von Trutz Rendtorff, Dorothee Sölle, Wolfgang Huber zeichnet Albrecht drei repräsentative Linien des ethischen Binnendiskurses aus der Zeit der alten Bundesrepublik nach und überträgt sie auf die Gegenwart. Den Schluss bildet ein „Ausblick“, in dem die beiden Autoren überzeugend zu einer schul- und konzeptionsübergreifenden Vertiefung der Forschung zum Öffentlichen Protestantismus einladen.

Den Verfassern ist eine hervorragende Publikation zur öffentlichen Relevanz des evangelischen Christentums gelungen. Positiv erwähnt sei auch, dass durchweg ein sachlicher Duktus gepflegt und gegenüber alternativen Ansätzen nicht polemisch, sondern integrierend argumentiert wird. So werden sie dem Titel Differenzierung und Integration auch in formaler Hinsicht gerecht. Es ist dem Werk zu wünschen, dass es nicht nur in der Wissenschaft, sondern vor allem auch von den einzelnen Akteuren des Protestantismus gelesen wird, insbesondere von Pfarrerinnen und Pfarrern sowie auf den Leitungsebenen der EKD und der Landeskirchen.

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