„Nicht rastlos alles zusammenkratzen“

Evangelische Sparsamkeit als dialektisches Gesamtkunstwerk
Foto: DHM
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Plakat des deutschen Sparkassenverbandes, 1918.

Sparsamkeit und Gebefreudigkeit sind im Lebensraum evangelische Kirche eine wundersame Allianz eingegangen, meint der Theologe und Literat Okko Herlyn, der bis 2011 als Professor an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum lehrte.

Was es mit evangelischer Sparsamkeit auf sich hat, muss man jemandem, der nach dem Krieg in einem reformierten Pfarrhaus aufgewachsen ist, nicht lange erklären. Sicher, auch andere sind mit der erzieherischen Maxime, dass grundsätzlich „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“, groß geworden. In diesem Fall allerdings wohnte dem elterlichen Gebot, mit den Dingen des täglichen Bedarfs doch gefälligst nachhaltig umzugehen, nicht selten auch ein leicht theologischer Unterton inne. Im Dunstkreis von morgendlichem Psalmengesang und abendlichem Kalenderblatt konnte etwa der Auftrag, mit der Quarkschüssel doch bitte „Rest zu machen“, auch schon mal mit einem „auf dass nichts umkomme“ biblisch unterfüttert werden. Sparsamkeit als christlicher Life-Style.

In den späteren Jahren jugendlichen Begehrens nach den Attraktivitäten dieser Welt – etwa einer eigenen Peter-Kraus-Platte – begegnete einem jene, der Wirtschaftlichkeit verpflichtete Lebenseinstellung gerne in dem apodiktischen Urteil, dass irgendetwas einfach „zu teuer“ sei. Warum Fußballschuhe von „adidas“ kaufen, wenn es auch die preisgünstigeren von „Quelle“ tun? Warum „richtige Nietenhosen“ anschaffen, wenn man die nur leicht ausgebeulten Samtcords des älteren Bruders noch gut „auftragen“ kann? Der Einwand, dass man damit woanders wohl eher keinen übergroßen Eindruck hinterlassen werde, wurde in der Regel mit dem Hinweis, dass man schließlich „nicht man“ sei, rigide zum Verstummen gebracht. Sparsamkeit als Einübung in unangepasstes Sozialverhalten.

Deshalb konnte man zu Zeiten des Studiums, in denen sich andere lechzend über die berühmte Behauptung Max Webers von der unheilvollen Auswirkung der protestantischen Ethik auf das westliche Wirtschaftssystem hermachten, auch nur müde lächeln. Calvinistisches Knausern? Evangelische Bescheidenheit? Christlich motiviertes Kürzertreten? Alles bereits mit der Muttermilch eingesogen. Von jenem Pfarrerssohn wird berichtet, dass er – vierjährig in der Zinkbadewanne sitzend – die scharfsinnige Frage gestellt habe, warum „wir denn auch Brustwarzen haben.“ Mann gäbe doch den Babys keine Milch. Der theologisch etwas blassen Antwort seiner Mutter, dass „ihr eben so von Gott geschaffen seid“, wusste er – und hier schlug offenbar bereits seine reformierte Sozialisation durch – mit dem ethisch durchaus plausiblen Satz zu begegnen: „Denn ist das ja Verschwendung.“ Sparsamkeit im Modus praktisch-philosophischen Nachdenkens über Sinn und Zweck des Daseins als Aufdeckung der Fraglichkeit menschlicher Existenz.

