Auf Wiedervorlage

Beim Krisenmanagement der Kirchen war nicht alles schlecht - aber doch so manches
Foto: privat

Spätestens nach der außergewöhnlichen Fernsehansprache der Kanzlerin am Mittwochabend steht der Ernst der Lage uns allen vor Augen. Der Corona-Virus greift tief in das Leben unserer Gesellschaft ein. Mit den Entwicklungen Schritt zu halten, ist schwer. Die Nachrichtenlage und immer neue Handlungsempfehlungen überfordern viele Menschen.

Lassen sie uns trotzdem jetzt über das Krisenmanagement der Kirchen sprechen! Es geht nicht darum, Schuld zuzuweisen, sondern aus den Erlebnissen der vergangenen Wochen zu lernen. Schauen wir also, was sich im Abstand von nur wenigen Tagen über die Entscheidungen und die Kommunikation in den evangelischen Kirchen während der Corona-Krise sagen lässt.

Eine Pfarrerin setzt sich beherzt hinter das Steuer ihres Autos und klappert die alleinstehenden Senioren ihrer Gemeinde ab. Hier ein Plausch, dort ein gutes Wort. Dann ab zum nächsten. Ist das rührende Seelsorge oder schlechtes Risikomanagement? Die Sonntagsgemeinde versammelt sich ein letztes Mal vor der Kanzel. Es werden keine Hände mehr geschüttelt oder zum Gebet gehalten. Es gibt auch kein Abendmahl mehr. Aber man ist zusammen. Ist das lebendige Gemeinschaft oder unverantwortlich?

Das sind nur zwei Schlaglichter auf eine sehr heterogene Praxis in den evangelischen Kirchen im Angesicht der Bedrohung durch das neue Corona-Virus. Doch meine Kritik richtet sich nicht an die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter vor Ort! Nach Tagen der verwirrenden und keinesfalls kongruenten Kommunikation durch Gesundheits- und Landratsämter und eben auch kirchliche Leitungspersonen konnte es gar nicht anders kommen!

Schon vergangene Woche erreichten uns Nachrichten von Gemeinden, die nach Gottesdiensten komplett unter Quarantäne gestellt werden mussten. Aber eben nicht in Deutschland. Während in Italien Menschen starben, wiegten sich in Deutschland auch viele Christen noch in Sicherheit vor dem Virus. Und wenn in der Nachbargemeinde der Pfarrer beherzt zum Abendmahlskelch greift, wie schlimm kann es dann eigentlich sein? Wir wissen heute und konnten sehr wohl Anfang letzter Woche wissen, dass es sehr schlimm wird. Dass an Veranstaltungsabsagen und einem Shutdown des Gottesdienstbetriebs kein Weg vorbeiführt. Stattdessen haben sich viele Mitarbeiter damit beschäftigt, wie man angesichts des Virus‘ geschickt Abendmahl feiern kann.

Kirchliches Leitungsversagen

Das war eine unmittelbare Folge des Leitungsversagens in den evangelischen Kirchen. Statt konkrete und präzise Empfehlungen an die Gemeinden auszusprechen, lavierten Landeskirchenämter und Dekanate herum. Bischöfe wandten sich gerührt an die Gläubigen, doch ohne eine klare Warnung.

In einer Landeskirche wurde eine 17-seitige Arbeitshilfe für die Gemeinden erstellt, mit Checklisten für die Risikobewertung einzelner Veranstaltungen und allem Pipapo. Aus welchem kirchenveramtlichten Geiste entspringt der Gedanke, dass so etwas nun hilfreich wäre? In Bayern empfahl der Landeskirchenrat mit Verweis auf die einhellige Meinung der Fachleute den Verzicht auf Gottesdienste, nur Stunden nachdem am Sonntag in vielen Gemeinden der Landeskirche zusammen Gottesdienst gefeiert wurde. Unter den Gottesdienstbesuchern viele Menschen aus Risikogruppen, die man doch gerade schützen wollte. Wohlgemerkt: Andere Landeskirchen hatten ihren Gemeinden die Absage von Gottesdiensten bereits vor dem Wochenende empfohlen!

Die Informationsschreiben an die Gemeinden glänzten mit bischöflichen Trostworten, Gebeten und ausdifferenzierten Handlungsempfehlungen für Abendmahl und Gottesdienst. Stattdessen hätten wenige Sätze und die Zusicherung des Rückhalts der Dienstvorgesetzen gereicht! Sagen sie die Gottesdienste bitte ab! Empfehlen sie gerade Alten und Kranken Zuhause zu bleiben! Richten sie sich auf die Seelsorge über Telefon und Internet ein! Warum, frage ich mich, haben wir in allen Kirchenämtern Kommunikationsprofis angestellt, wenn man sie dann in Krisenzeiten knebelt und an die kirchenamtliche Sprache kettet?

Wenn es um Trostworte geht und darum, einen passenden Bibelvers aus dem Brevier zu zaubern, sind die evangelischen Leitungspersonen stark. Wenn es aber darum geht, den Rücken grade zu machen und das „Bodenpersonal“ in den Diskussionen vor Ort zu stärken, versagen manche katastrophal. Es geht dabei nicht darum, den Gemeinden das Heft des Handelns zu entreißen! Es geht auch nicht um ein autoritätssüchtiges Stieren auf „die da oben“!

