"I can't breathe"

Zur Rolle der Klage in Zeiten glokaler Pandemie
Demonstrantin bei der Menschenkette gegen Rassismus in Berlin
Foto: epd-bild/Christian Ditsch
Demonstrantin bei der Menschenkette gegen Rassismus in Berlin am 14.6.2020 in Berlin.

In den Bewegungen und Klagerufen dieser Tage und Monate formiert sich ein neues „wir“ über Grenzen hinweg jenseits der Vereinzelung, die der Lockdown mit sich brachte. Die Theologin Dorothea Erbele-Küster unternimmt vor diesem Hintergrund eine Relektüre der biblischen Klagepsalmen, durch die sie Einsichten über die Funktion der Klage und der Trauer gewinnt.

„I can´t breathe“, so lautete George Floyds flehentliche Bitte, die er mehrmals wiederholte auf dem Asphalt liegend, während ein Knie seine Kehle für acht Minuten und 46 Sekunden zudrückte, bevor sein Atmen erlosch. In diesem Aufschrei „Ich kann nicht mehr atmen“ verdichtet sich die Erfahrungen vieler Menschen der letzten Monate. George Floyd verlor wie andere der über 40 Millionen Amerikaner und Amerikanerinnen seinen Job als Folge des Lockdown. Er trug das Covid-19-Virus in sich. Im Beerdigungsgottesdienst des Afroamerikaners wird dieser Klageruf immer und immer wieder laut: „I can´t breathe“ ‒ „Ich kann nicht mehr atmen“.

In den Bewegungen und Rufen dieser Tage und Monate formiert sich ein neues Wir über Grenzen hinweg jenseits der Vereinzelung, die der Lockdown mit sich brachte. Die Trauer reagiert auf die Erfahrung der Gewalt, auch unsere Komplizenschaft in ihr, und unsere menschliche Verletzlichkeit. Die Trauer bringt zum Ausdruck, dass der Andere uns angeht, dass er Teil eines Wir war und ist. In diesem Sinn ist Trauer auch nicht nur privat, sondern kann eine Gemeinschaft, ein Wir konstituieren. In diversen Formen und Ritualen findet Trauer und Protest Ausdrucksmöglichkeiten, jenseits von Gegengewalt. Im Lockdown der Covid-19-Pandemie wurden neue, vielfach digitale, Formen gefunden, um diesem Wir eine Plattform zu geben. Es entstand ein neues Videosongclipformat, in dem separat aufgenommene Stimmen und Bilder zu einem gemeinsamen Lied zusammengeschnitten wurden. Chöre, Gemeinden und bislang nicht miteinander vernetzte Stimmen wurden so im Lockdown zu einem neuen Wir zusammengefügt und hunderttausendfach im „wir bleiben daheim“ angeklickt und hörbar.

Leise Totenklage

Gospels und Segenslieder überwiegen in diesen Clips. Zu Beginn war die Klage über die Toten darin leise hörbar. An den Gräbern standen vielfach nur die Totengräber, um mit den Trauernden zu trauern. Trauerfeiern wurden in den digitalen Raum gedrängt. In Italien wurde der Klageruf, so schien es, allein im Geläut der Totenglocken, das in manchen Regionen nicht abbrach, hörbar.

In der jüdisch-christlichen Tradition nehmen diese Sprachformen der Klage und Bitte einen zentralen Raum in der Klageliteratur ein. Als Bibelwissenschaftlerin unternehme ich daher eine Relektüre der Psalmentexte, da diese Texten Einsichten über die Funktion der Klage geben. Die Klage ist in ihrer Verzweiflung offen ‒ nicht zuletzt auf Gott hin und damit Transformation. Die Klage vertröstet nicht, sie beschönigt nicht und gibt zugleich der Hoffnung auf Veränderung Ausdruck. In Psalm 42 ertönt folgender Ruf aus der zugeschnürten Kehle:

Meine Kehle, mein Innerstes dürstet nach der Gottheit, nach dem lebendigen Gott:
Meine Tränen sind mir zum Brot geworden Tag und Nacht,
weil sie täglich zu mir sagen: Wo ist dein Gott? […]
Was schnürst du dich zu, meine Kehle, und stöhnst gegen mich?
Hoffe auf Gott! Denn ich werde ihn wieder loben,
sein Antlitz, das Freiheit schafft.“

