Eine Minderheit

Über christlichen Widerstand

Die vorliegende Darstellung protestantischen Widerstands im „Dritten Reich“ basiert wesentlich auf Texten einer von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte (München) erarbeiteten Internet-Präsentation „Widerstand!? Evangelische Christinnen und Christen im Nationalsozialismus“. Sie folgt einem „weiten Widerstandsbegriff“, der von bloßer Unangepasstheit über Verweigerung und Protest gegen das NS-Regime bis hin zum Umsturzversuch reicht. Die Verfasserinnen und Verfasser beanspruchen, „der Entwicklung der historischen Forschung Rechnung“ zu tragen.

Das Buch umfasst sechs Kapitel: Protestantismus in der Weimarer Republik; die frühen Regimejahre 1933–34 unter der Überschrift „Gleichschaltung – Euphorie und Ernüchterung – Einspruch“; den Zeitraum 1935 bis 1939 als Phase der Regimekonsolidierung und kirchlicher Befindlichkeiten zwischen Zufriedenheit, Desillusionierung und Protest; die ersten Kriegsjahre 1939–1942 mit den Kennzeichnungen „Aggression – Einwilligung – Widerspruch“; die letzten Kriegsjahre als Zeit der Radikalisierung des Regimes und des kirchlichen Verstummens; schließlich werden im sechsten Kapitel die Rezeptionen protestantischen Widerstands nach 1945 thematisiert.

Das ist ein großes Programm. Leider wird es nur bedingt eingelöst. Man kann beispielsweise nicht über die Luther-Renaissance der 1920er-Jahre schreiben und dabei Karl Holls Meisterschüler und späteren fatalen Göttinger NS-Theologen Emanuel Hirsch einfach verschweigen. Auch lässt sich der zunehmend völkisch geprägte Protestantismus der späteren Republikjahre nicht angemessen darstellen, ohne die „Christlich-deutsche Bewegung“ als geistigen Brückenbauer zur 1932 gegründeten „Glaubensbewegung Deutsche Christen“ zu berücksichtigen. Das protestantische Erlebnis 1933 wird in seiner tatsächlichen Breite und Tiefe nicht erfasst. Die Behauptung, der Einfluss der Deutschen Christen sei seit den Sommermonaten 1933 „bereits wieder rückläufig“ gewesen, ist schlicht unzutreffend. Über die Junge Kirche, die wichtigste Zeitschrift der Kirchenopposition, kann man nicht angemessen schreiben, ohne auf deren maßgeblich prägenden Redakteur Fritz Söhlmann und dessen national-völkische Ideenwelt, besonders in der Kriegszeit einzugehen.

Eine solche Liste kritischer Anmerkungen ließe sich fortsetzen. Nur ein Punkt sei hier noch angemerkt: Für die späte Kriegszeit lesen wir recht ausführlich über Eugen Gerstenmaier, während der einzige evangelische Theologe, der offen von der Kanzel gegen Verfolgung sowie Mord an den Juden sprach und zum protestantischen Märtyrer wurde, leider komplett übersehen wird. Innovativ erscheint indessen im sechsten Kapitel zur kirchlichen Aufarbeitung seit 1945 der Vorschlag einer Phaseneinteilung in Anlehnung an die noch unveröffentlichte Bonhoeffer-Studie von Tim Lorentzen. Das wird weiter zu diskutieren sein, wenn dessen kirchenhistorische Qualifikationsarbeit publiziert vorliegt.

Hier soll keine Beckmesserei betrieben werden: Ich empfehle dieses Buch ausdrücklich zur Lektüre. Jede Leserin, jeder Leser kann hier eine Fülle
interessanter Details über ein nicht völlig an das NS-Regime angepasstes kirchliches Verhalten nachlesen, auch wenn dieses Verhalten häufig zu sehr zu „Widerstand“ aufgebauscht wird. Insgesamt suggeriert dieses Buch einen nicht wirklich austarierten Gesamteindruck von der tatsächlichen Performance der Protestanten im „Dritten Reich“. Das liegt vor allem daran, dass der Widerstandsbegriff zu weit gefasst wird, so dass uninformierte Leserinnen und Leser meinen könnten, ein sehr großer Teil der Evangelischen habe sich 1933 – 1945 „im Widerstand“ befunden. Rückt man die Proportionen indessen zurecht, so überwogen unter den vierzig Millionen deutschen Protestanten der NS-Zeit die Regimeangepassten und die Kollaborateure bei weitem, während sich Widerständige ihnen gegenüber in deutlicher Minorität befanden.

Angesichts des heutigen Forschungsstands über Protestanten im „Dritten Reich“ kann dieser historische Sachverhalt inzwischen durch zahlreiche regionale und biografische Studien als hinlänglich erwiesen gelten.

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