Mut zum Risiko

Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 10. November

Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar; und wer dir den Mantel nimmt, dem verweigere auch den Rock nicht. Wer dich bittet, dem gib; und wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück. (Lukas 6,29–30)

Manchmal erhalte ich unverhofft ein Upgrade. Da bekomme ich in einem Hotel überraschend ein besseres Zimmer für das Geld, das ich für das gebuchte einfachere Zimmer gezahlt hätte. Oder ich kann plötzlich doppelt so viele Fotos speichern wie bisher, ohne dass ich dafür mehr bezahlen muss.

Meist bleibe ich skeptisch, auch wenn ich die Angebote dankbar annehme. Denn ich weiß: Sie entspringen nicht purer Menschenfreundlichkeit, sondern klugem ökonomischem Kalkül. „Ich gebe, damit du gibst“, hieß es nicht ohne Grund schon bei den Römern.

Was sich in manchen Fällen unschwer als versteckte ökonomische Taktik entlarven lässt, ist bei Jesus anscheinend Programm. Auch noch die andere Backe hinhalten, wenn man auf der einen schon abgewatscht worden ist. Wer das Hemd will, bekommt die Jeans umsonst dazu. Geld wird nicht verliehen, sondern verschenkt – ohne den Gedanken an eine Rückforderung, womöglich noch mit Zinsen.

Das ist doch fernab jeglicher Realität und – jedweder Erfahrung. Ich spüre: In mir baut sich Widerstand auf. Aber genau bei diesem Gefühl setzt Jesus an. Einen Euro hergeben und eine Stunde, wenn jemand mich braucht, ist eigentlich nichts. Schon gar nicht etwas Besonderes. Es ist kein Akt der Großzügigkeit, sondern eher einer, der sich aus Restbeständen von Höflichkeit und Mitmenschlichkeit speist.

Wer aber mehr gibt, überschreitet eine Grenze, die von wenig Lebenserfahrung zeugt. Sie ist in höchstem Maße unvernünftig – oder sie orientiert sich an den Maßstäben der Liebe. Und Liebe rechnet sich nie. Ja, sie muss sich gar nicht rechnen. Denn Liebe entzieht sich allen ökonomischen Erklärungsmodellen. Und im Extremfall weist sie sogar einen Weg, mit dem Feind angemessen umzugehen. In der „Feldrede“ Jesu, die Lukas überliefert und der die obigen Verse entnommen sind, wird ein Verhalten beschrieben, das alle anderen Modelle gelingenden Zusammenlebens aus den Angeln hebt. Und es kann tatsächlich funktionieren. Wir müssen es nur riskieren.

Offene Grenze

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 17. November

Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen. (Hiob 14,16–17)

Ein Gottesglaube, der im Konjunktiv daherkommt: Meine Sünden fielen bei Gott nicht ins Gewicht. Und zu guter Letzt würde Gott mein Versagen sogar übertünchen.

Was sind das für Aussichten im November, wenn das jahreszeitlich bedingte Vergehen der Pracht der Natur zum Bild menschlicher Vergänglichkeit wird. So gleicht mein Leben einer Blume, die nur kurz aufblüht, ehe sich ihre Blüten nach unten neigen und alle Schönheit dahin ist. Wie sehr es menschlichem Forschen und Therapieren auch gelingen mag, die Blütezeit zu verlängern, der Weg vom Leben ins Sterben ist unumkehrbar.

So weit, so trist, könnte man sagen, käme diese Einsicht nicht von Hiob. Denn er zeigt an seinem Leben exemplarisch auf, dass sich der Hinweis auf ein Leben in Fülle nicht auf den großen Verlust des irdischen Lebens bezieht, den der Tod für uns bedeutet, sondern womöglich auf das, was noch aussteht.

Hiob gibt der erfahrungsgesättigten Theologie seiner Freunde den Abschied. Energisch legt er Widerspruch ein. Er tut das nicht in sicherem Wissen. Aber er nimmt die Möglichkeit ernst, dass alles doch noch einmal ganz anders kommen kann. Zumindest dann, wenn Gott im Spiel des Lebens mitmischt.

Schon in einer Zeit, in der noch keine Vorstellung von einem Leben jenseits der Grenze unserer biologischen Existenz in der Welt ist, schließt Hiob nicht aus, dass die scheinbar endgültige Grenze seines Lebens bei Gott gar keine ist.

So könnte Hiob in einer Zeit wie der unsrigen, in der die Vorstellung eines Lebens jenseits des jetzigen immer weniger in der Welt ist, zum Modell für die Vorstellung werden, dass immer noch etwas aussteht.

Er beschreibt diese Möglichkeit zwar nun im Konjunktiv. Vorösterlich gewissermaßen. Aber sie ist in der Welt. Unausrottbar bis auf diesen Tag. Weil Gott den Konjunktiv des Hiob immer wieder in den Indikativ des Glaubens verwandelt.

Alles anders

Totensonntag, 24. November

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen. (Johannes 5,24)

Ich nehme verschiedenste Weisen des Umgangs mit dem Tod wahr. Verdrängen gehört genauso dazu wie eine naive Vertröstung auf das Jenseits. Esoterische Weltflucht genauso wie die Hoffnung, im Rad der Wiedergeburten irgendwie davonzukommen, um das Leben noch einmal zu probieren.