Reformierte Verschwendungsphobie

Nein, den guten alten protestantischen Grundsatz, das nun einmal nur zur Verfügung Stehende möglichst beieinander zu halten, muss man jemandem, der die ersten Jahre seines Lebens in einem reformierten Pfarrhaus der Nachkriegszeit verbringen durfte, in der Tat nicht lange erklären. Überrascht wird man dann auch nicht mehr von der Tatsache, dass – zumindest in der Landeskirche, der er inzwischen zugehört – jedes neu gewählte Presbyterium mit der biblischen Mahnung zu „guter Haushalterschaft“ auf den Weg geschickt wird. Unvergessen jener Finanzkirchmeister, der einen beim Zählen der sonntäglichen Kollekte in der Sakristei darüber zu belehren pflegte, dass es in der Kirche „auf jeden Pfennig ankomme“, den man deshalb auch bitteschön sorgfältigst zu verwalten habe. Zum Wohle der Gemeinde und so letztlich auch zur Ehre Gottes. Dass in derselben Kirche irgendwann einmal schlappe zwanzig Millionen so eben in den Virgin Islands versenkt wurden – geschenkt. Man muss es mit der Sparsamkeit ja schließlich nicht übertreiben. „Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.“ Spätestens hier scheint es an der Zeit, auch einmal das Hohe Lied spezifisch reformierter Verschwendungsphobie zu singen. Man kennt es: keine Bilder, kein Kreuz, keine bunten Fenster, kein Schmuck, keine Kerzen, keine Blumen, kein Weihnachtsbaum, kein Krippenspiel, keine Fotos des neuen Konfirmandenjahrgangs mit Angabe von Hobby, Lieblingspizza und Internetadresse. Überdies auch keine weiteren geschmacklichen Ambitionen, was etwa die Decke des Abendmahlstisches anbelangt. Schlicht Kirche zum Wohlfühlen, sagen wir mal: wie in einer winterlichen italienischen Eisdiele. Alles möglichst sachlich, nüchtern, weiß gekalkt, ungemütlich und schlecht geheizt. Kirche des Wortes. Alles andere wäre ja Bilder- und damit Götzendienst. Also heidnisch oder – noch schlimmer – sogar katholisch. Was andere rasch als bloße konfessionalistische Marotte abtun, entpuppt sich hier bei Lichte als faszinierender theologischer Gedanke: Sparen als religiöser Verzicht. Gewissermaßen – hier irrte übrigens Max Weber – als Gestalt gewordene Verwerfung aller Werkgerechtigkeit.

Und dann gerät man unversehens in den Gottesdienst einer jungen, selbstgewissen und Online-bewanderten Vikarin, die auf der Kanzel ein interessantes Wort des alten Kirchenvaters Augustin zu Gehör bringt. Und die auf die spätere Nachfrage, wo man denn dieses Zitat wohl noch einmal zu Hause in Ruhe nachlesen könne – etwa in den Augustinischen „Bekenntnissen“ oder den „Selbstgesprächen“ –, die erfrischende Antwort bereithält, sie habe es „aus dem Internet“. Sparsamkeit im Dienste zeitnaher Verkündigung. Eindrucksvoll, wie der theologische Nachwuchs mittlerweile mit seinem pastoralen Auftrag umzugehen weiß, wo frühere Generationen noch meinten, die angebliche „Predigtnot“ larmoyant beklagen zu müssen oder sich über der aufgeschlagenen Bibel ganze Nächte um die Ohren schlugen. Reine Lebenszeitvernichtung. Das christlicherseits also ordentlich begründete Gebot, mit den nun einmal begrenzten Ressourcen des Lebens verantwortlich umzugehen, muss dann wohl auch jene Weisen bewogen haben, die irgendwann einmal auf die ökonomisch einleuchtende Idee kamen, so genannte „Predigtbanken“ einzurichten. Wofür noch auf Sportschau und Dschungelcamp verzichten, wenn es auch mit einem einfachen Mausklick getan ist? Warum sich noch mit Hiob, der Bergpredigt oder einem unverdaulichen Paulustext abquälen, wenn das schon andere für einen mundgerecht erledigt haben?

Kann man – so das schlagende Argument der digitalen Predigtsammler – die so gewonnene Zeit nicht anderweitig besser nutzen? Etwa zu Hausbesuch und Seelsorge? Dass allenthalben genau darüber Beschwerde geführt wird, dass Pfarrerinnen und Pfarrer „nicht mehr in die Häuser kommen“ – was tut’s? Die eingesparte Energie ist bei der liebevollen Pflege der gemeindlichen Homepage ohnehin effektiver eingesetzt. Auch das ein Beitrag zum Thema „sinnvolle Rücklagenbildung“.

Gerne wird man sich bei der Gelegenheit auch jenes gewitzten Pfarrers aus dem Oberbergischen erinnern dürfen, der angesichts des überdurchschnittlichen Anfalls an Beerdigungen in seiner Gemeinde auf den schlichten, aber gleichwohl genialen Einfall verfiel, einfach nur noch drei Standardansprachen vorzuhalten. Eine für die betagte Oma. Eine für den viel zu früh verstorbenen Familienvater. Und eine mehr allgemein gehaltene für alle weiteren Fälle des Ablebens. Den Einwand, dass solch eine Kasualpraxis doch spätestens beim zweiten Mal peinlich auffallen könnte, wusste er mit dem nur schwer zu entkräftenden Hinweis zu kontern, dass erstens doch jeweils immer andere Leute in der Friedhofskapelle säßen, und zweitens bei solchen Anlässen ohnehin niemand – weil von Trauer verhüllt – ernsthaft zuhöre. Seit es „Word“ gebe, stelle dabei auch die Technik kein wirkliches Problem mehr dar. Wo früher flüssiges Tipp-Ex seine auf Dauer eher unschöne Spuren in der Kladde hinterlassen habe, setze er heute einfach die betreffenden Daten ein. Schließlich habe man es jeweils mit einer anderen zu bestattenden Person zu tun. Bei aller Liebe zur Zeitökonomie gehe es bei solchen Grenzfällen des Lebens doch nach wie vor zuerst um den Menschen. Sparen im Dienste personenzentrierter Seelsorge.

