Eng verbunden

Der Sexualpädagoge Helmut Kentler und die evangelische Kirche
Wolfgang Kentler (1928 –2008)
Foto: Ullstein
Umstrittenes Wirken: Der Sexualpädagoge Wolfgang Kentler (1928 –2008).

Helmut Kentler war im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eine Koryphäe auf dem Gebiet der Sexualpädagogik. Jetzt wird seine Rolle in Verbindung mit der Aufdeckung sexuellen Kindesmissbrauches sehr kritisch bewertet. Die Göttinger Politikwissenschaftlerin  Teresa Nentwig schildert Kentlers Verbindungen zu und seine Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche. Eine kritische Auseinandersetzung mit Kentlers Wirkens steht dort noch aus.

Als „Obergutachter der Nation in Fragen der sexuellen Erziehung“ wurde Helmut Kentler 1976 in der Wochenzeitung Die Zeit bezeichnet. In der Tat war der Begründer der emanzipatorischen Sexualpädagogik lange sehr gefragt: Ging es in den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren in Magazinen und Zeitungen um das Thema Sexualität, wurde gern Helmut Kentler zitiert; sein bei Rowohlt erschienenes Buch Eltern lernen Sexualerziehung wurde ein Bestseller. „Die Sexualerziehung hat nicht die Aufgabe, einengend auf das Sexualleben zu wirken, sondern sie soll freimachen zum Genuß und zur Liebe“, lautete eine seiner Thesen. Auch im Radio und im Fernsehen war Kentler nahezu dauerpräsent.

Doch inzwischen liegen Schatten auf seinem Wirken. Umstritten ist Kentler heute vor allem wegen einer Initiative in Berlin, die er selbst als „Experiment“ bezeichnet hat: Ab Ende der 1960er-Jahre brachte er Jungen, die am Bahnhof Zoo auf den Strich gingen, bei Männern unter, die wegen sexueller Kontakte mit Minderjährigen vorbestraft waren. Mit Unterstützung der Berliner Senatsverwaltung wurden bei ihnen Pflegestellen eingerichtet. Der Grundgedanke dieses Projekts beruhte auf einem Tauschgeschäft, das Kentler aufgrund seiner positiven Haltung gegenüber sexuellen Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen (Pädosexualität) als für beide Seiten einträglich ansah: Der pädosexuelle Mann stellte dem Jungen seine Wohnung zur Verfügung, versorgte ihn, brachte ihm Fürsorge entgegen – und der Junge bot ihm als Gegenleistung seinen Körper an.

Öffentlich weniger bekannt sind heute Kentlers enge Verbindungen zur evangelischen Kirche, die Jahrzehnte andauerten. Ihren Anfang nahmen sie Ende der 1950er-Jahre in Freiburg, wo Kentler studierte. Das Studentische Jugendarbeitsprogramm, über das er sein Studium finanzierte, sah vor, dass die Stipendiatinnen und Stipendiaten während der Semesterferien in der Jugendarbeit tätig waren. Der 1943 konfirmierte Kentler wurde einem Projekt an der Evangelischen Akademie Bad Boll zugeteilt. Unter der Leitung des Pädagogen Gottfried Weber arbeiteten er und weitere Studierende vier Jahre lang mit unorganisierten Auszubildenden und jungen Arbeitern zusammen. Ziel war es, neue Formen der Jugendarbeit zu entwickeln. Die wegweisenden Projektergebnisse publizierte Kentler – häufig in evangelischen Zeitschriften wie Die Mitarbeit. Evangelische Monatshefte zur Gesellschaftspolitik – und trug sie auf Tagungen vor. Er wurde auf diese Weise zu einem zentralen Vertreter der evangelischen Jugendarbeit.

