Konflikt in Gott

Eine neue Sicht auf Anselm von Canterburys Satisfaktionslehre
Deckenfresko in Metten/Bayern, 1724–27
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Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin streiten wegen der unbefleckten Empfängnis Marias, Deckenfresko in Metten/Bayern, 1724–27.

Die neuzeitliche Theologie hat Anselm von Canterburys Antwortversuch auf bohrende Fragen des christlichen Glaubens längst verabschiedet. War das voreilig? Der Göttinger Theologe Tobias Graßmann versucht eine neue Lesart der mittelalterlichen Lehre und findet eine „grandiose Pointe des christlichen Denkens“.

Weit bis in die Neuzeit hinein übte die Satisfaktionstheorie, die Anselm von Canterbury an der Wende zum 12. Jahrhundert entwickelt hat, großen Einfluss auf das theologische Denken der westlichen Christenheit aus. In der gegenwärtigen protestantischen Theologie gilt Anselms Satisfaktionslehre dagegen weithin als folgenreicher Irrweg, der mit unterschiedlicher Schärfe zurückgewiesen wird.

Über verschiedene theologische Lager hinweg herrscht Konsens: Anselm habe auf unangemessene Weise Vorstellungen aus dem archaischen Opferkult und frühmittelalterliche Rechtsvorstellungen auf Gott übertragen, so dass sich das Gottesbild auf fatale Weise dem Zerrbild eines mittelalterlichen Despoten angenähert habe. Gleichwohl ist der Verweis auf zeitbedingte Vorstellungsformen noch keine ausreichende Begründung dafür, dass eine bestimmte Gotteskonzeption falsch wäre – in dem Sinne, dass sie uns theologisch nichts mehr zu denken gibt. Bei allen unseren unvermeidlich geschichtlichen Vorstellungskomplexen stellt sich schließlich, wenn wir sie auf Gott anwenden, die gleiche Frage: Welche Aspekte der Gotteserfahrung werden auf diese Weise zum Ausdruck gebracht, und was wird hier eher verstellt?

Die folgende Interpretation verzichtet daher auf historisierende Einordnung und versucht, bleibende Gedankenanstöße aus Anselms Schrift Cur deus homo (Warum Gott Mensch geworden) herauszuarbeiten. Denn laut Anselm bekommt es der christliche Glaube, konfrontiert mit der Sünde des Menschen und dem Kreuzestod Christi, unausweichlich mit bedrängenden Fragen zu tun. Und unabhängig davon, ob man Anselms Antwortversuch noch für plausibel hält, haben diese Fragen nichts von ihrer Aktualität verloren.

Cur Deus homo ist konzipiert als ein Streit um die Wahrheit, ausgetragen zwischen Anselm und dem Mönch Boso, der in die Rolle des gebildeten Heiden schlüpft. Boso übernimmt so die Aufgabe, Anselm mit bohrenden Fragen unter Druck zu setzen. Trotzdem ist das Ziel weniger die rationale Überführung von Nichtchristen als vielmehr die Selbstvergewisserung des christlichen Glaubens, der sich zu drängenden Fragen verhalten muss und diese nicht einfach niederschlagen kann. Deshalb befragt er die Vernunft (fides quaerens intellectum).

Innerchristliche Unsicherheit

Anselm formuliert die in Cur deus homo behandelte Kernfrage so: „aus welchem Grund nämlich und aus welcher Notwendigkeit Gott Mensch geworden sei und durch seinen Tod, wie wir glauben und bekennen, der Welt das Leben wiedergeschenkt habe, da er das doch entweder durch eine andere Person – sei sie engelhafter oder menschlicher Natur – oder durch den bloßen Willen hätte tun können.“ Und sein Gegenüber Boso gibt diesem Anstoß für die fromme Vernunft noch einmal eine weitere Zuspitzung: Wie kommt es, fragt er, „daß der Höchste sich so zu Niedrigem herabläßt, der Allmächtige etwas mit so vieler Mühe tut“? Diese Rückfrage an die Plausibilität eines menschgewordenen und gekreuzigten Gottes kann mit Recht als zeitlos gelten. Solche Fragen begegnen auch heute – ob als innerchristliche Unsicherheit, wie mit den sperrigen Traditionsbeständen der Passionszeit umzugehen ist, oder als Unverständnis nichtchristlicher Gesprächspartner.

