Überzeugend

Neue Biographie über Niemöller

Martin Niemöller lässt sich mit Fug und Recht als ein Säulenheiliger der Evangelischen Kirche in Deutschland – zumindest als Identifikationsfigur eines Teils des deutschen Protestantismus – bezeichnen. So kann Militärbischof Sigurd Rink noch in seinem vor kurzem erschienenen Buch Können Kriege gerecht sein? die eigene kirchlich-theologische Sozialisation mit dem schlichten Verweis auf seine hessisch-nassauische Landeskirche als die „Kirche von Martin Niemöller“ erläutern: „Martin Niemöller, der die Bekennende Kirche mitbegründet und Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Friedensaktivist gegen eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik ausgesprochen hatte“.

Kritische Forschungen zu Niemöller und zur Bekennenden Kirche sind nichts Neues. Aber trotz dieser – und trotz Kontroversen, die es bereits zu Lebzeiten um den Dahlemer Pfarrer und hessisch-nassauischen Kirchenpräsidenten gab – scheint das idealisierte Niemöller-Narrativ über enorme Beharrungskräfte zu verfügen. Zurecht hat dies den Zeithistoriker Benjamin Ziemann zum Widerspruch gereizt, der nun eine umfangreiche sowie durch eine breite Quellenbasis gestützte Gesamtbiographie vorgelegt – und diese gleich durch die Herausgabe einer der wichtigsten Schriften Niemöllers aus seiner KZ-Haft mit dem Titel Martin Niemöller: Gedanken über den Weg der christlichen Kirche  flankiert hat.

„Martin Niemöller – Ein Leben in Opposition“ stellt nicht die Verdienste Niemöllers um die Bekennende Kirche, den Wiederaufbau der evangelischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Friedensbewegung und Ökumene in Frage, jedoch akzentuiert er deutlich die Grautöne in dessen Leben, Denken und Wirken. Der Mitbegründer der Bekennenden Kirche ist eben auch der frühere U-Boot-Kommandant, der sich unter Ablehnung der Weimarer Republik in diversen völkischen Organisationen engagiert und dessen antisemitische Vorbehalte bis weit nach 1945 prägend bleiben. Der „persönliche Häftling des Führers“ war auch ein weiterhin überzeugter Nationalprotestant, den am Ende der KZ-Haft vor allem die Sorge um eine Bolschewisierung Deutschlands umtreibt. Der Gegner der Widerbewaffnung war auch ein Gegner der parlamentarischen Demokratie bundesrepublikanischer Prägung.

So gewinnt der Untertitel „Leben in Opposition“ besondere Tiefe: Neben die Dimension von Opposition als Widerständigkeit gegenüber dem politischen Mainstream in unterschiedlichen historischen Konstellationen tritt diejenige der inneren Widersprüchlichkeit angesichts eines von Lernprozessen und Brüchen geprägten Lebens: Der einstige Militarist findet erst angesichts der Atombombe zu einem radikalen Pazifismus. An die Stelle eines das halbe Leben gepflegten Antibolschewismus tritt eine fragliche Naivität gegenüber der Sowjetunion und ihren Parteigängern im Westen.

Die Nachzeichnung des Lebenswegs verbindet Ziemann mit Ausblicken auf die nachträgliche Selbstbeschreibung und mediale wie historiographische Rezeption Niemöllers. Dabei geht er wiederholt mit Vertretern der älteren Geschichtsschreibung ins Gericht, welche die ambivalenten Facetten Niemöllers „im Sinne einer einlinigen biographischen Identitätskonstruktion geglättet und begradigt“ hätten. Angesichts des Nachdrucks, mit dem er der „Ikone der Erinnerung“ die „Persönlichkeit der Zeitgeschichte“ gegenüberstellt, darf durchaus daran erinnert werden, dass auch seine Biographie nicht den ‚historischen Niemöller‘ letztgültig abbildet, sondern ihrerseits eine – freilich absolut überzeugende – Niemöller-Interpretation bietet.

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