Hörendes Herz

Geistliche Begleitung

Geistliche Begleitung als Urgestalt der Seelsorge in ihrer Bedeutung für Kirchen, Krankenhäuser und diakonische Organisationen auszuloten, das ist die Intention des Buches Wolke und Feuersäule. Geistliche Begleitung wird dabei verstanden als „eine Wegbegleitung beim Lebens-Gespräch zwischen Gott und Mensch“. Begleitende und Begleitete hoffen dabei auf ein „hörendes Herz“ (1. Könige 3,9) und geraten ins Staunen über Gottes Art, den Menschen zu finden und in seine Lebenswirklichkeit hinein zu sprechen. Der Impuls für das Buch entstand durch die dreijährige Weiterbildung „Geistlich Begleiten“, die seit 2013 in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) im Kloster Lehnin durchgeführt wird. Mitarbeitende in Diakonie und Kirche sowie aus therapeutischen und medizinischen Einrichtungen nehmen daran teil.

Spannend ist, dass gerade in ostdeutschen Kirchen erkannt wird, dass das Thema prominent auf der kirchlichen Agenda steht und es ein qualifiziertes Curriculum braucht für die Verortung religiöser Praxis in Institutionen.

In 59 Beiträgen namhafter Theologinnen und Theologen verschiedener evangelischer Landeskirchen, einem Rabbiner, einer Ärztin, Teilnehmenden der Ausbildungskurse „Geistlich Begleiten“, Mitgliedern verschiedener, auch katholischer Communitäten wird ein breiter Fächer aufgemacht: Das in vier Teile gegliederte Werk beginnt mit einem dialogischen Auftakt, bevor im zweiten Teil das Selbstverständnis und der Bedarf Geistlicher Begleitung in Kirche und Diakonie entfaltet wird.

Eine Sonderstellung nimmt der Beitrag von Christian Stäblein ein. Ohne die Notwendigkeit von „dritten Orten“ wie Klöstern oder Kirchen für die Erfahrung eigener Spiritualität in Abrede zu stellen: Geistliche Leitung entsteht nicht durch Personen und Orte per se, sondern muss in Strukturen und einem geistlichen Führungsstil erkennbar wirken, so Stäblein. Herzstücke des dritten Teils, Theologische Grundlagen, sind die Beiträge von Astrid Giebel, Andrea Richter und Klara Butting. Geistliche Begleitung, als „alte Seelsorge-Praxis“ hat ihre Vorbilder in der Bibel.

Gott ist wesenhaft begleitend (Exodus 3,14), bindet sich zuerst an Israel, dann an die Völker, gibt jedem Menschen Weisung, Atem und Segen in seinen Aufbrüchen (Richter). Butting akzentuiert Geistliche Begleitung in der Verpflichtung gegenüber der Tora als geschwisterliches WIR, das sich fragen lässt: „Wo ist dein Bruder, wo ist deine Schwester?“ (Genesis 4,9). Rabbiner Lengyel betont, dass angesichts von Ausschwitz in existentiellen Krisen der Glaube allenfalls von „Beziehungsgewissheit“ genährt werden kann: „Geistliche Trockenheit“ auszuhalten gehört in die Begleitung hinein.

Nach gelungener theologischer Durchdringung wirkt die Vielzahl der beleuchteten Handlungsfelder angesichts ihrer Heterogenität etwas überfordernd. Deutlich wird jedoch, dass bei aller Offenheit der geistlichen Wegbegleitungen doch die Kenntnis und das Üben konkreter Rituale und Gebets- und Bibellese-Praktiken als innere Struktur erforderlich sind. Dies wird im vierten Teil deutlich, wenn Impulse und Erfahrungen aus der Praxis erläutert werden.

Praktische Eckpfeiler der Langzeitfortbildung in der berlin-brandenburgische Landeskirche sind die Lectio divina, das Herzensgebet, das Sitzen in der Stille, die hörende Wahrnehmung. Angesichts zu beobachtender „geistlicher Vergesslichkeit“ in Gremien und Organisationen ist geistliche Praxis not-wendend. Kernbotschaften, wie das Erlernen von Ritualen oder wie die Kraft, sich im Schweigen selbst zu unterbrechen, gelten auch für die Lektüre dieses Buches: lesen, schweigen, hören.

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