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Einzeldarstellung: das Gebet

Geht es um Religionen, ist die Praxis des Gebetes nicht weit. Denn Beten oder eine gebetsähnliche Handlung ist die Grundäußerung von Glauben – ob kollektiv oder individuell. Wer betet, nimmt an oder rechnet mit der Möglichkeit, dass es Gott gibt und dass er/sie/es handelt. Mehr noch, das Gebet ist die Bitte, dass Gott sich als der/die/das Geglaubte erweist und sei dieser Glaube auch mit noch so vielen Fragezeichen verbunden. Hinter einem Gebet steht die Hoffnung, dass sich das eigene Wünschen und Gottes Wille zu einem guten Leben verbinden mögen.

Bei dieser zentralen Bedeutung des Betens ist es erstaunlich, dass es bisher keine fachübergreifende Einzeldarstellung zum Gebet aus evangelischer Perspektive gab. Wo doch Frömmigkeit ohne sie reflektierende Begrifflichkeit blind bleiben muss und Glaubenslehre ohne die lebendige Praxis ihres Gegenstandes leer.

Doch jetzt hat Michael Meyer-Blanck, Professor für Praktische Theologie in Bonn und kürzlich verabschiedeter Vorsitzender der Liturgischen Konferenz der EKD, ein solch grundlegendes Werk vorgelegt. Dabei geht er ebenso breit wie übersichtlich vor. Denn Meyer-Blanck betrachtet das Gebet nicht nur durch die praktisch-theologische Brille, sondern auch aus der Perspektive der bibelwissenschaftlichen, historischen und systematischen Fächer der Theologie. Ebenso nimmt er andere Wissenschaften sowie aktuelle Phänomene mit in den Blick. Jedem Kapitel steht eine Literaturübersicht voran und jedes endet mit einer knappen Zusammenfassung des darin Besprochenen. Marginalien und etliche Zwischenüberschriften helfen bei der schnellen Orientierung.

Die einzelnen Positionen sind kenntnisreich, doch pointiert dargestellt, zueinander in Beziehung gesetzt und schlüssig reflektiert. Wie ein roter Faden zieht sich der biblische Psalter als Modell des Betens durch das Buch. Die viel diskutierte Frage bleibt heikel: Wie können/dürfen Christinnen und Christen in das Gebetbuch der Juden einstimmen? „Christen beten die Psalmen mit Jesus Christus und in seinem Geist; aber sie beten auch – wie Jesus selbst! – ohne christologische Reflexion.“ So zeigt Meyer-Blanck den Psalter als Fundament und Quelle für das Gebet Jesu, das Vaterunser.

Als Grundmotivation für alles Beten markiert er eine suchende Haltung mit der Möglichkeit, eine Antwort zu erhalten, die das Leben qualitativ verändert. Dabei ist eine im Gebet wurzelnde Lebenshaltung zu unterscheiden von dem Gebet als Handlung – aber auch damit verbunden. Wie geht das? Denn die Optimierung des eigenen Lebens ist gegenüber einer Umkehr daraus wichtiger geworden. „Plausibel sind Glaube und Gebet dann, wenn sie das Vorhandene nicht negieren oder kritisieren, sondern es in einer anderen Perspektive erscheinen lassen.“

Meyer-Blanck unterscheidet vielfach zwischen öffentlichem und privatem Gebet, aufschlussreich lesen sich seine Überlegungen zur „Gebetsscham“. Denn wer betet, zeigt sich als angewiesen und verletzlich. Das Gebet unterbricht als „aktivische Passivität“ den Alltag. Dies ist besonders im Gefüge des Gottesdienstes der Fall, hier gehen Gebetshandlungen und -haltungen eine enge Verbindung ein. Denn der gesamte Gottesdienst steht in einem betenden Kontext, auch die Predigt: Sie ist Nachbereitung und Vorbereitung des Gebetes. In ihr wird das Gebet unterbrochen, aber auch gedeutet und somit ermöglicht. Sie bereitet auf weiteres Beten, aber auch „auf ein Leben aus der betenden Handlung nach der Liturgie vor“.

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