„Zeig Mal!“

Während seines Studiums kam Helmut Kentler auch erstmals mit der Evangelischen Akademie Arnoldshain im Taunus in Kontakt: Parallel zu seiner Arbeit mit Industriejugendlichen war er dort seit 1957 mit einer Studie über Oberschülerinnen und Oberschüler befasst. Diese frühen Verbindungen zur Evangelischen Akademie Arnoldshain sollten sich für Kentler auszahlen, denn zum 1. Oktober 1960, unmittelbar nach Bestehen seiner Diplom-Hauptprüfung für Psychologen, wurde er dort Jugendbildungsreferent mit den Arbeitsgebieten Politische Bildung und Jugendarbeit. In dieser Funktion war er für die Planung und Durchführung von Tagungen zuständig, die für Schüler,
Studentinnen, Studenten und junge Industriearbeiter stattfanden.

Genau zwei Jahre später, zum 1. Oktober 1962, wechselte Helmut Kentler von Arnoldshain an das Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal am Schliersee, das von dem gleichnamigen gemeinnützigen Verein getragen wurde, aber eine kirchliche Einrichtung war und dem Diakonischen Werk in Bayern angehörte. Als Mitarbeiter des pädagogisch-theologischen Teams war Kentler für die Gebiete Soziologie, Jugendpsychologie sowie Sozialpädagogik zuständig.

1965 begann dann Kentlers wissenschaftliche Karriere: Er wurde Assistent von Klaus Mollenhauer, Professor für Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Berlin. Kentler hatte Mollenhauer am Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit kennengelernt, wo beide an einer Studie mitarbeiteten, die 1969 unter dem Titel „Evangelische Jugendarbeit in Deutschland. Materialien und Analysen“ veröffentlicht wurde. Von der Pädagogischen Hochschule wechselte Kentler 1966 an das Pädagogische Zentrum Berlin, ehe er von 1976 bis 1996 Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover war. In jenen über dreißig Jahren – von 1965 bis 1996 – und auch darüber hinaus blieb Kentler auf unterschiedliche Weise der Evangelischen Kirche verbunden, wie im Folgenden drei Beispiele zeigen sollen: erstens seine Vortragstätigkeit, zweitens das Buch Zeig Mal!, für das Kentler das Vorwort verfasste, und drittens sein Einsatz für die Entstigmatisierung der Homosexualität in der Kirche.

Zunächst zum erstgenannten Punkt: Kentler hielt über die Jahrzehnte zahlreiche Vorträge an Evangelischen Akademien. Zum Beispiel stellte er 1976 bei der Tagung „Normen heutigen Sexualverhaltens“ in der Evangelischen Akademie Tutzing zehn Thesen für eine neue Sexualmoral vor. 1998 referierte Kentler bei der Tagung „Dutschke und Bloch damals – Zivilgesellschaft heute. Anstöße zu einer lebensdienlichen Politik von unten“ in Bad Boll zum Thema „Die APO und ihre Anstöße zu Erziehung und Sexualmoral“. 2004 – vier Jahre vor seinem Tod – sprach er in Loccum über seine Theorie der Jugendarbeit.

Das zweite Beispiel für Kentlers Verknüpfungen mit der Evangelischen Kirche ist die Sexualaufklärungsschrift Zeig Mal!, die 1974 erschien und in den Buchläden ein großer Erfolg war. Die Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Helga Fleischhauer-Hardt und der amerikanische Fotograf Will McBride zeigen darin ganzseitige Fotografien von Kindern, die ihren Körper entdecken, und von Jugendlichen und Erwachsenen, die die Kinder in das Thema Sexualität einführen. Unter anderem sind dabei ihre Geschlechtsteile wie auch ein Sexualakt zu sehen. Kurze Kommentare über den Fotos vermitteln Informationen. Helmut Kentler durfte dieses (laut Cover) „Bilderbuch für Kinder und Eltern“ mit einem Vorwort versehen, in dem er sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen verharmloste. Würden diese „von der Umwelt nicht diskriminiert“, seien bei den Kindern „positive Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung zu erwarten“, schrieb er.

