Die Hauptstadt ruht im Wald

Der evangelische Südwestkirchhof im brandenburgischen Stahnsdorf besticht als Denkmal und als Friedhofslandschaft
Friedhof Stahnsdorf
Fotos: Hans-Jügen Krackher
Die Natur erobert sich ihr Terrain. Selbst vor den großbürgerlichen Grabmälern der Jahrhundertwende macht sie nicht halt.

Friedhöfe legen Zeugnis über Geschichte und Menschen ab. Wer genau lauscht, hört viele Geschichten. zeitzeichen-Redakteurin Kathrin Jütte hat sich auf eine Spurensuche auf den evangelischen Südwestkirchhof in Stahnsdorf begeben, dreißig Kilometer entfernt vom Brandenburger Tor.

Im Friedhofswald versteckt, vorbei am Grenzstein „Reformation“, liegt das Grab von Hugo Distler. Über seine Lebensdaten 1908–1942 auf dem schlichten Holzkreuz hat sich Moos gelegt. Noch lesbar ist der Vers aus dem Johannes-Evangelium „Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“ Schlicht gravierte Orgelpfeifen weisen hin auf den Kirchenmusiker und Komponisten. Distler nahm sich das Leben, weil er nicht in Hitlers Wehrmacht dienen wollte, die Europa unterjochte; er wurde im brandenburgischen Stahnsdorf begraben. Wie die meisten Berliner aus den südlichen Kirchengemeinden nach 1909.

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist voller tragischer Lebensgeschichten – und vielleicht sind sie im Rauschen der Blätter an diesem strahlenden Frühlingstag zu vernehmen, wenn man genau hinhört. Der Himmel ist tiefblau, die Sonne scheint und legt sich wie Goldstaub auf die Bäume. Ein Rascheln, Knacken, Zwitschern liegt in der Luft, es blühen frühe Azaleen, zuweilen auch haushohe Rhododendren, die der Eisheiligenkälte trotzen. Es sind nicht nur die 206 Hektar Größe des Stahnsdorfer Friedhofs, die ihn einzigartig und außergewöhnlich machen. Es sind die Geschichten, die er zu erzählen vermag und die ihn zum Flächendenkmal von nationaler Bedeutung erhoben haben. Das erkennt sogleich, wer einen der wenigen Hauptwege nimmt, die zum weiß leuchtenden monumentalen Christusrelief führen.

Karl Ludwig Manzel (1858–1936) schuf es aus Carrara-Marmor. Es zeigt den überlebensgroßen Christus, umgeben von 23 Menschen, gezeichnet von Alter, Armut, Trauer, Gebrechen und Krankheit. Alle, so scheint es, mit Heilungs- und Erlösungsgedanken. Einzigartig modelliert ist jede Haarsträhne, jeder Fuß. Die Grabmalkunst der vergangenen hundert Jahre verzaubert die Waldlandschaft des Südwestkirchhofs. Selbst Stahlbeton kann diesem Zauber nichts anhaben. Max Taut (1884–1967) schuf hier 1922/23 eine Begräbnisstätte für die Familie Wissinger im expressionistischen Stil aus diesem Material, ein einzigartiges Architektur-Denkmal.

 

In gewisser Weise hat erst die Moderne diesen Friedhof geschaffen: Vor mehr als hundert Jahren wachsen in Berlin die Schornsteine. Die damals drittgrößte Stadt Europas ist Deutschlands größtes Industriezentrum, genannt „Elektropolis“. Mit T. A. Edisons Patenten elektrifizieren Hochtechnologieriesen wie Siemens und AEG den europäischen Kontinent. Die Bevölkerungszahlen explodieren, über drei Millionen Menschen suchen Lebensraum, Heinrich Zille und Max Liebermann dokumentieren ihre Zeit. Wo Fabriken und Mietskasernen den Platz einnehmen, wird der Tod weit vor die Tore verlagert. Außerhalb der Städte entstehen Zentralfriedhöfe wie in Hamburg, München, Wien und Paris. So benötigen auch die Berliner Kirchengemeinden dringend neue Bestattungsplätze, der Stadtsynodenverband muss handeln.

