Lasst den Jugendfimmel sein!

Foto: privat

Die #digitaleKirche hat sich mit ihrer Orientierung auf junge Menschen verrannt. Es ist Zeit, erwachsen zu werden!

BBC-Nachrichtenlegende Jeremy Paxman verpackte es anlässlich der James MacTaggart Memorial Lecture des Edinburgh International Television Festival 2007 (!) in knappe Worte: Das Fernsehen werde von mittelalten Menschen, die kaum selbst vor der Röhre sitzen, für die Zielgruppe junger Menschen produziert, die noch weniger hinschauen, während es doch von alten Menschen angeschaut wird. Junge Menschen guckten nicht in die Glotze, weil sie Besseres zu tun hätten. Warum also nicht das Programm machen, das die älteren Stammzuschauer gerne haben? Sie schauen noch zu und zahlen die Gebühren. 

Eine junge Kirche

Junge Menschen werden mit Schule, Ausbildung und Studium vollgeballert, sind mit Verlieben, Freunden und Feiern ausgelastet. Hunderttausende von ihnen leben das alles übrigens in der Kirche. Wer junge Menschen erreichen will, der muss anständige Arbeitsstellen in der Jugendarbeit schaffen, Jugendkirchen finanzieren und auf die Jugendmitarbeiter*innen vor Ort hören.

Wenn die Kirche junge Menschen erreichen will, dann muss sie selbst junge Kirche werden. Auf der EKD-Synode zu Beginn der Woche wurde beschlossen, dass zukünftig 28 der 128 EKD-Synodalen zum Zeitpunkt ihrer Wahl unter 27 Jahren alt sein müssen. Die Synode wird sich dadurch verändern. Endlich sitzen junge Menschen nicht nur bei den Beratungen dabei und können gelegentlich das Wort erheben oder einen Antrag stellen, sie werden ab der nächsten Synode in großer Zahl als stimmberechtigte Mitglieder Verantwortung tragen. In der EKD-Synode sind in Zukunft junge Menschen überrepräsentiert – um der Zukunft willen.

Die #digitaleKirche muss runter von ihrem Jugendtrip!

Kirche im digitalen Raum aber ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern kirchliche Realität. Dass sich die verfasste Kirche im Netz sichtbar und ansprechbar macht, ist für alle Menschen – egal welchen Alters – wichtig, die ihren Glauben jenseits der traditionellen kirchlichen Angebote leben. Und #digitaleKirche im engeren Sinne führt an vielen unterschiedlichen Stellen im Netz Menschen zusammen, die hoch engagiert christliches Leben in unserer Gesellschaft gestalten. Darum es ist es gut, dass auch die EKD peu à peu zu ihnen aufschließt und z.B. mit dem Digital-Innovationsfonds Mittel für das Engagement in der Fläche bereitstellt.

Wer dieses Engagement beobachtet, dem wird klar: Es sind bei weitem nicht nur „junge Menschen“, die im Digitalen ihren Glauben leben und kommunizieren. Da sind Theologie-Cracks und Professor*innen. Da sind lebenserfahrene Christ*innen, Kirchenmitarbeiter*innen und Pfarrer*innen, die im halb-privaten Ehrenamt Trauernden Trost und Geknickten Mut zu sprechen, ein paar gefaltete Hände reichen, wenn jemand von Prüfungen oder Arbeitsplatzwechsel schreibt, Herzchen und Jubelworte senden, wo Geburten, Hochzeiten, Erfolge gefeiert werden.

Da sind vor allem viele Mütter und Väter, Eltern, Paten und Großeltern: Alle auf der Suche danach, wie man heute christliche Familie sein kann, zwischen traditionellen Rollenbildern, Arbeitsstress und -Frust und auch zwischen Windeln und Zeichentrickfilmen und Kinder-Apps auf dem Tablet. In ihren unseren Diskussionen geben wir einander Zeugnis, danken und loben, bitten und flehen. So wird aus den fünf Minuten Nachrichtencheck auf Facebook oder Twitter und aus dem Blick in die WhatsApp-Gruppen Zeit, die wir mit Gott verbringen, weil wir sie mit Menschen teilen, in deren Gesichtern und Nachrichten wir ihn erkennen.

„Wir alle müssen verwandelt werden, um das Angesicht Gottes in unseren Mitmenschen zu erkennen“, erinnerte Rev. Elaine Neuenfeldt die EKD-Synodalen in ihrer Morgenandacht über Kain und Abel am Montag dieser Woche. „When you truly see the face of your brother [and sister], you truly see the face of God.“ Für Umkehr, Vergebung und Segen ist man nie zu alt.

Vielmehr sind es gerade diejenigen, die schon ein Stück weiter auf dem Lebensweg gegangen sind, die aus ihren Erfahrungen so erzählen können, dass sich auch jüngere Menschen wahrgenommen, getröstet und gestärkt fühlen. In ihren Geschichten und in ihrer Zuwendung kommuniziert sich Evangelium. Ich brauche dafür keinen 20jährigen, der vor einer Kamera herumwackelt und den HERRn lobpreist. Wenn die evangelische Publizistik nun also daran geht, das Netz mit vielen professionell produzierten Produkten zu bespielen, in denen evangelischer Glaube „zur Sprache kommt“, dann dürfen diese Stimmen nicht fehlen.

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