Viele Kirchgemeinden dürfen nicht einmal mehr eine einfache Banküberweisung ohne die Kooperation mit übergeordneten Stellen ausführen, in der Krise aber sollen sie nun die gesamte Verantwortungslast tragen? Was ist mit den mittleren und höheren Leitungsebenen, die ihre Unverzichtbarkeit bei jeder Rationalisierungswelle behaupten? Die Kirche der Freiheit hat in immer neuen schmerzhaften Strukturreformen doch eigentlich gelernt, dass die Zusammenarbeit aller Leitungsebenen, von der Gemeinde angefangen, über die Synoden und Kirchenämter, bis hin zu den geistlichen Leitungsämtern, einen unschätzbaren Wert darstellt.

Aber was ist mit den komplexen und komplizierten Kirchenordnungen? Gerne wird auf das Primat der Ortsgemeinde in den evangelischen Kirchen verwiesen, das in ihnen – wenngleich höchst unterschiedlich – aufbewahrt ist. Einigen Mahnern nehme ich das ab, weil sie auch bei den üblichen Umstrukturierungen der Landeskirchen genau darauf achten. Das ist protestantische Identität. Doch überall in den evangelischen Kirchen sitzen auch Menschen, die man aus guten Gründen in ihre Leitungsämter gewählt hat. Sicher auch, damit sie Kirchengesetze situativ und mit einem starken Mandat im Rücken auslegen und anwenden.

Warum ist das überhaupt von Bedeutung? Hätten es die Kirchen nicht einfach dabei belassen können, ihre Mitarbeiter an die zuständigen staatlichen Stellen zu verweisen? Selbstverständlich! Dann hätten vielleicht sogar noch mehr Kaffeerunden, Gottesdienste und Jugendkreise stattgefunden. Stattdessen aber haben sich die beiden christlichen Kirchen in der Krise als Staat im Staate aufgeführt. Ich bin sehr dafür, dass Kirchen zuweilen staatlichem Handeln vorgreifen – z.B. im Kirchenasyl oder bei der Seenotrettung. Motiviert ist das immer durch die Sorge um Menschenleben. Aus dem gleichen Grund haben einige Landeskirchen und viele Bistümer, Kirchenkreise und Gemeinden gehandelt, bevor die Gesundheitsämter alle Veranstaltungen verboten! Es war also sehr wohl möglich, die eigenen Leute – im Zweifel vor sich selbst – zu schützen. Besonders im Hinblick darauf, dass wir in der vergangenen Woche vor allem die Risikogruppe der älteren Menschen, und damit besonders treue Kirchgänger, im Blick hatten.

Gelungen ist das Krisenmanagement vor allem dort, wo man vom Eigenen abgesehen und das Wohl der Menschen in den Vordergrund gestellt hat. Dazu gehört selbstverständlich auch das geistliche Wohlergehen der Menschen, um das sich die Kirche zu kümmern hat. Aber doch nicht nur und ausschließlich vor der Kanzel und am Altar! Mit großer Begeisterung nutzen die Kirchen zurzeit die digitalen Kommunikationswege, um mit ihren Gemeindegliedern in Kontakt zu bleiben. Auch vermeintlich altertümliche Dinge wie Fernseh- und Rundfunkgottesdienste und sogar das Telefon erweisen ihren Wert aufs Neue.

Es ist bei weitem nicht alles schlecht! Doch sollten wir als evangelische Christen aus dem Krisenmanagement der vergangenen Tage für zukünftige Anlässe die richtigen Schlüsse ziehen – vielleicht werden wir das erworbene Erfahrungswissen schon bald benötigen, wenn eine zweite Welle des Virus‘ durch Deutschland schwappt. Präzise, frühzeitige Kommunikation und Kooperation stehen nicht im Widerspruch zur evangelischen Kirchenlehre, sondern sind selbst Früchte der protestantischen Kultur!

Kommunikationsprofis müssen in die Lage versetzt werden, ihre Kompetenzen in schwierigen Situationen einzubringen. Kooperationsinstanzen wie Kirchenkonferenz, Landessynodenpräsidien, Kirchenleitungen und Landeskirchenräte, Kirchenbezirkssynoden und Superintendentenkonferenzen müssen, dort wo es so etwas noch nicht gibt, Notfallpläne und Krisenszenarien vorhalten. Zukünftige Krisenstäbe können sich durch Planspiele vorbereiten. Die digitale Infrastruktur für Beratungen ohne leibliche Anwesenheit muss endlich überall eingerichtet werden.

Nicht zuletzt brauchen wir in unseren Kirchen auch eine geistliche Klärung darüber, was im Krisenfall Vorrang genießt. Alle diese Überlegungen sollten nicht davon geleitet sein, wie man das Antlitz der Kirchen erhält, wie es sich hauptamtlichen Mitarbeitern darstellt, sondern was für eine Kirche gerade die Schwachen und Einsamen in unserer Gesellschaft in Krisenzeiten brauchen. Dann kann auch zuversichtlich gesprochen werden, ohne die Sorgen der Bevölkerung angesichts von Einschränkungen noch zu erhöhen!

Auch für solche gute Leitung in schwieriger Zeit gibt es mehrere Beispiele. Man(n) schaue zum Beispiel auf die Nordkirche und ihre Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt: Die schriftlichen Hinweise der Landeskirche waren vergleichsweise deutlich und vor allem kurz. Kühnbaum-Schmidt kommuniziert die notwendigen Maßnahmen mit zuversichtlicher Verbindlichkeit auf allen analogen und digitalen Kanälen. Wie klein im Vergleich dazu manche ihrer Amtsbrüder wirken, die sonst um kein „klares Wort“ verlegen sind!

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