In, mit und unter

Ein digitales Abendmahl widerspricht dem lutherischen Verständnis
Digitales Abendmahl (Symbolbild)
Foto: epd

Kann es ein „Online-Abendmahl“ geben? Diese Frage wird unter Theologen und Theologinnen in dieser Corona-Passionszeit heiß diskutiert. Der international renommierte Kirchenhistoriker und Lutherspezialist Volker Leppin aus Tübingen erklärt, warum er ein „digitales Abendmahl“ ablehnt.

In sozialen Netzwerken geht unter Pfarrerinnen und Pfarrern der evangelischen Kirche eine drängende Frage um: Gibt es digitales Abendmahl? Die Frage legt sich tatsächlich nahe – der Gründonnerstag gilt als Tag der Einsetzung des Abendmahls. Ihn ohne eine entsprechende Feier zu begehen, scheint widersinnig, die Spitze des Eisbergs für eine Kirche, die in Zeiten von Corona aus ihren eigenen Gebäuden in die digitale Welt gedrängt wurde.

Die damit verbundene Herausforderung hat viele kreative Ideen hervorgebracht. Man staunt, wie die verstaubte Kirche nun mit einem Mal durch online-Formate glänzt. Pfarrer, die bislang mit ihren Social-Media-Projekten eher belächelt wurden, allenfalls bestaunte Phänomene am Rande des kirchlichen Lebens darstellten, werden plötzlich „gehypt“. Die Kirche von morgen, die sie verkündet haben, ist plötzlich zur Corona-Kirche von heute geworden.

Digital ist nicht gleich geistig

Da erscheint das medial vermittelte Abendmahl als Chance für eine moderne Kirche. Überlegungen machen die Runde, man könne das Abendmahl ja in kleinem Kreis in der Kirche einsetzen – und Gemeindeglieder auffordern, gleichzeitig zu Hause mitzufeiern. Manche nennen das häusliche Geschehen dann auch Abendmahl, manche drücken sich um den Begriff herum. Manche verweisen darauf, dass es ja schon einmal funktioniert hat, als vor vier Jahren ein württembergischer Pfarrer, ungebremst von seiner Kirchenleitung, das Abendmahl via Bibel-TV feierte.

Man wisse ja nicht, so hieß es damals, was Gott alles ermögliche. Das weiß man in der Tat nicht – und genau deswegen hat Luther gegen die „Schwärmer“ darauf insistiert, dass es Verheißungen Gottes gibt, auf die man in allem Unwissen vertrauen darf: Im Wort der Schrift und in den Sakramenten schenkt er seinen Geist. Natürlich kann der sonst wehen, wo er will. Auch digital kann er wehen, wahrscheinlich sogar ziemlich gut. Aber digital ist, nur weil es immateriell ist, nicht gleich schon geistig, und schon gar nicht im theologisch qualifizierten Sinne geistlich.

Die Pointe des lutherischen Abendmahlsverständnisses liegt genau in der Materialität des Geschehens: Das Abendmahl steht dafür, dass das Wunder der Inkarnation alles Sein verändert hat. Gegen die, die Geist und Materie sauber trennen wollten, hielt Luther daran fest: Jesus Christus zeigt, dass Gottes Geist Materie durchdringen kann. Und so kann der Geist auch das Brot durchdringen, das für Luther dann im Abendmahl nicht mehr einfaches Bäckerbrot war, sondern eben der besondere, geheiligte Leib Jesu Christi.

„Wir essen unseren Gott“

Wie man sich den Vorgang genauer vorstellen sollte, wollte er nicht festgelegt haben – das ist der entscheidende Grund, warum er sich gegen die mittelalterliche Lehre der Transsubstantiation, der Erklärung der Wandlung der Elemente nach aristotelischem Denkraster, gewandt hat. Lutheranern ist es heute, wenn es ihnen überhaupt noch bewusst ist, oft eher peinlich, was Luther 1528 geschrieben hat: Einmal, so meinte er, hätte ein Papst wenigstens mal was Richtiges gemacht: als er den Mönch Berengar, der die Möglichkeit einer leiblichen Präsenz Christi in der Hostie mit klugen philosophischen Argumenten bestritten hatte, zu dem Bekenntnis verurteilt habe, „er zerdrücke und zerreibe mit seinen Zähnen den wahrhaftigen Leib Christi“. In seinem Abendmahlsverständnis war Martin Luther nicht weit von dem Ruf des Mystikers Johannes Tauler: „Wir essen unseren Gott!“ Dass und wie Tauler sich dann über Essen, Trinken und Verdauen bis in den Magen hinein ergeht, mag uns heute unappetitlich vorkommen. So verzärtelt wie wir war er nicht, und so verzärtelt war auch Luther nicht.

Die jetzigen Debatten um virtuelles Abendmahl werfen auch die Frage auf, ob Lutheraner es noch ernst damit meinen, dass durch Jesus Christus ein neues Sein entstanden ist, das nicht nur die Existenz des Menschen, sondern alle Bedingungen der Wirklichkeit betrifft. An dem Glauben, dass es so ist, hängt nicht nur ein Abendmahl am Gründonnerstag, sondern auch der Glaube an die Menschwerdung Jesu Christi und an seine Auferstehung.

Nicht ohne materielles Zeichen

Aus Luthers starken Worten und Bildern ist im lutherischen Bekenntnis dann immerhin der Gedanke geworden, dass Jesus Christus „in, mit und unter“ dem Brot und dem Wein gegenwärtig ist. Das drückt dogmatisch nüchtern aus, dass das Abendmahl – wie übrigens die Taufe auch – ohne das materielle Zeichen nicht zu haben ist. Brot und Wein, in ihrer physischen Beschaffenheit, gehören dazu.

