Starker Partner im Quartier

Kirche als Faktor der modernen Stadtentwicklung
Foto: Petra Potz
Foto: Petra Potz
Inklusionshotel und Kirche – Philippus in Leipzig.

Für eine soziale Stadt- und Quartiersentwicklung sind Allianzen notwendig, bei denen die Akteure gewohnte Pfade verlassen, Verantwortung delegieren und sich auf verschiedene Handlungslogiken einlassen. Auch die Kirchengemeinden müssen sich neu erfinden, meint die Berliner Stadtplanerin Petra Potz.

Die christlichen Kirchen sind präsent, flächendeckend und fast selbstverständlich vorhanden: als Ort des Innehaltens und der Begegnung, als Wegmarke oder Dorfmittelpunkt, als ein identitätsstiftender Anker der Erinnerung und Vergewisserung. Aber die Kirchen sind vielerorts zu groß, oder es gibt zu viele von ihnen – so das Bild, das sich abzeichnet. Die Zahlen zu den kirchlichen Liegenschaften belegen drastisch den Bedarf umzudenken: In Nordrhein-Westfalen werden ein-bis zweitausend von sechstausend Kirchengebäuden leer fallen. Thüringen ist „steinreich“: Dort gibt es zweitausend evangelische Kirchen, zu fast hundert Prozent denkmalgeschützt, aber immer mehr Kirchen sind verschlossen.

In den beiden großen christlichen Kirchen finden Pfarrbildprozesse und eine Neuorientierung gemeindlicher Arbeit statt. Angesichts von Mitgliederrückgängen, immer größeren Parochiezuschnitten durch Zusammenlegung und auch Nachfolgeengpässen bei Pfarrern werden Fragen nach der Zukunftsperspektive lauter. Damit verbunden sind neben der Auflistung von Fehlstellen und Defiziten auch ressourcenorientierte auf neue Qualitäten ausgerichtete Ansätze zu finden. In vielen Bistümern und Landeskirchen finden solche Suchprozesse statt. „Gemeinsam auf dem Weg“ ist man in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, wo der Prozess, die „Volkskirche qualitativ weiterzuentwickeln“, bis 2026 angelegt ist (www.ekkw.de/unsere_kirche/reformprozess.html). In der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern wird seit 2017 „Profil und Konzentration“ eingefordert. Zum Leitsatz „Kirche im Raum“ wird im Coburger Beschluss ausgeführt: „Raumübergreifende Dienste sind so weit wie möglich vom Bedarf in den Handlungsräumen her definiert.“ (Landessynode Bayern 2017) Diese Selbstwahrnehmung über die Perspektive der Kirchengemeinde hinaus ins Umfeld, ins Quartier und dessen Entwicklung ist für viele Gemeinden neu.

Neu definiertes Kerngeschäft

Auch in den kirchlich-verbandlichen Systemen findet ein Umdenken statt, das Chancen für eine starke Neupositionierung bietet. Orts- und raumbezogene Ansätze sozialen Handelns werden in den Wohlfahrtsverbänden strategisch weiterentwickelt: Die Gemeinwesendiakonie und der Sozialraum-Kongress von EKD und Diakonie Deutschland „Wir und Hier: Gemeinsam Lebensräume gestalten“ im April 2020 in Hamburg (www.
wirundhier-kongress.de/
) sowie die Sozialraumorientierung in der Caritasarbeit stehen für diese perspektivischen Überlegungen.

Welche Rolle kann Kirche heutzutage in der Stadtentwicklung einnehmen? Die Herausforderung liegt in diesen Diskussionssträngen darin, das etablierte „Kerngeschäft“ neu zu definieren und sich die Frage zu stellen: Was brauchen die Menschen in unserem Stadtteil? Und was können die Kirchengemeinde oder der soziale Dienst im Quartier dazu beitragen? Dazu müssen die eigene Rolle und Haltung reflektiert werden. Die verbandliche Einrichtung wie auch die Kirchengemeinde kann mit ihren Möglichkeiten und Kompetenzen der ortsnahen Wahrnehmung und Beobachtung von sozialen Entwicklungen vor Ort eine Seismografenfunktion einnehmen. Sie kann – in benachteiligten Stadtteilen, in entleerten Ortschaften ohne soziale Infrastruktur oder in anderen Umbruchsituationen – aktiv daran mitarbeiten, funktionierende Sozialräume zu gestalten und Notlagen zu verhindern oder zu überwinden.

Und sie kann Räume öffnen, um konfessionsübergreifend Orte der Begegnung und Integration für sozialen Zusammenhalt und Teilhabe zu ermöglichen und soziale Infrastrukturen zielgruppenübergreifend und inklusiv weiterzuentwickeln.

Ferner kann sie mit der Kommune längerfristig zusammenarbeiten und stabile soziale Netze schaffen, wenn es um gesamtstädtische oder auf den Stadtteil/Bezirk bezogene integrierte Entwicklungsstrategien und Handlungskonzepte geht. Werte und Ziele von Kirchengemeinden sowie ihrer Wohlfahrtsverbände und Träger haben für das Zusammenleben im Quartier große Überschneidungspunkte mit den kommunalen Zielen einer sozialen Stadtentwicklung.