Interessant ist nun, dass Zeig Mal! in einem der Evangelischen Kirche nahestehenden Verlag, dem Wuppertaler Jugenddienst-Verlag, veröffentlicht wurde, der der Stammverlag des Bundes Deutscher Bibelkreise war. Gegründet hatte ihn 1951 der Jurist und CDU-Politiker Hermann Ehlers, der sich stark in der und für die Evangelische Kirche engagierte – so war Ehlers vor seiner Zeit als Bundestagspräsident Ende der 1940er-Jahre Oberkirchenrat in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg. Geschäftsführer des Jugenddienst-Verlages war von 1954 bis 1967 der spätere nordrhein-westfälische Ministerpräsident und Bundespräsident Johannes Rau. In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre nahm der Verlag Zeig Mal! vom Markt, vor allem weil das Buch mehr und mehr mit sexuellem Kindesmissbrauch und Pornografie verbunden wurde.

Engagiert für Homosexuelle

Drittens schließlich blieb Helmut Kentler im Rahmen seines Einsatzes für eine Entdiskriminierung der Homosexualität mit der evangelischen Kirche verknüpft. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1977 in Berlin forderten homosexuelle Christen zum ersten Mal öffentlich, dass homosexuelle Mitarbeiter von den Landeskirchen nicht mehr diskriminiert werden und Homosexualität stattdessen als gleichberechtigt anerkannt wird. Um für dieses Anliegen stärker einzutreten, schlossen sie sich noch im selben Jahr im „Arbeitskreis Homosexualität und Kirche“ (HuK; seit 1985 „Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche“) zusammen. Auch Kentler engagierte sich bald für die HuK, und zwar erstmals beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 1979 in Nürnberg, wo die HuK eine Podiumsdiskussion zum Thema „Homosexualität und Evangelium“ veranstaltete.

Ein Jahr später reagierte Kentler in seiner Funktion als Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung sozialwissenschaftlicher Sexualforschung (GFSS) auf die von der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) veröffentlichte Studie „Gedanken und Maßstäbe zum Dienst von Homophilen in der Kirche“. In der Stellungnahme, die der gesamte GFSS-Vorstand unterzeichnete, wurde die kirchliche Schrift als „von tiefer Furcht vor der Homosexualität erfüllt“ bezeichnet. Sie übernehme „längst überholte Einteilungsschemata und Erklärungsversuche, die allesamt erfunden wurden, um die Homosexualität zu bekämpfen, möglichst sogar abzuschaffen“.

Vier weitere Beispiele sollen ausreichen, um Kentlers fortschrittliches Engagement für eine Entstigmatisierung von Homosexualität in der Kirche zu dokumentieren: 1983 gab er das Buch Die Menschlichkeit der Sexualität. Berichte • Analysen • Kommentare ausgelöst durch die Frage: Wie homosexuell dürfen Pfarrer sein? heraus; Mitte der 1980er-Jahre setzte sich Kentler für Pastor Hans-Jürgen Meyer ein, der vom Landeskirchenamt Hannover nach seinem Bekenntnis zu seiner homosexuellen Partnerschaft beurlaubt worden war; ebenfalls Mitte der 1980er-Jahre übte Kentler gemeinsam mit dem Theologen und Pfarrer Hans Georg Wiedemann Kritik an dem Text „Homosexualität und Pfarrerberuf“ von Horst Hirschler, damals Landessuperintendent in Göttingen; 1991 schließlich hielt Kentler beim Deutschen Evangelischen Kirchentag im Ruhrgebiet einen Vortrag mit dem Titel „Sexuelle Orientierung und alternative Lebensgemeinschaften“. Alles in allem zeigt das Vorstehende, dass Helmut Kentler ein gefragter Experte kirchlicher und kirchennaher Einrichtungen war, der sich einmischte. Gerade in Bezug auf das Thema Homosexualität ging er in Konfrontation zur offiziellen Position der Kirche. Es stellt sich jetzt die Frage, inwieweit sich diese kritisch mit ihrem Mitglied auseinandersetzte. Insgesamt lassen sich in diesem Zusammenhang zwei zentrale Ereignisse identifizieren, bei denen Kritik an Kentler laut wurde.