Sicher wird zu Recht gegen solche altbacken daherkommenden Argumente eingewandt, die Bibel habe ja von der digitalen Welt noch nichts gewusst und daher diese Möglichkeit nicht ausdrücklich eröffnet. Wohl wahr. Die Bibel wusste übrigens auch nichts von Atomwaffen, und trotzdem ist die evangelische Position dazu, zu Recht, meist sehr eindeutig.

Auch hier ist die Bibel keine Gebrauchsanweisung, sondern ein hermeneutisch zu lesender Text. Da wäre dann auch zu bedenken, dass die biblische Welt sehr wohl von Medien wusste. Sie kannte Briefe und hat sie bekanntlich sogar in sich aufgenommen. Sie wusste von Bildern (und war, vergessen wir das nicht, ihnen gegenüber einigermaßen skeptisch). Die moderne Haltung, erst wir Digitalen seien medial kompetente Menschen, erweist sich kulturgeschichtlich als eine maßlose Arroganz. Selbst wo Bildtheorien vor neuplatonischem Hintergrund das Abbild als eine Form der Präsenz des Abgebildeten gesehen haben, kam der Gedanke nicht auf, das abgebildete Abendmahl könne das reale Abendmahl ersetzen.

Leibfeindliche Traditionen

Wer das dennoch tun will, knüpft im besten Wollen, up to date zu sein, an eine längst überwunden geglaubte Tradition lutherischer Leibfeindlichkeit an. Max Webers Diagnose, der Protestantismus lebe „innerweltliche Askese“ lässt sich zwar auch als Reaktion auf den Protestantismus seiner Zeit verstehen, der sich in vielem an den bürgerlichen Konventionen der Professoren und Oberlehrer des 19. Jahrhunderts orientierte. Sie traf aber auch eine Fixierung auf Wort und Intellekt, die in der Reformationszeit eine Chance der aufkommenden neuen Bewegung darstellte, im 20. Jahrhundert aber von einem umfassenderen Verständnis des Menschen überrollt und überwunden werden musste.

Die Besinnung auf kontextuelle Theologie, auf die Rolle der Geschlechter, auf den Zusammenhang von Erlösung und Schöpfung hat in den vergangen vier, fünf Jahrzehnten auch für den Protestantismus Dimensionen der Leiblichkeit neu bewusst gemacht, die digitaler Eifer nicht einfach über Bord werfen sollte. Gott begegnet nicht nur über den Kopf. Gott begegnet haptisch, er berührt im wahrsten Sinne des Wortes.Er tut also genau das, was uns im social distancing untersagt ist. Das Abendmahl passt in diese Corona-Welt nicht hinein. Dieses Ärgernis könnte man sehr dürr zusammenfassen: Hygienische Bestimmungen, definiert durch das Robert-Koch-Institut, und implementiert durch die Bundesregierung und die Landesregierungen, machen Abendmahl unmöglich. Wenn Pfarrer und Pfarrerinnen dagegen Sturm liefen, wäre das durchaus verständlich. Aber was vielfach geschieht, ist das Gegenteil: Evangelische Amtsträger nehmen die Situation zum Anlass, die fremd gewordenen Anteile der lutherischen Abendmahlslehre über Bord zu werfen.

Eine geistliche Deutung der gegebenen Situation ist etwas ganz anderes als digitale Ersatzhandlungen zu schaffen. Die Leere am Gründonnerstag, die Leere in den Kirchen an Karfreitag 2020 erinnert an die Leere dieser Welt durch den Tod Gottes an Karfreitag. In mittelalterlichen Kirchen wurde am Karfreitag das Kreuz – und oft auch die Abendmahlshostie – in Heiligen Gräbern verschlossen. Gott ist tot, hieß das. Und das ist die Botschaft von Karfreitag auch für die Menschen der Gegenwart. Diese Botschaft ist auch auszuhalten – und nicht durch gut gemeinte aber wenig reflektierte Digitalsurrogate zuzukleistern. Sie wirft vor allem die Frage auf, wo eigentlich diese tiefe Leere heute noch empfunden wird, wo die medizinische Not auch als geistliche wahrgenommen wird.

Zum Gesamten der Botschaft gehört allerdings auch, dass der Tod nicht das bleibende Wort hat. Das begrabene Kreuz wurde am Ostermorgen wieder hervorgeholt und auf den Altar gestellt. Die derzeitigen staatlichen Regelungen untersagen auch die Ostergottesdienste. Sie untersagen nicht, dass Kirche angesichts der Anfragen an die Solidarität zwischen den Generationen und der erschütternden ethischen Entscheidungen, vor denen Ärzte stehen könnten, gegen alles Leiden und gegen alle Angst die Osterbotschaft verkündet.

Nicht wie das geschieht, ob digital oder gedruckt, im Fernsehen oder im Radio, ist die entscheidende Frage, sondern was das heute, hier und jetzt bedeuten kann, an einem Krankenbett, in dem ein Mensch den Tod in erzwungener Einsamkeit erfährt, bei Hinterbliebenen, denen auch der Trost des letzten Augenblicks verweigert bleibt und auch bei den Menschen, die mit Rücksicht auf das große Ganze ihren Betrieb zerbrechen sehen. Auch da ernsthaft verkünden zu können: „Er ist auferstanden“ – das ist die Aufgabe, die der Kirche auch 2020 aufgetragen ist. Gerade 2020.

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Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.


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