Angesichts dessen bin ich richtig froh über den Satz, den der Evangelist Johannes Jesus in den Mund legt. Denn hier führt Jesus den Zuhörenden eine weitere Weise des Umgangs mit dem Tod vor Augen, mehr noch: Er senkt sie ihnen ins Herz. Hier steht nicht der Umgang mit dem Tod im Mittelpunkt, sondern das Leben. Hier wird eine wirklich revolutionäre Theologie entwickelt. Denn ewiges Leben beginnt nicht irgendwann einmal, am Ende der Zeiten, sondern schon jetzt, hier auf der Erde. Und das lässt mich schon jetzt von der Ewigkeit träumen und von ihr kosten. Denn wenn Religion einen Sinn haben soll, dann doch den, mein Leben schon hier, auf dieser Erde, zum Besseren zu verändern.

Dass irgendwann einmal alles himmlisch wird, hilft mir nur begrenzt, wenn ich die Gegenwart als bedrängend erlebe. Aber dass alles schon jetzt anders wird, mitten in meinem Leben, und dass Leben meine endgültige Perspektive darstellt, nicht der Tod, stellt alles auf den Kopf.

Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, an dem wir nach Worten suchen, um Menschen zu helfen, den Tod Nahestehender in ihre Lebensgeschichte zu integrieren, gehen diese Worte Jesu über alle Erwartung hinaus, alle vertraute Erfahrungen mit dem Tod aus den Angeln hebend.

Alles neu

1. Advent, 1. Dezember

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. (Römer 13,12)

Die Dämmerung ist die Grauzone des Tages. Zwielicht im eigentlichen Sinn des Wortes, ganz ohne irgendeinen negativen Beigeschmack gemeint. Am Morgen habe ich vom Tag noch etwas zu erwarten. Da ist noch viel Spiel drin. Und die Sicherheit, dass noch etwas kommt.

Das 13. Kapitel des Briefes, den Paulus an die Christen in Rom geschrieben hat, steht meist als der Text im Fokus, der die Beziehung zum Staat, zur „Obrigkeit“ beschreibt – und das unter vordemokratischen Rahmenbedingungen, indem er die Regierung als von Gott eingesetzt beschreibt. Tatsächlich geht es aber um die Beschreibung des Verhältnisses zwischen den Widrigkeiten der Gegenwart und einer Zukunft, in der – im Lichte Gottes – eine bessere Zeit anbricht.

Das Kirchenjahr wendet hier Theologie in die Sprache des Kalenders und der Tagesstruktur. Der erste Advent ist der Morgen des Kirchenjahrs. Die Sonntage mit den Themen, bei denen es ums Ganze unseres Lebens ging, sind für ein Jahr wieder Geschichte. Eine Zeit der Erwartung der neuen Welt Gottes bricht an. Und die Erwartung des Anbruchs eines neuen Jahres, die sich dann einen Monat später am Übergang von Silvester zu Neujahr wiederholt.

Die Erwartung eines besseren Neuen ist kein Alleinstellungsmerkmal von Religion. Aber Paulus bietet eine spezifische Deutung. Denn er ordnet das Neue nicht einfach in die Vorstellung eines Kreislaufs des ewig Gleichen ein. Der Apostel lässt das Neue vielmehr von außen hereinbrechen. Und wir sollen diesen neuen Zeiten mit einem neuen Verhalten entsprechen. Damit alles Zwielicht zum Verschwinden kommt. Und Gottes neue Welt wirklich werden kann.

Gute Umdeutung

2. Advent, 8. Dezember 

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. (Lukas 21,28)

Apokalyptik steht in Mode. Ja, es gibt Menschen, die nicht genug davon bekommen können, das Ende der Welt in glühenden Farben auszumalen. Meist liegt dem nicht die Absicht zugrunde, den Status quo und was daraus werden könnte, realistisch zu beschreiben. Kassandra-Rufer am breiter werdenden Rand des politischen Spektrums bedienen sich dieser Methode, um ihre Rezepte unter die Leute zu bringen. Und was nicht in das eigene Weltbild passt, muss möglichst ausgemerzt werden, weil es die vertrauten Sicherheiten ins Wanken bringt. So wird Apokalyptik in unseren Tagen in eigener – politischer oder ökonomischer – Absicht missbraucht.

Die Apokalyptik als theologisch begründete Strömung der Weltdeutung war auch zur Zeit Jesu in Mode. Mehr noch: Sie nahm den Spitzenplatz unter den damaligen Angeboten ein, die Zeichen der Zeit im Horizont des eigenen Gottesglaubens zu verstehen. Kein Wunder: Die politischen Wirren, das Vorgehen der römischen Besatzer und Himmelserscheinungen, die auch die fachkundigen Sterndeuter nicht einzuschätzen wussten, ließen Böses ahnen. So ist es bemerkenswert und tröstlich, wie Jesus die erwartete, verheerende Zukunft umdeutet. Sie bedeutet nicht das Ende, sondern nur eine Epoche im Vorübergehen. Denn das Ende bedeutet nicht Untergang, sondern völligen Neuanfang. Die apokalyptischen Katastrophen bilden nur die Negativfolie, vor der die erwartete Zukunft umso strahlender herbeigehofft werden kann. Sie sind Zeichen, dass etwas ans Ende kommt, schmerzhaft zwar, aber im Vorletzten verbleibend.

So dürfen wir erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. Schlechte Zeiten für die Apokalyptiker der Gegenwart – Gott sei Dank!

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