Geht es auch ohne?

Der Sonntagsgottesdienst scheint zum Auslaufmodell zu werden
Foto: epd/ Bertold Fernkorn
Foto: epd/ Bertold Fernkorn
Keine Ausnahme: Leere Bankreihen prägen so manchen Sonntagsgottesdienst.

Nur drei bis vier Prozent aller evangelischen Kirchenmitglieder gehen regelmäßig in den Sonntagsgottesdienst. Ist er deswegen verzichtbar und sollte durch zielgruppenorientierte Gottesdienste ersetzt werden? Darüber wird unter Gemeindemitgliedern und Theologen diskutiert. Der Journalist Thomas Klatt beschreibt die unterschiedlichen Positionen.

Die so genannte Kirchgangsstudie der EKD hat es an den Tag gebracht: Die allermeisten Christen spricht der Sonntagsgottesdienst schon lange nicht mehr an. Er dient vor allem der Selbstbestätigung derjenigen, die zum harten Kern der Gemeinde gehören, also höchstens drei bis vier Prozent aller Kirchensteuerzahler. Zudem findet eine immer größere Ausdifferenzierung der Gottesdienste statt, vom Krabbel-Familiengottesdienst bis zum Motorrad- oder Ebaygottesdienst mit zuvor online versteigertem Predigtthema irgendwann in der Woche. Wenn Menschen in eine Kirche gehen, dann suchen sie vor allem die Ruhe des sakralen Raumes und den Genuss der Musik. Wozu sollte eine Gemeinde dann aber überhaupt noch regelmäßig jeden Sonntag Gottesdienste anbieten?

In der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord in Berlin etwa wird derzeit darüber nachgedacht, an zwei von drei Predigtstandorten keine regelmäßigen Sonntagsgottesdienste mehr anzubieten. Das sorgt für Unruhe unter den Gemeindemitgliedern: „Ohne Gottesdienste merkt man vom christlichen Glauben in unserer Gesellschaft relativ wenig. Du sollst den Feiertag heiligen, und dazu zählt für mich der Sonntag“, sagt etwa Hansjürg Schößler. Und Martin Gagel ergänzt: „Sonntagsgottesdienste sind Anfang und Ende der Woche. Sie sind Sammelort für alle unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde. Und sie sind Schutzraum für Leute, die einsam sind, die suchen. Es ist der einzige Tag, an dem die Kirche sicher offen ist.“

Aber von mehreren Tausend Gemeindegliedern gehen kaum mehr als einhundert Menschen in den allsonntäglichen Gottesdienst, manchmal nur wenige Dutzend. Ist es da nicht sinnvoll, die Frequenz an den schwächer besuchten Gottesdienststandorten auszudünnen? „Ich finde es einfach wichtig. Ob es sich lohnt, sei dahingestellt. Ich finde das muss bleiben“, zeigt sich Dorothee Börtzler hartnäckig.

In Hannover bei der Evangelischen Kirche in Deutschland denkt man da schon anders. Cheftheologe Thies Gundlach, Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, hält nichts davon, auf Biegen und Brechen am Sonntagsgottesdienst festzuhalten. „Der Sonntagsgottesdienst ist eine zentrale Veranstaltung, aber nicht die einzige. Das soll man in großer evangelischer Freiheit vor Ort reflektieren. Wir sollten den Kollegen nicht aufs Auge drücken, dass sie unbedingt jeden Sonntag einen Gottesdienst anbieten müssen, egal ob jemand kommt. Das ist eine Ideologie, die ich nicht teilen kann“, erklärt Gundlach.

Für Engagierte

Die aktuelle EKD-Studie der Liturgischen Konferenz hebt hervor, dass der Sonntagsgottesdienst insbesondere für Mitarbeitende und ehrenamtlich Engagierte wichtig ist. Er diene vor allem der Selbstvergewisserung. Wolle man aber die große Mehrheit der Kirchensteuerzahler erreichen, vielleicht sogar kirchenferne Menschen missionieren, müsste sich das Pfarrpersonal etwas anderes einfallen lassen, sagt Thies Gundlach weiter: „Andere Gottesdienstformen haben auch hohe Bedeutung. Prüft alles und behaltet das Gute! Schaut, ob die Gottesdienste, die ihr mit Liebe und Intensität und Qualität macht, auch noch andere erreichen als die schon Engagierten.“

Der aktuelle Trend heißt „Thematische Zielgruppengottesdienste“, also spirituelle Angebote für bestimmte Personengruppen statt einen Sonntagsgottesdienst für alle. Zukünftig wird es wohl vermehrt Spezialpredigten und -liturgien geben für Paare mit Kinderwunsch, Schwangere, Krabbelkinder, Vor-Kita, Kita-, Vorschul-, Grundschul- und Hochbegabtenkinder… Von der Wiege bis zur Bahre für jede Lebenslage? Die Menschen gehen nicht mehr in die Kirche, sondern die Kirche kommt zu den Menschen?

