Vom Osten lernen

Die kleiner werdende Kirche der Zukunft wirft große Schatten

Chronos war kein Sympathieträger. In der griechischen Mythologie stand er, später oft dargestellt mit Stundenglas und Sichel, für das unbarmherzige Fortschreiten der Zeit. So gesehen war es ganz passend, dass die Synodalen in Dresden dieser Figur in der Rede des Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm begegneten. Denn die Zeit der Kirche, zumindest so, wie wir sie kennen, läuft ab. Bis 2060 wird die Zahl der Kirchenmitglieder um die Hälfte sinken.

Heinrich Bedford-Strohm setzte dem Prinzip des Chronos das der mythologischen Figur Kairos entgegen, der Jüngling mit Flügeln, der nicht zu fassen und doch so wirkungsvoll ist. Er zündet „göttliche Funken“, die in Gang bringen, was sonst nicht gelingen will. „Für uns als Kirche heißt das: Warten lernen auf solche Kairos-Momente“, mahnte Bedford-Strohm. Denn die größte Herausforderung für die Kirche sei ja nicht, dass sie zu wenig tue, sondern, „dass wir zu wenig hören, auf Gott hören, seinen Wegen nachspüren und unser Tun darauf ausrichten, den Erfolg unseres Tuns in seine Hand legen“. Was aber nicht bedeute, die Hände in den Schoß zu legen. „Niemand sollte Aktivität und Kontemplation gegeneinander ausspielen.“

Der Ratsvorsitzende verwies rhetorisch geschickt auf das Beispiel der Kirchen in der DDR und ihre Rolle bei der politischen Wende vor dreißig Jahren. Die „enge Verbindung von Frömmigkeit und gesellschaftlichem Engagement“ sei eine der wichtigsten Erfahrungen, die die EKD von der Kirche der DDR aufnehmen könne. Eine kleiner werdende Kirche muss nicht an Bedeutung verlieren, so die Botschaft an die Synodalen.

Die Präses der Synode, Irmgard Schwaetzer, nahm den Ball in ihrer Rede auf. „Unsere Kirche wird in zwanzig oder vierzig Jahren sehr anders aussehen. Und wir haben die Möglichkeit, diese Veränderung zu gestalten.“ Das werde zu schwierigen Abschieden führen, denn es betreffe auch „die Strukturen, Gesetze und Formate, die nur noch für einen sehr kleinen Kreis sinnvoll erscheinen, jedoch auf das Ganze des kirchlichen Lebens gesehen keine Resonanz hervorrufen. Wir brauchen Kraft, um uns davon zu trennen und Freiraum für Neues, Anderes zu schaffen.“

Was das genau bedeutet, soll im kommenden Jahr unter anderem gemeinsam mit dem sogenannten „Z-Team“ erarbeitet werden, das die Erfahrungen aus dem Reformationsjubiläum aufnimmt und in Dresden Grundüberlegungen zur „kleiner werdenden Kirche der Zukunft“ mit den Synodalen teilte. Noch blieb der Bericht schlagwortartig, forderte eine stärke Vernetzung der kirchlichen Arbeit, ein dynamisches Mitgliedschaftsrecht mit unterschiedlichen finanziellen Belastungen und den „Rückbau von gewachsenen, aber verbrauchten Routinen und resonanzlosen kirchlichen Aktivitäten“. Dem ist schwer zu widersprechen, die Konkretisierung wird aber gewiss zu Konflikten führen.

Zumal es ja auch um Geld geht. Die EKD will ihre Ausgaben um ein Drittel bis 2030 senken. Das bedeutet, dass bestimmte Arbeitsbereiche künftig mit deutlich weniger Geld auskommen müssen oder ganz aufgegeben werden. Welche das sein werden, wird schon bald klar gesagt werden müssen. Denn die kommende Synode 2020 in Berlin soll ganz im Zeichen dieser Debatte stehen.

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