Der Gartenbaumeister Louis Meyer (1877–1955) bekommt den Zuschlag für die Gestaltung. Er ist ein Schüler des preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné und weiß: Im explodierenden Maschinenzeitalter hat sich der Naturalismus entwickelt, der florale Jugendstil ist im Trend. In den brandenburgischen Kiefernwald und das Heideland pflanzt er zehntausende Laubbäume und die in Nordamerika heimischen Rhododendren. Mit weitläufigen Sichtachsen, Fontänen und allein 18 Brunnen nimmt Meyer dem herkömmlichen Waldfriedhof die Schwere. Brunnen und Rondelle schaffen Orientierungspunkte und Inseln im weiten Wald. Geometrische Gräberreihen sind selten, geschwungene Wege bestimmen das Bild.

 

Meyer schafft 1909, zu Anfang des 20.Jahrhunderts, mit seinem Naturfriedhof etwas Revolutionäres. Sein Friedhofswald ist die Antwort auf die harte Lebenswirklichkeit der Industriemetropole Berlin in Brandenburg, die Entgegnung auf das Industrie- und Maschinenzeitalter, der natürliche Sehnsuchtsort nach der Enge des Molochs Berlin. Damals wie heute kontrastiert die unendliche Stille des Friedhofswaldes mit der lärmenden Großstadt.
Viele derjenigen, die diese Zeit des Aufbruchs prägten, finden sich auf diesem Friedhof mit seinen 120 000 Gräbern. Hier wurden Großindustrielle der Familie Siemens beerdigt oder Georg Graf von Arco, der Mitbegründer der Telefunken-Gesellschaft. Die Verlegerfamilien Langenscheidt und Ullstein liegen in Stahnsdorf, die Maler Lovis Corinth und Heinrich Zille, der Politiker Rudolf Breitscheid und der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau.

Gestaltung mit Leidenschaft

Wer die ganze Stahnsdorfer Friedhofsgeschichte erfahren will, der gehe mit Olaf Ihlefeldt auf Spurensuche. Ein Ur-Brandenburger, sportlicher Frühfünfziger und berufsbedingt Friedhofswaldläufer. Er ist mit Leidenschaft Friedhofsverwalter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Friedhöfe seien gleichwertig mit Museen, nur würden sie nicht millionenschwer ausgestattet. Die Gräber sind für ihn Kulturdenkmäler und die darin bestatteten Menschen Zeitzeugen, die prominenten und unbekannten. Ihlefeldt wischt unter Büschen und Ästen das Laub weg. Er erzählt von einer Witwe, die ihre sechs Kinder allein durchgebracht hat. Zweihundert Meter weiter imponiert das gigantische Mausoleum eines Großindustriellen. Noch nach hundert Jahren erzählen diese Kontraste auf dem Friedhof vom Berlin der Gegensätze.

 

Dass diese Geschichten bis heute bewahrt sind, hat auch mit der deutschen Teilung zu tun. Weil der Friedhof so nahe an der Mauer lag, blieb sein ursprünglicher Charakter weitgehend erhalten. Nur die Botanik hat sich über vier Jahrzehnte ausgebreitet. Immer wieder tauchen am Wegesrand Denkmäler auf, deren Inschriften die Verstorbenen vor Anonymität und Vergessen bewahren. Zu sehen sind prachtvolle Epitaphien, ausgestattet mit Todessymbolik, Grabfiguren, Reliefs mit Abschiedsszenen.

 

Gartenarchitekt Meyer hat aus der Pionierzeit von Elektrizität und Maschinen eine emotionale Naturlandschaft hinterlassen, die auch Menschen der digitalen Zeit beeindruckt. Aus der gepflegten Naturbelassenheit ist über die Jahrzehnte eine gepflegte Wildnis geworden. Dort versteckt, ein kleiner Torso, ein Engel im Astwerk, die Madonna im Efeu, in der Blickachse strahlt ein Tempel im Gebüsch, Skulpturen und Stelen aus Stein und Bronze lassen sich umrunden, vielerlei Bänke laden zum Verweilen ein.