Für den Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes ist das grundsätzlich der richtige Weg. „Das ist eine kluge Reaktion unserer Kirche auf die Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft. Der Sonntagsmorgengottesdienst steht in der geistlichen Tradition einer ländlichen, von Bauern geprägten Gesellschaft. Aber viele Menschen haben heute einen anderen Biorhythmus“, sagt Thies Gundlach.

Die Mitte der Gemeinde sei zwar weiterhin der geglaubte Jesus Christus, nur der sei an verschiedenen Orten. Die Gesamtgemeinde komme auch in Familiengottesdiensten oder Konzerten zusammen. Die Gemeinde sei eben pluraler geworden, und darauf müsse das Pfarrpersonal mit flexiblen Angeboten reagieren.

Doch da gibt es Widerspruch, nicht nur bei treuen Gottesdienstbesuchern. Für die Berliner Kirchenhistorikerin Dorothea Wendebourg etwa sind die neuesten EKD-Überlegungen zur Relativierung des Sonntagsgottesdienstes eine geradezu unevangelische Entwicklung. „Es gibt keine Kirche als Gemeinschaft, wenn sie sich nicht im regelmäßigen Zusammenkommen um Wort, Sakrament, Gebet definiert und auch vollzieht“, sagt Wendebourg. Und weiter: „Der Laden fällt sonst vollends auseinander. Wir brauchen dann keine studierten Theologen mehr, keine wissenschaftliche Bibelauslegung. Wir könnten ein Sozialverein werden. Wir können uns bei Greenpeace anketten oder beim Paritätischen Wohlfahrtsverband. Aber Kirche definiert sich als communio sanctorum, als Gemeinschaft der Heiligen.“ Und das nicht immer wieder zu speziellen Kinder-, Jugend-, Eltern- oder Seniorengebeten, sondern in der zentralen Zusammenkunft aller Christen der Gemeinde und ihrer Gäste am Sonntag.

Allerdings mache es das Pfarrpersonal dabei den Gläubigen allzu oft schwer. „Wir haben viel zu viele Gottesdienste, die Leerlauf bieten, die anöden, die den Menschen verdummen. Wir haben zu viele Pastoren, die einem Sachen zumuten, die man sich als denkender Mensch nicht zumuten lassen muss. Der Gottesdienst ist weitgehend leer, weil er schlecht ist, und hat natürlich keine Ausstrahlung, weil er leer ist. Das ist eine schlimme Zirkelbewegung“, sagt die evangelische Kirchenhistorikerin. Nur weil Gottesdienste schlecht gemacht seien, heiße das aber nicht, dass sie nicht mehr wichtig seien. Für Dorothea Wendebourg ist der Sonntagsgottesdienst unaufgebbar, gerade auch um der Professionellen willen: „Wir haben eine Entwicklung, in der viele Pfarrer Aktivitäten ohne Ende entwickeln. Die haben dann einen Burnout, und was es noch so gibt, aber sie haben kein Zentrum ihrer Aktivität. Das Zentrum kann nur ein geistliches sein.“

Auch für Pfarrer Steffen Reiche aus der evangelischen Kirche Berlin-Nikolassee bleibt der Sonntagsgottesdienst Zentrum der Gemeinde. Die mangelnde Akzeptanz bei den Gläubigen habe vor allem etwas mit seinem eigenen Berufsstand zu tun. „Die meisten Gemeinden sind doch leer gepredigt von Pfarrern, die nichts zu sagen haben. Von Pfarrern, die sich nicht genügend gut vorbereiten. Von Pfarrern, die keinen Glauben mehr haben“, schimpft der ehemalige brandenburgische Landesminister.

Kollegenschelte

Allzu oft jammerten Pfarrer, sie hätten keine Zeit. Wenn, dann nur, um spezielle Gottesdienste für bestimmte Gemeinde- und Gesellschaftsgruppen vorzubereiten, vom Krabbelgottesdienst bis zu Andachten im Altenheim. Das aber sei Unsinn, kritisiert der evangelische Theologe seine eigenen Kollegen:

„Der Pfarrberuf ist der freieste Beruf, den es in Deutschland gibt. Wenn man ein wenig im Studium oder im Leben gelernt hat, sich selbst zu organisieren, bleibt genug Zeit, auch diese Sondergottesdienste als Angebot für Menschen in besonderen Situationen zu machen. Aber die Argumentation, dass man dafür das Zentrum vergessen sollte, das ist schlicht absurd.“

Steffen Reiche bringt seine Kollegenschelte auf den Punkt. Im Grunde seien viele Theologinnen und Theologen auf ihrer Stelle falsch, wenn sie die Predigt und die Zuwendung zur Gemeinde lediglich als Job auffassten: „Ich habe noch nie am Sonntag gearbeitet. Wer als Pfarrer am Sonntag arbeitet, der hat nichts vom Evangelium verstanden. Der hat seine Aufgabe, seine Rolle im Gottesdienst nicht verstanden. Ich feiere mit der Gemeinde gleichberechtigt Gottesdienst, habe zwar eine besondere Rolle, die ich aber gerne übernehme und die mir selber auch Freude macht und die mir Kraft gibt und nicht Kraft nimmt.“