Einflussreiche Kreise

Zunächst ist die schon erwähnte Tagung „Normen heutigen Sexualverhaltens“ anzusprechen, die 1976 in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand und zu der auch Günter Amendt, Sozialwissenschaftler und Ende der 1960er Jahre führendes SDS-Mitglied, sowie die christlich-konservative Psychotherapeutin Christa Meves geladen waren. Meves, damals Mitglied der Synode der EKD, sagte jedoch ab, da ihr die Liste der Referentinnen und Referenten zu unausgewogen war. Mehr noch: Laut Amendt und Kentler haben „einflußreiche evangelische Kreise“ bereits im Vorfeld versucht, Kentlers Konferenzteilnahme und seinen Vortrag zu verhindern, indem sie gegen seine „sexualpädagogischen Veröffentlichungen (fast durchweg mit gefälschten Zitaten, Unterstellungen, Verleumdungen)“ polemisiert hätten. Die Akademieleitung gab diesem Druck allerdings nicht nach. Nach der Tagung wurde die Akademie von einer Protestwelle überrollt, deren Ziel Helmut Kentler war: „Es ist ihnen [sic] sicher bekannt, daß Herr Kentler die Verführung von 3–4jährigen Kindern befürwortet, daß er den vorehelichen Verkehr befürwortet[,] zu kriminellen Handlungen auffordert und eine zerstörerische Arbeit gegen die Kirche betreibt“, ist in einem Beschwerdebrief zu lesen. Vor allem bayerische Pfarrer waren es, die sich gegen Kentler wandten, „weil nach ihrer Auffassung die Aussagen Kentlers über die Sexualität ‚der biblischen Botschaft in recht massiver Weise entgegenlaufen und hier den Gegnern christlichen Denkens ungewollt eine Propagandaplattform geboten werde‘.“

Ähnliches trug sich 1979 beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Nürnberg zu. Gemeinsam mit Hans Georg Wiedemann sollte Kentler an der bereits angesprochenen Podiumsdiskussion zum Thema „Homosexualität und Evangelium“ teilnehmen. Doch nach einer Intervention des Münchener Oberkirchenrats Hermann Greifenstein lud ihn das Kirchentagspräsidium vier Wochen vorher wieder aus. Zur Begründung hatte Greifenstein angeführt, dass Kentlers „letzter Fernsehauftritt eine Menge Gemeindemitglieder mit Recht verschreckt [hat].“

Die HuK protestierte erfolgreich gegen Kentlers Ausladung: Der hannoversche Professor durfte schließlich doch in Nürnberg auf dem Podium sitzen – ein „Skandal“, verlautete es aus dem Evangelisch-Lutherischen Dekanat Rothenburg ob der Tauber, denn Kentlers „perverse Thesen zur Sexualerziehung“ seien „ein Hohn auf das christliche Menschenbild“. Während der Diskussion verteilten Evangelikale Flugblätter, auf denen sie über das Sühnefasten informierten, welches sie unter anderem aus Protest gegen Kentlers Beteiligung begonnen hatten.

Dass die Kritik an Helmut Kentler damals eher von christlich-konservativer Seite kam, könnte eine der Ursachen dafür sein, dass in der sich liberalisierenden Evangelischen Kirche keine tiefergehende Auseinandersetzung mit seiner positiven Einstellung zu sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern stattfand und sie vielmehr mit Kentler eng verbunden blieb. Bis heute fehlt eine Distanzierung zu dieser problematischen Seite seines Wirkens

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Foto: APB Tutzing/Natalie Weise

Teresa Nentwig

Teresa Nentwig ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung.


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