Olaf Ihlefeldt versteht es, hinter verbliebenen Namen, Daten und Orten eine Lebensgeschichte zu formen. Wie die von Friedrich Weißler (1891–1937). Der evangelische Christ jüdischer Herkunft war 1933 von den Nazis aus dem Richteramt in Magdeburg vertrieben worden und schloss sich der Bekennenden Kirche (BK) an. Er starb am 9. Februar 1937 im KZ Sachsenhausen, zu Tode geprügelt von SS-Wachmännern.

 

Auf einem Kirchplatz nicht weit vom Haupteingang steht ein Gotteshaus im Stil der norwegischen Stabholzkirchen, es ist eine dreischiffige Kapelle. Eine Holzkirche im Riesengebirge diente als Vorbild. Die aufwändigen, filigranen Jugendstilornamente im Inneren sind vollständig erhalten. Sie bietet nicht nur Platz für Beerdigungen, sondern auch für Chorkonzerte, Kammermusiken und Lesungen.

Das Schreiten auf einem dicken Moosteppich hat etwas Wunderbares, erst recht, wenn Sonnenstrahlen die letzten Tautropfen erglühen lassen. An seiner Nordseite überrascht der Friedhofswald mit einem Szenenwechsel. Wo eben noch ursprüngliche Natur das Bild prägte, dominieren auf einer Länge von tausend Metern monumentale Grabstätten. Alle entstammen dem 19. Jahrhundert, der Zeit vor der Friedhofsgründung. Hochglanzpolierte Grabwände mit skulptural gearbeiteten Schmuckelementen verweisen auf die späte Gründerzeit mit ihren großbürgerlichen Eliten. Wie das Mausoleum der Verlegerfamilie Langenscheidt oder das Eisengitterwerk am Grab des Freimaurers Alexander Katz.

 

Dass Hitler nicht nur Millionen Lebenden Gewalt angetan hat, sondern sogar den Toten, zeigt sich hier: Die Ruhe der Toten musste angesichts seiner monströsen Pläne für die geplante Umwandlung Berlins in die Welthauptstadt Germania weichen. Hitlers mörderischer Stadtplaner Albert Speer ließ 1938/39 mit Militär und Reichsarbeitsdienst in zwei Jahren 20 000 innerstädtische Grabstätten in den Friedhofswald von Stahnsdorf überführen.

Symbole der Auferstehung

Doch der Friedhof ist nicht nur der Ort monumentaler Erinnerung, sondern auch zarter Verkündigung. Olaf Ihlefeldt erzählt vom Schmetterling als Auferstehungssymbol, von Palmblättern als Hoffnungsidee, von Inschriften mit Alpha und Omega, dem Christusmonogram Chi –Rho. Und von Mohnkapseln, sinkenden Fackeln und Lorbeerkränzen als Zeichen des ewigen Schlafes oder Todes.

 

„Friedhöfe müssen lebendig gehalten werden, nicht nur verwaltet“, sagt Ihlefeldt aus Überzeugung. So ist er neben dem Friedhofsverwalter auch leidenschaftlicher Gedenkarbeiter, der Geschichte fassbar machen möchte. Das Gewesene berühren, spüren, wie es war – und erkennen.

Jeden ersten Samstag im Monat führt er über den Friedhof. Gut 250 Mitglieder umfasst der Förderverein, in dem er sich auch ehrenamtlich für den Kirchhof engagiert. Zum Veranstaltungsprogramm des Vereins gehören Sommerabende auf dem Kirchhof mit Film, Musik, Tanztheater und illuminierten Bauwerken. „Warum sollen die Friedhöfe pure Orte der Trauer sein?“ Für ihn sind sie auch Hoffnungsorte.

Zwischen Buchen, Eiben, Ulmen und baumhoch gewachsenen Rotdorn- und Weißdornhecken kommt immer wieder dieses Leuchten, Freuen, Leichtsein und Lächeln. Der Friedhof wird erfüllt von der Gebärde, mit welcher die Rhododendrenblüten sich täglich auftun. Ein leichter Wind streicht durch die Kronen alter Buchen. Sie wachsen so dicht, wie es in unseren Breiten nur die Buchen tun, deren Keimlinge am Besten im Schatten der Alten gedeihen.

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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