Wer jedoch seine eigene Predigt nicht ernst nehme, den würden auch die Menschen nicht ernst nehmen. Von daher sei jeder Sonntagsgottesdienst ein lebendiger Prozess. Reiche selbst beschäftigt sich die ganze Woche über mit der Predigtperikope, macht sich Notizen und denkt nach über das, worüber er am Sonntag reden will. Der Bibeltext müsse vom lebendigen Glauben her durchdacht, durchbetet, durchknetet werden. „So dass Menschen merken, da gibt jemand keine vorgestanzten Antworten, sondern da kommt jemand am Sonntag aus dem Gespräch mit Gott, aus dem Gespräch mit der Gemeinde und gibt seine eigenen Erfahrungen wieder“, sagt Reiche.

Das bedeute nicht, dass man nicht auch mit neuen Formen experimentieren könne. Die Gottesdienstnachbesprechung heißt in Nikolassee etwa „Predigt und Pasta“: ein einfaches aber leckeres Mittagessen im Tennis-Club vis-à-vis, zu dem viele Predigthörer gerne kämen

Die Kirchgangsstudie der EKD hat hervorgebracht, dass viele Menschen neben der Musik besonders die Architektur und die Atmosphäre des sakralen Raumes schätzten. Wäre es da nicht sinnvoll, den Gläubigen genau das zu bieten? Eine Aufsichtsperson hält die Kirche permanent offen. Musik wird vom Band abgespielt. An Audiostationen können sich Interessierte per Kopfhörer die besten Predigten der letzten Jahre als Podcast anhören. Sollte es wirklich mal eine Taufe oder eine Beerdigung geben, so könnten das auch Bestattungs-Redner oder freie Theologen übernehmen. Wäre das nicht alles wesentlich effektiver und kostengünstiger als das in der Regel A13-Gehalt beziehende Pfarrpersonal?

Nein, sagt Steffen Reiche. Er sieht sich als lebendiger Hirte und Begleiter seiner Gemeinde. Kein Beruf, eher eine Berufung, die nicht mal eben von Teilzeit- oder Honorarkräften übernommen werden kann. Und: „Predigt ist keine Konserve. Predigen heißt doch in eine Gemeinschaft, die sich an diesem Ort, an diesem Tag trifft, so hineinzureden, dass die Menschen merken, sie sind gemeint. Dass ein Pfarrer nicht neben seiner Gemeinde, sondern mit seiner Gemeinde, in seiner Gemeinde lebt.“

Unaufgebbarer Pfarrerberuf

Da ist dann auch Thies Gundlach von der EKD ganz bei seinem evangelischen Kollegen aus Berlin. Der Pfarrberuf sei unaufgebbar. Und damit eben auch die direkte und lebendige Auslegung des Wortes Gottes in der Kirche. „Jede Predigttheorie beginnt damit, dass die Performance, die Ansprache, das direkte Wort nicht vergleichbar ist mit einem vorgelesenen Text oder gar einer aufgenommenen Predigt. Die Erzeugung einer Atmosphäre, auch Emotion, das kann man nie ganz ersetzen“, erklärt Gundlach.

Nur muss das unbedingt an jedem Sonntagmorgen sein? Wenn die EKD alle Sonntagsgottesdienste aufgäbe, würden das doch nur drei bis vier Prozent der evangelischen Christen merken, also die regelmäßigen Besucher. Zwar gäbe es dann eine gewisse Einbuße bei den Kollekten, aber der Großteil der Kirchensteuereinnahmen würde weiter sprudeln. Denn die allermeisten Kirchensteuerzahler liegen am Sonntagmorgen im Bett, arbeiten oder gehen Hobbys nach. Dieses Gedankenspiel ist dann selbst für Thies Gundlach zu viel: „Ich bezweifele die These, dass das keiner merkt von den 96 Prozent. Weil es schon den Grundgedanken gibt, dass sich am Sonntag die Christen auch stellvertretend für viele andere treffen und beten. Das ist eine emotionale Wahrnehmung für die, die da nicht hingehen. Es ist eine relativ wichtige Dimension zu wissen, da wird geläutet, da gehen Menschen hin, die beten. Ich selbst zwar nicht, aber ich bin froh, dass das gemacht wird.“

Sollte der regelmäßige Sonntagsgottesdienst also doch nicht aufgegeben werden? Anscheinend hat sich die EKD noch nicht festgelegt, welcher Linie sie folgen soll, der Tradition oder der individualistischen Moderne. Angesichts dieser eindeutigen Uneindeutigkeit scheint eines sicher: Die innerevangelische Diskussion wird weiter gehen.

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