Bedarf an Synergien

Kommunen stehen den immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Entwicklungen mit begrenzten Ressourcen und entsprechender Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit gegenüber. Die Rolle der Kommune ist sehr wichtig, ist aber auch für die Komplexität der Aufgaben zu ertüchtigen. Sie muss zunehmend ermöglichen, koordinieren, bündeln, steuern. Integrierte Stadt- und Quartiersentwicklung ist dabei ein relevantes Handlungsfeld. Neben den demografischen Herausforderungen und dem Aufrechterhalten von Versorgungsstrukturen treffen Handlungsfelder wie Wohnen und Arbeiten, Bildung und Kultur, Engagement und Teilhabe, Klima und Umwelt, Mobilität und Verkehr in ihren Wechselwirkungen alltäglich im Quartier, in der Nachbarschaft zusammen und führen in der Nutzungsvielfalt, manchmal auch Nutzungskonflikten, zu komplexen Abwägungserfordernissen. Es gibt einen steigenden Bedarf an Synergien und verteilten Zuständigkeiten statt parallel verlaufender Doppelstrukturen in verschiedenen Handlungsfeldern und Ressorts.

Ein Nachbarschaftsgefüge kann nur gemeinsam geknüpft werden. Einzelne Akteure können diese Aufgaben nicht allein bewältigen. Mit dem Anspruch einer partizipativen Planung stößt man kommunal auf unterschiedliche Artikulationsfähigkeiten von Einzelinteressen. Einige Bewohnergruppen können ihre individuellen Lebensstile mit umfassenden Bedarfen an zum Beispiel Wohnangeboten, Mobilität, Infrastruktur, Bildungsausstattung mit starker Stimme einfordern. Die Interessen benachteiligter Gruppen, die sich durch Lebenslagen, Generationen oder Herkünfte unterscheiden, sind in diesen Partizipationsprozessen eher schwach vertreten und haben auf dem regulären Wohnungsmarkt keine Chance – dies sind keine guten Rahmenbedingungen für den Zusammenhalt im Quartier. Aufgrund mangelnder materieller und sozialer Ressourcen sind diese Zielgruppen nur eingeschränkt mobil und müssen ihre gesellschaftliche Teilhabe in ihrem Quartier umsetzen. Sie sind auf integrationsfähige Quartiere angewiesen, in denen günstiger Wohnraum und eine soziale Infrastruktur mit Bildungseinrichtungen, Gemeinschafts- und Begegnungsstätten als förderliches Umfeld für stabile Nachbarschaften zur Verfügung stehen.

Die bundesweite ökumenische Plattform „Kirche findet Stadt“ wurde ab 2011 als Pilotprojekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik im Bundesbauministerium aufgebaut. Unter dem Titel „Innovations- und Experimentierfelder für eine partnerschaftliche Entwicklung lebenswerter Quartiere“ haben Deutscher Caritasverband und Diakonie Deutschland gemeinsam mit dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz und dem Kirchenamt der EKD gute Praxis untersucht und Thesen und Empfehlungen für das Zusammenleben im Quartier abgeleitet.

„Kirche findet Stadt“ hat in vier quartiersrelevanten Handlungsfeldern mit kirchlich-verbandlicher Beteiligung Aktivitäten zusammengeführt und strategisch diskutiert, die für Fragen des sozialen Zusammenhalts und der Förderung selbstbestimmter Teilhabe zentral sind. Dort kommen sozial- und stadtentwicklungspolitisch relevante Ansätze zusammen: Wohnen und Bekämpfung der Folgen von Armut und Ausgrenzung, generationenübergreifendes Zusammenleben, Zentren und Orte der Begegnung und Integration und Gesundheitsförderung, Prävention und Inklusion.

Die Anforderungen an eine als integrierte Querschnittsaufgabe verstandene soziale Daseinsvorsorge werden vor Ort, im Quartier dekliniert. Kirchengemeinden müssen angesichts begrenzter Ressourcen erst lernen, dass dies keine zusätzliche Aufgabe ist, sondern eine andere Aufgabe, die auf sie zukommt. Es gilt, den sozialen Zusammenhalt im Gemeinwesen als Daueraufgabe der Stadtgesellschaft konkret zu gestalten und mit vereinten Kräften auch finanziell zu stemmen. Für eine soziale Stadt- und Quartiersentwicklung sind Allianzen notwendig, bei denen die Akteure gewohnte Pfade verlassen, Verantwortung delegieren und teilen und sich auf verschiedene Handlungslogiken einlassen.

Fragen der Federführung und Spielregeln stellen sich in diesem Kontext neu. Die Akteure im Quartier, darunter auch die Kirchen, „müssen sich neu erfinden“, es bietet sich aber auch eine Chance für eine Stärkung der eigenen Rolle. Die Zeit- und Handlungsfenster für diese bisher ungewohnten Aushandlungsprozesse sind vermutlich größer denn je. Um gemeinsame Arbeitsstrukturen zu installieren, muss man – und das ist alles andere als trivial – voneinander wissen, aufeinander zugehen: Kirchengemeinden, verbandliche Einrichtungen und Kommunen mit ihren relevanten Ressorts wie Stadtentwicklung, Soziales, Jugend, Gesundheit, sowie weitere Akteure. Fachstrukturen in den Verwaltungen folgen meist sektoralen Logiken. Es braucht einen regelmäßigen ressortübergreifenden Austausch und Dialog mit anderen Akteuren zu Schnittmengen und präventiver Quartiersarbeit und ihren Wirkungen – mit Gestaltungsspielräumen auf Umsetzungsebene und bei den Entscheidungsträgern. Die Zusammenarbeit lässt sich dabei nicht nur funktional (Mieter oder Zielgruppe) sehen, sondern viel strategischer als Potenzial ausbauen. Unerlässlich dafür: Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Vertrauen.



 

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