Zunächst scheidet Anselm aus der kirchlichen Versöhnungslehre jeden Dualismus aus, durch den das Heilsgeschehen als Kampf zwischen Gott und Teufel erscheinen konnte. Er hält fest: Der Teufel kann gegenüber Gott keinerlei Rechtsanspruch auf den Sünder haben, muss folglich auch nicht durch den Kreuzestod entschädigt oder überlistet werden. Als Alternative zu diesem Dualismus sucht Anselm die Erklärung in einer innergöttlichen Dynamik. Er leitet die Notwendigkeit der Menschwerdung bis zum Kreuz aus einem inneren Konflikt in Gott selbst her.

Wie ist dieser Konflikt zu beschreiben? Gott als der Schöpfer der Welt steht zugleich als Gesetzgeber für die schöne und gute Ordnung seiner Schöpfung ein. Durch den unerklärlichen Sündenfall des Menschen ist diese Ordnung zerrüttet, ja in bedrohliches Chaos verkehrt. Denn zu dieser Ordnung gehört unbedingt die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf sowie die Anerkennung dieser Unterscheidung von Seiten der Geschöpfe. Diese intakte Schöpferbeziehung, in der Gott vom seinem Geschöpf als Gott anerkannt wird, bezeichnet Anselm mit dem heute missverständlichen Begriff der Ehre, welche der Mensch Gott schuldig sei.

Entscheidend ist hier nicht ein Beleidigungsgefühl, als ob der entehrte Gott auf Rache für diese Kränkung sinnen müsste. Es geht vielmehr um eine fatale Verkehrung des Ordnungsgefüges, zu dem Gott seine Schöpfung bestimmt hat. Die kosmologischen Vorannahmen Anselms können heute nicht ungebrochen übernommen werden, aber angesichts politischer und ökologischer Krisenerfahrung doch eine gewisse Plausibilität beanspruchen: Das Zerbrechen von Ordnungsgefügen bedeutet nicht nur einen Gewinn an Freiheit, sondern bringt lebensbedrohliche Konsequenzen mit sich – der Mensch, seiner zugedachten Rolle entfremdet, wird zum Störer und Zerstörer seiner Welt. Und erscheint es angesichts eines teilweise übersteigertem Individualismus nicht naheliegend, die wahre Bestimmung des Menschen in einer auf Gott, den Nächsten und die Schöpfung bezogenen Selbstbegrenzung menschlicher Eigenmächtigkeit zu denken?

Der Sünder, die Sünderin verkennt ihre Grenzen, verweigert Gott die Anerkennung als Gott und setzt sich selbst an die Stelle Gottes. Diese Ursünde gegen Gott zerrüttet zugleich die ursprüngliche Ordnung der Schöpfung. Kann Gott ohne weiteres darüber hinwegsehen, dass statt seiner lebensdienlichen Ordnung die lebenswidrige und zerstörerische Unordnung in die Welt Einzug hält? Kann er den Unterschied zwischen Recht und Unrecht dahingestellt sein lassen? Mit diesen Fragen treiben Anselm und Boso den Dialog voran. Er gipfelt darin, dass das Dilemma deutlich wird, vor dem Gott steht: Als Gesetzgeber und Garant der Harmonie in der Schöpfung müsste Gott die Störung beseitigen, den Störer zur Rechenschaft und aus dem Verkehr ziehen. Die Sünde dürfte also nicht weniger als die Vernichtung der Menschheit nach sich ziehen, betrachtet man das Ausmaß der zerstörerischen Unordnung.