Bei der Klage handelt es sich um eine Sprachform, die das Unaussprechliche als Unaussprechliches äußert. Cathy Caruth spricht im Kontext ihrer literaturwissenschaftlichen Traumatheorie von der „unclaimed experience“, der Erfahrung, die sprachlich, symbolisch und narrativ nicht erfasst wird und daher überwältigt und verstört. Die Klage kann ein Versuch sein, dies zu versprachlichen. So bewegt sie sich zwischen Verstummen und Benennen. Die Klage ist die unartikulierte Artikulation der traumatischen Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht, Krankheit und Tod, sozialer und ökonomischer Ausweglosigkeit. In der Klage bricht der Einzelne aus der Vereinzelung heraus und in der Klage formiert sich dabei auch eine kollektive Identität der unterdrückten Stimmen als Reaktion auf Gewalterfahrungen.

Aufbrechende Klagerufe

In der gegenwärtigen Gemengelage werden unterschiedliche Emotionen laut. Der Schock der Gewalterfahrung und die langanhaltende Ohnmachtserfahrung, wie sie zuletzt in den Folgen des Lockdown für viele verschärft spürbar wird, sind noch nicht überwunden. Der Verlust von Menschenleben lässt sich nicht in Schaubildern verrechnen, dies wird an den nun aufbrechenden Klagerufen deutlich.

Der bekannte Psalm 137 „An den Flüssen Babylons“ ist auf ähnliche Weise eine verstörende und verstörte Reaktion. Er ist eine sprachliche Reaktion auf Gewalterfahrungen und Fremdherrschaft wohl während des babylonischen Exils und in der Makkabäerzeit. Der Psalm zeugt von der Unmöglichkeit und Notwendigkeit der Versprachlichung: „Wie können wir angesichts von gedrücktem Herz, angesichts der Klage singen?“. Zugleich sucht die Stimme nach einer Sprachform, dass das Leid im Lied erfahrbar macht. Der Vernichtungswunsch am Ende des Psalms lässt stocken. Der Unterdrückte wird selbst von der Gewalttätigkeit ergriffen und antwortet im Psalm in Bildern der Unterdrückung und Vernichtung. Der Psalm in seiner Singularität von Sprach- und Ausdrucksformen und gefährlichen Grenzaussagen hat eine breite Rezeption erfahren in Spirituals, im Ghetto möglicherweise gerade weil er nicht glattbügelt, sondern der Verstörung Raum gibt.

In einem Meinungsstück in der New York Times vom 14.06.2020 des afroamerikanischen Theologen Esau McCaully „What has the Bible to say about Black Anger“ denkt der Autor über die Spannung zwischen Wut, Protest und Hoffnung auf Versöhnung nach. Auch er zieht Psalm 137 heran. Er macht deutlich, dass für ihn und die schwarzafrikanische Bevölkerung, Versöhnung und Überwindung von Gewalt nur möglich sind auf der Basis von Gerechtigkeit; solange wird der Ruf nach Gerechtigkeit ertönen, so der Duktus des Artikels.

Es scheint, dass sich der Ruf „I can´t breathe“ bereits ins kollektive Gedächtnis einschreibt. In der Trauerklage über die Gewalterfahrung werden im sogenannten „new normal“ die Risse sichtbar, die in unseren Gesellschaften verlaufen. Die Klage verweist auf unsere Vulnerabilität und Relationalität und wird zu einer ethischen Aufgabe. Die jüdisch-christliche Tradition verfügt über ein Reservoir an Psalmengebeten, Gospels und Liedern, das Anleitung geben kann für die Überlebensnotwendigkeit der Klage in Krisenzeiten. In diesem Sinne hält der Klageruf „Ich kann nicht mehr atmen“ der zugeschnürten Kehlen, der durch die Masken hindurch laut wird, das Verlangen nach Atem und Gerechtigkeit am Leben.

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Foto: Universität Mainz

Dorothea Erbele-Küster

Dr. theol. habil. Dorothea Erbele-Küster ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Universität Mainz.


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