Inzwischen kann man dankbar feststellen, dass sich das urprotestantische Credo, mit dem Wenigen, das man nun einmal hat, eher zurückhaltend umzugehen, mehr und mehr auch auf anderen Feldern des kirchlichen Lebens durchzusetzen beginnt. Warum sich noch viele Gedanken um die Gestaltung eines Gottesdienstes machen, wenn man doch auf in Jahrhunderten bewährten liturgischen Geleisen genauso gut durch den Sonntagmorgen kommt? Warum sich noch große Mühe mit einem zeitgemäßen und menschengerechten Gemeindeaufbau machen, wenn „wir es doch immer schon so gemacht haben“? Warum unbedingt nach neuen Ideen für das jährliche Gemeindefest fahnden, wenn man es doch mit Waffeln, Grillwürstchen, Hüpfburg und natürlich einem Familiengottesdienst wieder genauso wie beim letzten Mal halten kann? Warum bei einer Trauung noch ein eigenes Gebet formulieren, wenn doch „Die 36 schönsten Fürbitten für deine Hochzeit“ längst für kleines Geld käuflich zu erwerben sind? Wofür sich um Himmels willen noch theologische Bücher ins Regal stellen (wir erinnern uns: „zu teuer“) oder gar lesen (wir erinnern uns: „Zeitökonomie“), wenn einem doch alles Wichtige mit Hilfe irgendeines „Gemeinsamen Wortes“ gabelfertig serviert wird? Warum überhaupt noch selber lange theologisch nachdenken, wo es doch die eine oder andere fromme Floskel auch tut? Wer hier von „Kaputtsparen“ redet, hat das evangelische Nachhaltigkeitsprinzip nicht verstanden. Sparen als offenes kirchliches Gesamtkunstwerk.

Allenfalls halbe Wahrheit

Der Ehrlichkeit halber sollte man am Ende allerdings auch einmal erwähnen, dass die Verherrlichung des Sparens in der evangelischen Kirche allenfalls die halbe Wahrheit ist. Bekanntlich geißelte bereits Johannes Calvin in seiner „Insti-tutio“ von 1536 die Untugend, „rastlos von allen Seiten alles zusammenzukratzen“. Ausgerechnet er, der Oberreformierte. Aber wie Recht er doch hatte. Denn wenn es zum Beispiel um die Verbreitung von Allerweltweisheiten geht, kann die Kirche ja durchaus großzügig sein. So ist es nun auch wieder nicht. „Hoffnung heißt auch immer: ein Stück weit offen sein für die Zukunft.“ Wie viele Kirchentagsteilnehmer sind nicht schon mit solch klugen Sätzen reichlich ins Nachdenken gebracht worden. Und was wäre die eine oder andere menschliche Tragödie, wenn sie nicht flugs die ganze Palette routiniert-pastoraler Betroffenheitsperformance auf den Plan riefe. Nein, mangelnde Gebefreudigkeit wird man der Kirche so schnell nicht vorwerfen können. Ja, geradezu verschwenderisch kann es zugehen, wenn wieder einmal die besondere Botschaft eines biblischen Textes auf den Punkt zu bringen ist: „Gott liebt dich so, wie du bist.“ Kaum noch eine Predigt ohne diese „Summe des Evangeliums“, wie das in der wissenschaftlichen Theologie genannt wird. Sie hat zudem für sich, sich nur noch unwesentlich von irgendeiner Gute-Laune-Anzeige zu unterscheiden: „Liebe
Sabine, bleib, wie du bist.“ Kirche nahe bei den Menschen.

Bleibt nur die Frage, ob man theologische Sparsamkeit einerseits und großzügiges Phrasenausteilen andererseits überhaupt als einen Widerspruch empfinden muss. Schon die Bibel weiß bekanntlich etwas von dem geheimnisvollen Zusammenhang vermeintlicher Gegensätze: „Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit“ (Prediger 3,5). Nie etwas – wir befinden uns immerhin im Karl-Barth-Jahr – von Dialektik gehört? Also: Knickerigkeit als ganz neue Form des Verjubelns kirchlichen Tafelsilbers. Man gönnt sich ja sonst nichts.


 

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