Andererseits kann Gott aus Treue zu sich selbst und seinem Schöpfungsplan sein abtrünniges Geschöpf nicht einfach fallen lassen. Denn ohne den Menschen in seiner ursprünglich zugedachten Rolle als Gottes Ebenbild bliebe der Schöpfungsplan unvollendet. Das Ziel, das Gott für den Menschen und seine Welt gewollt hat, ja, noch immer will – es wäre verfehlt! Durch die Sünde des Menschen steht somit nach zwei Seiten das Gott-Sein Gottes auf dem Spiel: Der gerechte Gott steht gegen den sich in Ewigkeit treuen Gott!

Eine scheinbar einfache Lösung fällt dabei für Anselm aus: Durch einen rein deklarativen Akt der Begnadigung wäre die Ordnung der Schöpfung nämlich gerade nicht wiederhergestellt, sondern gänzlich verabschiedet. Anselm hält das für unvereinbar mit dem Gottesgedanken und auch nicht für wünschenswert. Der Unterschied zwischen Gut und Böse, Sünde und Gerechtigkeit wäre sonst an höchster Stelle ausgehebelt.

Gott kann aber weder sein Geschöpf verwerfen noch die gerechte Ordnung aushebeln wollen. Die zerrüttete Ordnung muss also durch echte Genugtuung für die Sünde wiederhergestellt und neu bestätigt werden. Jemand müsste den unendlichen Schaden durch die Sünde kompensieren und die zerstörte Beziehung heilen – durch eine freiwillige Gabe, die größer ist als alles, was außerhalb Gottes existiert! Eigentlich hätte diese Genugtuung der Verursacher zu leisten. Gleichzeitig kann dies unter keinen Umständen von einem Geschöpf geleistet werden. Der Mensch besitzt als ganz und gar abhängiges Geschöpf ja gar nichts Eigenes, das er Gott aus freien Stücken anbieten könnte. Er verfügt nicht einmal über sich selbst und sein Leben.

An Heilsplan gebunden

Anselms berühmte Lösung für diesen innergöttlichen Konflikt von Gerechtigkeit und Treue angesichts der Sünde des Menschen lautet daher: „Wenn also, wie es feststeht, notwendig ist, daß aus den Menschen jene himmlische Stadt vollendet wird und das nicht geschehen kann, wenn nicht die erwähnte Genugtuung erfolgt, die einerseits nur Gott leisten kann und andererseits nur der Mensch leisten darf: so ist es notwendig, daß sie ein Gott-Mensch leiste.“

Es ist die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die hier tätig wird und allein den Weg zur Lösung dieses Konfliktes weist. Doch dazu muss sie ‚kreativ werden‘. Denn die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Treue lässt sich nur von Gott her auflösen – und nur durch eine radikale Tat Gottes selbst. So gelangt Anselm zu einer für ihn befriedigenden Antwort auf die Frage, warum der trinitarische Gott den mühevollen und blutigen Weg des Sohnes ans Kreuz wählt, um den Menschen mit sich zu versöhnen. Anselm verfolgt die Zerrüttung, die die Sünde im Gefüge der Schöpfung bewirkt hat, bis in Gott selbst hinein. Dies wiederum ist unausweichlich, weil Gott der Schöpfer sich durch seine Treue zu sich selbst zugleich an seinen Heilsplan gebunden hat. Für Gott steht nicht nur seine Ehre, sondern mit dieser zugleich sein wahres Gott-Sein auf dem Spiel. Und in Menschwerdung und Kreuzesgeschehen ergreift Gott selbst die Initiative, um diesen Konflikt zu lösen.

Was Anselm uns zu denken gibt, ist kein ‚metaphysischer Kuhhandel‘, sondern eine Theologie der Gnade: Rechtfertigung und Versöhnung des Menschen sind als ein Geschehen zu denken, das von Gott selbst und nur von Gott ausgeht. Ein Geschehen, das sich in Jesus Christus ein für alle Mal und für alle Welt vollzieht (vergleiche zum Beispiel Hebräer 9,12).

Freilich lassen sich kritische Rückfragen formulieren. Nur angerissen sei die Streitfrage, ob die göttlichen Eigenschaften, die hier angesichts der Sünde in einen Konflikt treten, wirklich gleichberechtigt auf einer Ebene liegen. Hier ist die entscheidende Differenz, ob man den Eigenschaften der Gerechtigkeit und Treue eine gegenüber der Liebe eigenständige Bedeutung für das Gottsein Gottes zugesteht.

Eine zweite kritische Rückfrage erhebt sich ausgehend von der individuellen Frömmigkeit. Denn in dieser Satisfaktionstheorie wird der einzelne Mensch letztlich nur über seine Gattungsallgemeinheit innerhalb der Gott-Mensch-Einheit Jesu Christi repräsentiert. Nur indirekt, nur über die menschliche Natur in Christus ist die Menschheit am Heilsgeschehen beteiligt. So bleibt unterbestimmt, wie die Menschen als konkret Einzelne in dieses Versöhnungsgeschehen auch wirklich und wirksam einbezogen werden.

Insbesondere die reformatorische Theologie Luthers und Melanchthons ging hier über Anselm hinaus, da sie immer schon auf die Gottesbeziehung der Einzelnen fokussiert ist. Dabei wird die Sünde im Kern und an ihrer Wurzel nicht mehr als Verletzung einer kosmischen Ordnung verstanden, sondern als die pervertierte, von Gleichgültigkeit, Misstrauen oder Hass geprägte Gottesbeziehung des oder der Einzelnen. Der von Gott abtrünnige Mensch soll durch die Rechtfertigung zur Sündenerkenntnis befähigt und zum Vertrauen auf Gott befreit werden. Hier bleibt die Frage, wie das Heil zum Menschen kommt, der Versöhnungslehre nicht äußerlich.

Geschehen in Gott selbst

Doch wenn es um die bohrende Frage geht, warum Gott tatsächlich Mensch geworden und den schweren Weg ans Kreuz gegangen ist, bewegen sich auch Luther und seine Mitstreiter im Rahmen einer innergöttlichen Konflikttheorie, wie Anselm sie vorgelegt hat. Sie teilen mit Anselm zudem das Anliegen, dass die Bewegung zur Versöhnung mit dem Schöpfer nur von Gott her geschehen kann und das Heilsgeschehen extra nos in Christus stattfindet. Der Mensch wird gerecht vor Gott, weil Gott allein aus Gnade und ohne jedes Verdienst des Menschen die Initiative zum Heilsplan ergreift. Die faktische Ausführung dieses Plans allerdings wird bei Anselm der menschlichen Natur Christi übertragen. Mit Luther sollte man sich der Herausforderung stellen, den menschgewordenen Gott in das Kreuzesgeschehen voll einzubeziehen – somit die Heilstat am Kreuz als Zusammenwirken der gesamten Trinität, als Geschehen in Gott selbst zu denken.

Der trinitarische Gott nimmt mit Kreuzestod und Auferstehung Christi – um mit Boso zu sprechen – beträchtliche Mühe und Leid auf sich, um sein abtrünniges Geschöpf mit sich zu versöhnen. Die Dramatik einer so unlöslichen wie zerrütteten Gottesbeziehung, die dem Schöpfergott selbst nicht äußerlich bleiben kann und ihn daher auf einen radikalen Weg zum Menschen hin treibt, ist eine grandiose Pointe des christlichen Denkens, die auch heute noch zur Auseinandersetzung und Aneignung einlädt. Diese Pointe sollten wir gegenüber Anfragen von außen wie von innen nicht verschämt oder gedankenlos übergehen, sondern als christliche Denkherausforderung und Glaubensprovokation stark machen!

 

Information

Die für diesen Text verwendete Ausgabe des Textes von Cur deus homo ist: Anselm von Canterbury: Cur deus homo. Warum Gott Mensch geworden. Lateinisch und deutsch, Darmstadt, 1993.

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Tobias Graßmann

Tobias Graßmann ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereiche Systematische Theologie der Georg-August-Universität Göttingen.


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